Die Gedichte von Wisława Szymborska, 1997, SuhrkampDie Gedichte.
Gedichtsammlung von Wisława Szymborska (
1997, Suhrkamp - Übertragung Karl Dedecius).
Besprechung von Ulrich M. Schmid in der Neue Zürcher Zeitung, 1997:

Die Dringlichkeit der naiven Fragen
Die gesammelten Gedichte der Wislawa Szymborska

Wislawa Szymborskas lyrisches Werk entspringt dem Unbehagen der grossen Zahl. Neun schmale Lyrikbände – Marksteine auf dem Weg der Selbstperfektion – hat die Nobelpreisträgerin des Jahres 1996 dem unüberblickbaren Weltchaos entgegengestellt: «Moränen, Muränen und Meere und Mähren, / Karfunkel und Funken und Bären und Beeren, / wo stell ich das hin, und wie soll ich mich wehren?» Vier Milliarden Menschen hat die Erdbevölkerung erreicht – Szymborska nimmt dies im programmatischen Titelgedicht ihres Lyrikbandes «Die grosse Zahl» (1976) als abstrakte Tatsache ohne besonderen Aufregungswert zur Kenntnis. Die Vorstellungskraft der Dichterin «flackert im Dunkel wie das Laternenlicht, / enthüllt nur die ersten Gesichter am Rande, / während der Rest, übersehen / ins Undenkbare, ins Unverwundene gleitet.»

PRÄZISE SPRACHARBEIT

Szymborskas Dichtung bedeutet nun aber gerade nicht eine Kapitulation vor der zudringenden Übermacht der Welt. Sie verliert sich nicht in der Unendlichkeit, sondern beschränkt sich auf das Wiss- und Sagbare. Das Gedicht, mit dem Wislawa Szymborska im Jahr 1945 debütierte, trägt den Titel «Ich suche ein Wort» und könnte als Motto über ihrem gesamten Schaffen stehen. In präziser Spracharbeit erkundet Szymborska die philosophischen Grundlagen der menschlichen Existenz und zurrt die Bedeutungslast der Wörter an ihrer Lautgestalt fest: «Ich bitte den Zufall um Vergebung, dass ich ihn Fügung nenne, / ich bitte die Fügung um Vergebung, wenn ich mich dennoch irre.» Szymborska verschliesst nicht die Augen vor den unbegrenzten, ja beinahe erdrückenden «Möglichkeiten» dieser Welt. Gleichzeitig weist sie jedoch darauf hin, dass der Einzelne Deutungen und Wertungen vornehmen kann, in die sich die Welt nicht besserwisserisch einmischt: «Mir ist das Kino lieber. / Mir sind die Katzen lieber. / Mir sind die Eichen an der Warthe lieber. / Mir ist Dickens lieber als Dostojewski. / Ich bin mir lieber als Menschenfreund / denn als Freund der Menschheit. / [. . .] Lieber ziehe ich selbst diese Möglichkeit in Betracht, / dass das Sein einen Sinn hat.»

Das ist die Stimme des Optimismus in der Ungewissheit. Wislawa Szymborska reduziert die Komplexität des Unfassbaren, ohne sie je zu simplifizieren. Dabei ist aber hervorzuheben, dass Szymborska immer die Mitteilbarkeit ihres poetischen Gedankengangs im Auge behält – und dies verdient höchste Wertschätzung im Zeitalter einer Wortkunst, die sich allzu oft in das Reservat eines hermetischen Diskurses zurückzieht und Leser wie Kritiker aus diesem heiligen Bezirk aussperrt. Exemplarische Geltung für Szymborskas Poetik der zuversichtlichen Selbstdefinition darf das Gedicht «Vom Tod ohne Übertreibung» beanspruchen. Wort- und Lebenssinn gehen hier eine untrennbare Verbindung ein: «Wer behauptet, der Tod sei allmächtig, / ist lebendiger Beweis dagegen. / Es gibt kein solches Leben, / das nicht wenigstens für einen Augenblick / unsterblich wäre. / Der Tod / kommt immer um diesen einen Augenblick zu spät.»

Wislawa Szymborska formuliert ihre Gedichte im Wissen um die Konstruiertheit der meisten Lebensideale. Damit verschwindet auch das Pathos als Gestaltungsmittel aus ihren Texten. Um so virtuoser setzt Szymborska den kalkulierten Stilbruch ein, der so oft die künstlerische Achse ihrer Gedichte bildet: «Niemand in der Familie starb aus Liebe. / Was war, das war, zum Mythos reichte es nie. / Romeos der Schwindsucht? Julien der Diphtherie? / Manche lebten recht lange als grame Greise. / Kein Opfer einer nicht abgesandten / Antwort auf einen betränten Brief! / [. . .] Die Traurigkeiten waren zum Lachen, ein Tag verflog nach dem andern, / und sie, die Getrösteten, gingen ein an Grippe.»

