Tagebuch
eines schlimmen Jahres.
Roman von J. M. Coetzee (2008,
S. Fischer - Übertragung Reinhild Böhnke).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der
NRZ vom
2.08.20008:
Der Schriftsteller Señor C ist ein „zerknitterter Alter",
eine graue Eminenz, der aktuell die Kraft für einen neuen Roman fehlt. Er war
einmal verheiratet, jetzt lebt er allein in Sydney. Es kommt ihm ziemlich
gelegen, dass ein deutscher Verlag ihn um kleine Essays für eine Anthologie
bittet, in der öffentlich darüber räsoniert werden soll, woran die Welt krankt.
Also plündert er den Vorrat unserer Empörungen, schreibt über Bush junior und
die Ohnmacht gegenüber dem Staat, über neue Feinde, die irrationaler sind als
die alten sowjetischen, über das Totalitäre der Demokratie, Al Quaida,
Guantanamo und das Schlachten von Tieren, über nationale und andere Schande,
Mathematik und Apartheid.
Unter anderem der Nobelpreis
Er schreibt über die Themen des J. M. Coetzee, der ihn erfunden hat und dem er
sehr ähnlich ist. „Kein Mensch ist eine Insel", zitiert er John Donne herbei
über die Jahrhunderte, wie das Coetzee schon in seinen Memoiren getan hatte und
irgendwie ahnt er auch das Ordensband nahen, das dem richtigen Coetzee 2003
nebst dem Nobelpreis umgehängt wurde. Dieses Buch, das ohne Genrebezeichnung
erschien, weil es kein richtiger Roman ist, beschreibt eine Wiedereingliederung.
Dabei nimmt es oft Bezug auf „Schande", den besten Roman eines der besten
Autoren unserer Gegenwart.
„Die halbe Literatur handelt davon: junge Frauen, die dem erdrückenden Gewicht
alter Männer zu entkommen suchen, um der Gattung willen", heißt es dort. In der
Waschküche sieht er Anya, jene junge Frau im „tomatenroten Hängerkleidchen ...
so aufregend kurz". Sie reagiert auf seine sehnsuchtsvollen Blicke mit gezieltem
Hinternwackeln. Er beginnt, glückliche Zufälle zu planen, und macht sie zu
seiner gut bezahlten Sekretärin.
Wie auf einem geteilten Bildschirm von horizontalen Linien getrennt, liest man
Seite für Seite die Essays und die tatsächlichen Ereignisse aus seiner und aus
ihrer Sicht. Was optisch wie ein Experiment der Moderne anmutet, stellt sich als
Coetzees einfachstes Buch heraus, auch wenn man sich vor- und zurückblätternd an
das Verfahren gewöhnen muss. Der alte Mann und das Mehr, das ihn in die
Gesellschaft zurückholen wird: Darum geht es. Anya, die mit dem zynischen
Anlageberater Alan liiert ist, wird zum Katalysator der Reaktionen zweier Männer
unterschiedlicher Generationen. Muse ist sie für den einen, der andere will sie
als Erfüllungsgehilfin beim virtuellen Plündern des Autorenkontos. Hier einer,
der langsam ethische Positionen definiert, dort einer, der die Poesie aus den
Augen verlor, weil sie auf dem Börsenparkett nur stört. Dazwischen sie. Das Ende
ist gut. Das Buch ist es auch, obwohl (oder weil?) Coetzee noch nie so schlicht
erzählt hat. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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