Tagame von Kenzaburo Oe, 2005, S. Fischer

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Tagame. Berlin-Tokyo.
Roman von Kenzaburô Oe (2005, S. Fischer - Übertragung Nora Bierich).
Besprechung von Christine Diller im Münchner Merkur, 13.09.2005:

Exotisches Leseerlebnis
Kenzaburô Ôe: "Tagame. Berlin - Tokyo"

Sie leben miteinander in einer engen Beziehung, in fast schon körperlicher Abhängigkeit - der Schriftsteller Kogito Chôkô und seine Bibliothek. In der er arbeitet, in der er schläft. Chôkô, soeben von einer Gastprofessur in Berlin nach Tokio zurückgekehrt, schaut in seiner Jetlag-Fiebrigkeit plötzlich wie von außen auf sich selbst: "Und in seinem Schädel sah man ein rotes Herz.

Mehrere feine Blutgefäße waren direkt mit einer Herzklappe verbunden und traten aus dem Kopf aus. Wenn er genau hinsah, reichte jedes Einzelne zu jeweils einem Buch im Regal hinüber. In dieser durch die Blutgefäße vermittelten Verbindung zwischen ihm und den Büchern spürte er eine große Geborgenheit, begleitet vom melancholischen Gefühl des Verlusts."

Zwei Bilder von Frida Kahlo haben den japanischen Autor Chôkô, Alter Ego von Kenzaburô Ôe, zu dieser Vorstellung animiert. Und diese beschreibt auch das Verhältnis des Romanerzählers zum Geschilderten. Denn der Erzähler, fast immer dicht bei der Figur Chôkô, bildet mit den vielen verschlüsselten Erinnerungs- und Innerlichkeitspassagen ein autarkes, in sich geschlossenes System. Es scheint fast, als sei der Leser ein Eindringling, der mit seinem Staunen und seiner Wissbegier die intime Nabelschau stört.

Tagame, der Schildkäfer, ist ein Abspielgerät

Der Nobelpreisträger Kenzaburô Ôe macht es einem mit seinem Buch "Tagame. Berlin - Tokyo" nicht leicht. Mit dem Herzen im Kopf - wie in jenem fantasierten Bild - zergliedert und zergrübelt er Eindrücke, Lebensmomente; nicht etwa Emotionen. Fast schon klischeehaft erfüllt dieser Roman die Erwartung von der asiatischen höflichen Distanziertheit. Denn die Charaktere, ihre Beweggründe und Abgründe bleiben fremd und fern.

Dabei spielt das Buch zu einem großen Teil in Berlin, dabei weckt seine Hauptfigur überdies unsere Neugier. Denn Ôe erzählt unverkennbar von sich selbst. Von einem Autor, der in den Wäldern der Insel Shikoku aufwuchs und die Schwester seines besten Freundes heiratete. Ihn aber, einen Filmregisseur, verlor er durch Selbstmord. So ging es Ôe tatsächlich mit seinem Freund Juzo Itami. Auch hat Ôe wie seine Romanfigur einen behinderten, als Komponisten erfolgreichen Sohn. Und Ôe hatte in Berlin die Samuel-Fischer-Gastprofessur inne, während der dieses Buch entstanden sein muss.

Verfolgt von mysteriösen, dunklen Mächten

Diese Berliner Zeit wird zur Entziehungskur für Kogito Chôkô. Denn der Freund Gorô hatte vor seinem Tod für ihn eine große Menge Kassetten mit Selbstgesprächen besprochen und sie ihm zusammen mit einem Abspielgerät hinterlassen. Vom Abhören dieses Geräts - Tagame, "Schildkäfer", genannt - wird Chôkô depressiv und süchtig nach den Worten des Toten. Da der Verstorbene häufig in Berlin arbeitete, rafft Chôkô sich auf, geht dessen Spuren nach und sucht Gründe für seinen Tod.