LEISE, ABER KRAFTVOLLE IRONIE

Das klingt nur beim ersten Lesen makaber. Wer genau hinhört, entdeckt in Wislawa Szymborskas Gedichten eine leise, aber kraftvolle Ironie, mit der die subjektive Wahrheit gegen die unerbittliche Statistik ausgespielt wird: «Glückliche Liebe. Ist das normal / und ernst zu nehmen und nützlich – / was hat die Welt von zwei Menschen, / die diese Welt nicht sehen? / Zu sich erhoben ohne jedes Verdienst, / die ersten besten von einer Million, allerdings überzeugt, / es habe so kommen müssen [. . .]. / So mögen denn alle, denen die glückliche Liebe fremd ist, / behaupten, es gäbe sie nicht. / Mit diesem Glauben leben und sterben sie leichter.»

Wislawa Szymborska ist eine Meisterin der poetischen Pointe. Die meisten ihrer Gedichte folgen einem präzisen rhetorischen Aufbau und gipfeln in einem Schlusssatz, der die angesprochene Problematik im doppelten Sinn des Wortes verdichtet. Besonders spannend lesen sich jene Texte, in denen die Dichterin ihre eigene Kunst thematisiert. In diesen Fällen setzt Szymborska die Lyrik gewissermassen ins Quadrat: Schreiben und Geschriebenes werden zu zwei Faktoren, deren ambitiöses Produkt den engen Raum der fortlaufenden Sprachzeile sprengt. Die Prämie, die nach bestandenem Zweikampf mit dem weissen Blatt Papier winkt, ist in der Tat ansehnlich: «So gibt es also eine Welt, / deren unabhängiges Schicksal ich bestimme? / Eine Zeit, die ich mit Ketten von Zeichen binde? / Ein Sein beständig durch meine Verfügung?» Und nun folgt in äusserster Verknappung eine Sentenz, die das zentrale Credo von Szymborskas Poetik benennt: «Freude am Schreiben. / Möglichkeit des Erhaltens. / Rache der sterblichen Hand.»

Dichtung als vorsorgliche Rache an einer Welt, die ihren Bewohnern den Einblick in ihr Innerstes verwehrt – hier liegt der faustische Kern von Szymborskas Lyrik. «Non omnis moriar», notiert die Dichterin, fügt aber im selben Atemzug hinzu: «Verfrühte Besorgnis. / Lebe ich aber ganz, und ist das genug?» Es ist bezeichnend für Wislawa Szymborskas Lyrik, dass sie keine Antworten gibt, sondern Fragen stellt. Auch die Nobelpreisrede vom 7. Dezember 1996 kreist um jenes «Ich weiss nicht», das die Menschheit geistig am Leben erhält. Nur kritische Selbstbeobachtung bewahrt vor der pausbäckigen Zufriedenheit mit den eigenen Einsichten, die bestenfalls in die intellektuelle Lethargie und schlimmstenfalls in die totalitäre Diktatur führt.

Mit strenger Disziplin hat Szymborska dieses Programm auf ihr eigenes Lebenswerk angewendet. Szymborska wurde 1923 geboren, ihr schriftstellerisches Début fällt mithin in die schwierigste Zeit der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Man hat Szymborska kurz nach der Verleihung des Nobelpreises noch einmal zum Vorwurf machen wollen, dass sie in den fünfziger Jahren einige wenige Lobgedichte auf Lenin, Stalin und die Kommunistische Partei verfasst hatte. Solch ewiggestrige Kritik, die ausschliesslich aus dem rechtskonservativen Lager kommt, macht sich indessen eines doppelten Versäumnisses schuldig. Einerseits übersieht sie, dass Szymborska bereits in ihrem zweiten Lyrikband mit dem Titel «Fragen, die ich mir stelle» (1954) von einer Position ideologischer Gewissheit abrückt, die sie in ihrem ersten Band, «Wofür wir leben» (1952), eingenommen hatte; andererseits verschweigt sie geflissentlich die Tatsache, dass die geplante Publikation einer Gedichtsammlung im Jahr 1948 gerade aus politischen Gründen gescheitert war.

Szymborska hat in ihrem Band «Menschen auf der Brücke» (1986) auch diesen Abschnitt ihres Lebens einer dichterischen Analyse unterzogen und auf die obsessive Präsenz politischer Deutungsmuster aufmerksam gemacht: «Ob du es willst oder nicht, / die Vergangenheit deiner Gene ist politisch, / die Haut hat politischen Schimmer, / die Augen politischen Aspekt.» Wislawa Szymborska verfügt über ein empfindliches Sensorium für die geistige Befindlichkeit dieses Jahrhunderts, in dem zuviel geschehen ist, «was nicht hat geschehen sollen, / und was hat kommen sollen, / kam leider nicht.» Sie ist eine der wenigen, die ihren Finger auf die wunden Punkte jeder Epoche legen. Szymborskas Fragen klingen zwar einfach, entfalten aber immer aufs neue eine abgründige Potenz: «Es gibt keine Fragen, die dringlicher wären / als die naiven.»

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