Tabu II.
Tagebücher 1971-72 von Peter Rühmkorf, (2004, Rowohlt).
Besprechung von Wolf Scheller in den Nürnberger Nachrichten vom 22.10.2004:

Poet, Pamphletist, Prediger und Provokateur
Der Schriftsteller Peter Rühmkorf legt zum 75. Geburtstag den zweiten Teil seiner Tagebücher vor

Die „bleierne Zeit“, die RAF oder „B & M“, wie Rühmkorf schreibt - das nimmt seinen Anfang in den Jahren 71/72, mit allem, was der sich damals aufrüstende westdeutsche Teilstaat so zu bieten hatte. Und mittendrin Peter Rühmkorf, der aus Dortmund stammende „Prediger mit der Schiebermütze“ (Reich-Ranicki), der am 25. Oktober 75 Jahre alt wird: Prediger - eine zutreffende Charakterisierung, damals schon. Aber „Tabu II“, die Fortsetzung der Tagebücher „Tabu I“, schaut nicht mehr der Schöpfung unter die Röcke, sondern erzählt von den wunderlichen Karriereversuchen eines Mittvierzigers aus der linken Hamburger Schickeria.

Rühmkorf war wie viele damals „auf der Suche“ und wurde bedrängt durch das herbe Geschick von Ulrike Meinhof, noch mehr aber von der bangen Frage nach der Aufnahme seines Theaterstücks „Lombard gibt den Letzten“. Es geht also kunterbunt in diesem Leben zu. Und so entwickelt sich bei Rühmkorf bei allen Paradoxien, die er lyrisch, parodistisch vertritt, so etwas wie eine echte Theologie, mit der er sich, nach außen hin zwar als Rationalist und Materialist präsentiert, in Wahrheit aber eher einer verkappten Metaphysik hinterher dichtet.

Rühmkorf sorgt sich in diesen Jahren, um sich selbst vor allem. Das konnten wir schon in „Tabu I“ aus den Jahren 89 - 98 als segensreiche Selbsterkenntnis lesen: „Ich sage: wer Lyrik schreibt, ist verrückt,/wer sie für wahr nimmt, wird es,“ heißt es in „Hochseil“, einem eher programmatischen Gedicht.

In „Tabu II“ dominiert das Erstaunen, auch die Erschütterung angesichts gesellschaftlicher Veränderungen, die das nackte Gesicht von Gewalt und Terror entblößen.

Zwanzig Jahre später ist Rühmkorf fast am Ende seines Lateins: „Eine neue Welt, mit der ich positiv nichts Rechtes mehr anfangen kann . . . Ein Vernichtungsgefühl.“ Dabei war dieser Schalk nie ein Utopist. Und so schnell mochte er sich sein reformsozialistisches Weltbild von der Wirklichkeit auch nicht kaputt machen lassen. Der Kollege Martin Walser kam ihm da in die Quere - „diese gesamtdeutsche Dröhntüte, pastoses Zeug wie aus der Majonaisetube“. Oder auch Handke: „Verwöhntes Kerlchen, das seine Gereiztheiten als innere Verwerfungen ausstellt.“

Immer ist es vor allem die sprühende Sprachfindung, die Formulierungsgabe, die Rühmkorf heraushebt aus dem Mainstream poetischer Geläufigkeit. Er ist kein Poet für Festreden, vielmehr ein „Altlinker“, der sich in seiner desparaten Gemütslage im äußersten Spottwinkel einnistet. Der Lyriker, Pamphletist, Essayist, Märchenonkel und Reimforscher aus Hamburg hat sich aus dem Gezänk der Gegenwart freilich nie ganz heraushalten können. Schon als er das „Pensionsalter“ erreicht hatte, als seine Revoluzzervergangenheit nur noch an der schmucken Ballonmütze zu erkennen war - da erwischte es schließlich auch den Poeten: „Inzwischen haben auch mich die Gnadengüsse voll erfaßt.“

Damit meinte er wohl auch den Büchner-Preis, den er schließlich und endlich auch bekam. Nicht ganz zu Unrecht witterte er auch Arges: „Man glaubt, ein Autor sei mit einem Preis wirtschaftlich versorgt, sein Zorn aufgehoben, seine Missstimmung gegenüber der Welt werde sich legen, und am Ende käme eine nette Harmonie heraus.“ Weit gefehlt. Das Desaster, dem sich der Dichter Rühmkorf gegenübersieht , ist von allerweltlichster Art: „Man guckt in die Zukunft - jedenfalls ich! - /wie in eine Geschützmündung/ Vielleicht ist es einfach nur dies / mein Herz zieht allmählich die Geier an.“ 

Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt bis 16. Januar eine „Rühmkorf Revue“ mit 850 Exponaten des Schriftstellers und Sammlers. Dazu ist im Steidl-Verlag das Lese-Bilderbuch „Peter Rühmkorf: wenn ich mal richtig ICH sag. . .“ (176 Seiten, 29,50 Euro) erschienen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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