Ungefähr 80 Seiten lang dreht sich dieses Buch wie die Tonbänder um sich selbst. Chôkô liegt in seiner Bibliothek und zieht sich die akustischen Erinnerungen rein. Die Berliner Zeit wird mit ihren merkwürdigen Begegnungen zwar spannender, aber nicht erhellender. Erst als er abtaucht in ein Schlüsselerlebnis der beiden Freunde, ist etwas zu ahnen von den Psychodramen, die dieser Roman andeutet, aber nicht ausführt.

Während der amerikanischen Besatzungszeit nach dem Krieg gerieten die beiden damals Jugendlichen in die Fänge einer nationalistischen Gruppierung, der Chôkôs Vater einmal vorgestanden hatte. Die Freundschaft der beiden wird auf eine Probe gestellt. Auch später werden sie von mysteriösen, dunklen Mächten verfolgt, den Mafia-ähnlichen Yakuza etwa.
Bei aller Zartheit und Intimität, die dieser Roman mehr und mehr verströmt, bleibt er rätselhaft und verschlossen. Und ob es nun an der Übersetzung liegt oder am Verfasser, die innere Logik des Buches, seine Rückbezüge sind stellenweise schwer nachvollziehbar. Ein anspruchsvolles, exotisches Leseerlebnis, das die Bereitschaft voraussetzt, am Ungesagten mehr Gefallen zu finden als am Geschriebenen.

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Tagame von Kenzaburo Oe, 2005, S. Fischer2.)

Tagame. Berlin-Tokyo.
Roman von Kenzaburô Oe (2005, S. Fischer - Übertragung Nora Bierich).
Besprechung von Marion Löhndorf in Neue Zürcher Zeitung vom 15.9.2005:

Tod eines Freundes
Kenzaburo Oes Roman «Tagame. Berlin – Tokyo»

Kenzaburo Oes neuer Roman beschäftigt sich mit vielem: Film, Literatur, Politik, Selbstmord, Japan und dem Berliner Winter. So vielfältig wie die Themen – und das sind nur einige – ist auch der Detailreichtum. Alles ist fein und klug miteinander verwoben. Aber es braucht viele Seiten, bis das Sinn-Geflecht sichtbar wird; es dauert lange, bis man begreift, dass die Einzelheiten hier nicht um ihrer selbst oder der Dekoration willen diesen Roman zustellen: Sie haben ihren Platz, ihre Bedeutung, ihren Zusammenhang.

Der Ausgangs-, Dreh- und Angelpunkt ist der Selbstmord eines erfolgreichen Filmschauspielers und -regisseurs: Goro hat sich betrunken von einem Hochhausdach gestürzt. Über die Gründe erfährt man zunächst nichts. Zu den Hinterbliebenen gehören der Schriftsteller Kogito und dessen Frau, die zugleich die Schwester des Toten ist. Kogito erhält einen Koffer mit von Goro vor seinem Tod besprochenen Tonbändern, die er nach dessen Selbstmord unablässig und nahezu obsessiv hört: Sie ersetzen ihm den Dialog mit dem besten Freund und übertönen für eine gewisse Zeit die Frage nach den Gründen für den Suizid.

Charismatische Figur

Um sich von der suchtartigen Beschäftigung mit den Tonbändern zu lösen, nimmt Kogito einen Ortswechsel vor und akzeptiert eine Gastprofessur an der Freien Universität Berlin: Hundert Tage verbringt er in selbst gewählter «Quarantäne» im grauen Berliner Winter. Aber auch in Abwesenheit von Goros Stimme entgeht er den Erinnerungen nicht: Ein Fernsehteam interviewt Kogito während der Berliner Filmfestspiele über ein Leinwandprojekt, das Goro vorantreiben wollte. Im gleichen Zusammenhang, aber ohne erkennbares Ziel, spricht ihn die Mutter einer Bekannten Goros an.

