Tagbilder und Gegenwelten.
Anthologie des Kärntner Schriftstellerverbandes, hrsg. von
Gerard Kanduth (2004, Hermagoras).
Besprechung von Helmut Schönauer
, 26.07.2004:
Große Dinge wie das Recht, die Liebe oder die Literatur müssen auf überschaubare Verwaltungsgrößen hinuntergezoomt werden, damit man ihrer irgendwie habhaft werden kann. So gibt es also Bezirksgerichte, Standesämter und Schriftstellerverbände, um diese letztlich unfassbaren Felder zu beackern.
Der Kärntner Schriftstellerverband ist so eine Einrichtung, die geduldig und mit gegenseitiger Wertschätzung ein gewisses Spektrum der Kärntner Gegenwartsliteratur abdeckt. Die Anthologie „Tagbilder Gegenwelten“ ist eine Bestandsaufnahme, was in Kärnten gerade geschrieben wird, ein biographisches Fotoalbum, worin man die Lebensläufe seiner Literaturfreunde nachblättern kann, und schließlich ein Stück gedrucktes Selbstbewusstsein. Denn Kärnten ist ja nicht nur ein Stück politisch einmalige Randlage, sondern auch literarisch gesehen eine eigenständige Bühne, auf der die besten Gedanken um ihre Verbreitung ringen.
Den Schriftstellern wurde es freigestellt, mit welchen Textsorten sie im Album präsent sein sollten, insgesamt haben 26 Autorinnen und Autoren fast ausnahmslos Originalbeiträge geschickt.
Engelbert Obernosterer eröffnet den Band mit einer skurrilen Eingangsgeschichte über ein Eingangsportal, das alle Stückeln spielt. Die Analogie liegt nahe, dass sich Hausherrn an der Pforte des Hauses und Dichter an der Schwelle des Textes ähnlich verhalten, Bewegungsmelder, schwere Knaufe, bronzene Wörter, alles dient dazu, innerhalb von Sekundenbruchteilen schweren Eindruck zu schinden.
Alois Brandstetter
erfüllt den Wunsch nach permanenten Wortspenden, in denen der Hintersinn der
harmlosen Wörter aufgedeckt wird.
Gert Jonke stellt ein Stück aus den Stoffgewittern zur Verfügung, während
Josef Winkler von den gehobelten
Sargabfällen als Engelshaar schwärmt.
Immerhin drei Tiroler Autoren sind in der Kärntner Anthologie vertreten. Einmal Alois Hotschnig, in Berg im Drautal geboren, der in Innsbruck zu einem „Weltschriftsteller“ geworden ist. Sein Text „Unter Tag. Schwaz“ spürt der so genannten Messerschmitthalle nach, in der während des Krieges Zwangsarbeiter zu Tode gekommen sind. Heute ist diese unterirdische Anlage scheinbar unsichtbar und sauber verdrängt, wie so vieles. Die Literatur wird bei Alois Hotschnig zur Schürferin in verschütteten Stollen der Geschichte.
Franz Mitterdorfer aus Obertilliach, der als Psychologe am Landeskrankenhaus Klagenfurt zur Gesundung der eigenen Seele Gedichtbände publiziert, stellt berührende Gedichte vom Tod des Vaters vor.
„in deinem off’nen mund / ruht ein halber gruß / ein halbes wort / ein halber wunsch / mein gruß / ist stilles schau’n / still bleibt das nie gesagte wort / ich leg’s dir vater in den sarg / an stirn und wangen / und in den augenwinkel / soll dein wunsch zum ganzen werden / soll ich jetzt geh’n / und tun“ (102).
Und schließlich die gute Seele des Kärntner Schriftstellerverbandes, Gerard Kanduth, aus Lienz stammend, der den Verein zusammenhält und immer wieder dafür sorgt, dass Kärnten auch Literarisch in der Welt wahrgenommen wird, nicht bloß durch seine Seebühnen und Gummitreffen der Golffahrer.
Tagbilder und Gegenwelten führen in ein aktuelles Kärnten, voller Stoff, Lebenslust und natürlich auch in jene Melancholie, für die das Land weltberühmt ist.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenauer-literatur.com]
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