Es zeigt sich, dass Kogito nicht der Einzige ist, der sich Goros Strahlkraft nicht entziehen konnte: Von allen, die ihm begegneten, wurde er als charismatische Figur wahrgenommen. Über die Gründe für seinen Selbstmord aber können auch die ihm an nächsten Stehenden nur vage spekulieren, selbst als deutlich wird, dass es viele dunkle – ungeklärte – Punkte in Goros Leben gab. So etwa ein mysteriöser Überfall von japanischen Mafiosi, nach einem Film, in dem Goro deren Methoden authentisch geschildert hatte. Eine blutige Begegnung mit Rechtsextremen, die Goro in der Jugend mit Kogito teilte, wird als Lebenswende bezeichnet, aber nur verrätselt dargestellt.

Kogitos postume Beschäftigung mit dem Freund führt zur Bestandsaufnahme der eigenen Existenz, denn immer wieder äussert sich Goro in den hinterlassenen Tonbändern auch über ihn. So unbegreiflich wie Goro für Kogito erscheint, war dies auch umgekehrt der Fall: «Aber du hattest für mich schon mit siebzehn, achtzehn Jahren etwas nicht recht Fassbares. Du warst ein viel schwierigerer Text, als du selbst zugegeben hättest. Obwohl du tief aus den Bergen stammtest, oder vielleicht gerade deswegen, warst du ein wirklich fremder Text.» Die Auseinandersetzung mit Goros Selbstmord lässt auch Kogito den eigenen Tod «als ein nicht allzu weit entferntes Projekt» ins Auge fassen.

Zu den Gemeinsamkeiten der Freunde gehört die fortwährende intellektuelle und künstlerische Kategorisierung aller Dinge von existenzieller Bedeutung: einen Menschen als Text zu begreifen, den Tod als Projekt. Einen Schlüssel zu ihrem Leben fanden die Freunde im Werk von Rimbaud, und einen Erklärungsansatz für Goros Selbstmord entdeckt Kogito am Ende in einer Farbskizze, die Goro ein paar Monate vor seinem Tod angefertigt hatte.

Schlüsselroman

Schon von den ersten Seiten an wird deutlich, dass es sich bei Oes Erzählung um einen kaum verhüllten Schlüsselroman handelt. Die Detailgenauigkeit verleiht dem Text die Authentizität eines dokumentarischen Werks, aus dem das Persönliche, das Umständliche und die Redundanz konkreter Lebenswirklichkeiten nicht herausgefiltert wurden. Herauszufinden, dass es sich bei Goro um den grossen, gesellschaftskritischen Filmemacher Juzo Itami handelt, ist eine einfache Übung: Immerhin wird der Film, der ihn im Westen bekannt machte, «Tampopo» (1986), unverhüllt beim Namen genannt, ebenso wie die Umstände seines Todes. Auch Kogito ist unschwer als Kenzaburo Oe zu erkennen, auch wenn die Personen seines Lebens – der behinderte Sohn etwa oder der einflussreiche Literaturprofessor – ebenfalls unter anderen Namen auftreten.

Selbst die eigene – auch in diesem Fall zum Zuge kommende – Schreibweise reflektiert Oe via Kogito: «Kogito hatte in seinem Buch ‹Wie ich Romane schreibe› – er hatte es für die Taschenbuchausgabe leicht umgeschrieben und im Kultursender des Fernsehens in mehreren Folgen darüber gesprochen – den Gedanken der ‹Wiederholung mit Verschiebungen› entwickelt . . .» Die Verflechtungen von Kunst, Kunsttheorie, persönlicher Biografie und politischen Ereignissen, von Leben, Film und Literatur, von Querverweisen zwischen japanischer und europäischer Kultur und von Bezugslinien zwischen Vergangenheit, Gegenwart und schliesslich sogar der Zukunft machen Oes Roman zu einer komplexen Lektüre. Die Unmittelbarkeit und Dringlichkeit seines Schreibens aber wiegen die Beschwernis der labyrinthischen Gedankenwege, die lesend nachvollzogen werden müssen, wieder auf. Das rührende Herzstück des Romans ist die unablässige Bemühung, dem Sujet so nah wie möglich zu kommen, herauszufinden, was Leben und Tod des Freundes ausmachte. Dabei schliesst das Bestehen auf der Wahrheit ein Scheitern an ihr nicht aus: Am Ende bleiben viele Fragen offen, die grössten Rätsel ungelöst.

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