Sutters Glück von Adolf Muschg, 2001, Suhrkamp1.) - 2.)

Sutters Glück.
Roman von Adolf Muschg (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Heinz Ludwig Arnold aus der Frankfurter Rundschau, 3.3.2001:

Birstender Erzählsack
Zu viel Berechnung, zu wenig Selbstverständlichkeit: Adolf Muschgs neuer Roman "Sutters Glück"

Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Adolf Muschg ist ein vielseitiger Öffentlichkeitsarbeiter. Er hat in mehr als 35 Jahren zahlreiche Bücher geschrieben: umfangreiche Romane, Erzählungen, Biographien, Theaterstücke. Er hat sich um den moralischen Zustand seiner Heimat, der Schweiz gekümmert, zeitweise als politisch Aktiver, meist als Mahnender. Er hat intellektuelle Talk-Runden geleitet, viele Literaturpreise bekommen, und ist Mitglied zahlreicher Akademien.

Nun hat Adolf Muschg einen neuen Roman geschrieben: Sutters Glück. Aber er hat nicht nur einen Roman geschrieben, sondern: "Mit Sutters Glück hat Adolf Muschg ein großes Buch geschrieben. Ein Buch, das von Liebe und Einsamkeit, von Freundschaft, Sehnsucht und Trauer, von allen Wegen und Irrwegen, auf denen sich Männer und Frauen begegnen, erzählt. Ein Buch, in dem die Menschen versuchen, in jedem Alter, zu jeder Zeit das Glück zu jagen, auch wenn es von seinem Gegenteil nicht zu unterscheiden ist."

Was der Klappentext so vollmundig behauptet, ist ein globales Programm für einen Roman, der wenig mehr als 300 Seiten hat, und zu fragen ist, ob dieses "große Buch" es erfüllt oder wie das Glück, von dem es spricht, von seinem Gegenteil nicht zu unterscheiden ist. Also zur Sache.

Emil Gygax, Journalist und Gerichtsreporter, von seiner Frau Ruth Sutter genannt, nach einem "Künstler", der sich nicht als Künstler verstand, sondern als Mundstück der Götter oder Werkzeug der Dämonen, Sutter also hat vor fünf Wochen seine Frau Ruth verloren, die, krebskrank, bei Sils Maria, wohin die beiden immer in die Ferien fuhren, mit Steinen beschwert in einen See ging und sich ertränkte. Am Ende des Romans versenkt Sutter im selben See, dessen "leere Wasserweite" sich "glasklar, windkalt im diesigen Licht ausbreitete", erst die Urne mit Ruths Asche und dann sich selbst, beschwert mit einem Rucksack voll jener Steine, mit denen auch Ruth unterging und die ihm die fürsorgliche Wirtin ihres Feriendomizils nach der Bergung von Ruths Leiche einst zur Erinnerung übergeben hatte.

Vielleicht hätte diese einfache, freilich von steinerner Symbolik pathetisch übergewichtige Geschichte eine jener schlanken Erzählungen werden können, die Muschg so gut kann: eine traurige Geschichte von der verlorenen Geliebten und einem Glück, das dem Zurückgebliebenen erst nach seinem Verlust bewusst wird. Doch Muschg hatte offensichtlich Romanehrgeiz. Deshalb überfrachtet er seine Grundkonstruktion mit kriminalistischen Handlungselementen, von denen einige motivblind ins Leere laufen, und Personalkonstellationen, die von verwirrend ausgeklügelter Zufälligkeit sind.

So beginnt der Roman mit einem anonymen Anruf, spätabends um 23 Uhr 17, als Sutter in alten Krimis schmökert. Der Anruf wiederholt sich, ständig, unregelmäßig, aber immer genau um 23 Uhr 17. "Die Warnung" heißt dieser erste Teil des Romans, in dem Sutter, unruhig geworden, nach dem Grund des Anrufens fragt: Hat er sich als Gerichtsreporter Feinde herbeigeschrieben? Ein halbes Jahr später wird Sutter angeschossen, liegt im Krankenhaus, bietet Muschg Gelegenheit für witzige Dialoge und Sutter Zeit zum Nachdenken über Ruth und über seine Fälle.

Im zweiten Teil, "Gespenster", wird ein Fall ausgebreitet, der zum Attentat geführt haben könnte. Hier beginnt die Erfindungskraft Muschgs Kabolz zu schlagen. In einer Gerichtsreportage hat Sutter offensichtlich den Ausgang eines Prozesses beeinflusst und einen Anwalt blamiert: Es ging um den Fall der Kalmückin Yalukha H., die ihren Mann Hellmuth, einen Ex-DDR-Bürger (wer käme sonst an eine Kalmückin?), mit einer Axt erschlagen hatte.

Mit pseudo-ethnologischen Luftargumenten argumentierte Sutter nun in seinem Gerichtsreport in etwa so: Hellmuth H. hatte Yalukha von dem Maler Jörg von Ballmoos porträtieren lassen; der hat sein Modell denn auch prompt verführt, wie das bei Malern so üblich zu sein scheint, und sie dann immer "meine kleine Frau" genannt, weshalb sie sich überhaupt nur hatte verführen lassen, denn sie wusste ja, dass Jörg mit der Psychotherapeutin Leonore verheiratet war. Nun sei aber bei den Kalmücken Vielehe üblich, und da Jörg Yalukha immer "meine kleine Frau" genannt habe, sei sie als Nebenfrau ohne Arg die Beziehung zu ihrem Porträtisten eingegangen. Und warum erschlug sie den ahnungslosen Hellmuth? "Was Yalukha H. begegnete - in seinen (Hellmuths) Augen: was sie geschehen ließ -, war ein tödlicher Schlag gegen seine Würde und Selbstachtung. Als er beides zu verlieren begann, hat es seine Frau auf sich genommen, den Schlag auch wirklich zu führen, mit der Axt." Ein im Wortsinn schlagendes Argument: Weil sie einem anderen Kulturkreis angehöre, sei Yalukha milde zu beurteilen. Dem war das Gericht gefolgt. Ironie? Wohl kaum. Dafür kommt das Ganze zu getragen daher.

Muschg stellt diese etwas mystisch ausgestattete Yalukha immer mehr in den Mittelpunkt der verwirrenden Verhältnisse, die hier kaum nachzuerzählen sind. Pikant immerhin, dass, kurz bevor Sutter ins Wasser geht, Yalukha nun ihrerseits Sutter verführt - wobei in dieser auf kuriose Weise penetranten Szene nicht klar wird, ob die Verführung erfolgreich war.

Zwischendurch aber wird auch noch so allerlei erzählt. Schön gelingen Muschg einige Passagen, in denen sich Sutter um die Katze bemüht, die Ruth gehörte und keinen Namen hatte; lustig bis satirisch einige Dialoge, die Sutter im Krankenhaus führt, als er seine Schussverletzung auskuriert. Schön lesen sich auch einige Weisheiten, die Ruth von sich gegeben hat und über die Sutter zuweilen nachdenkt, komisch wirkt die bis fast zur sexuellen Entropie ausgewogene Promiskuität aller miteinander - Jörg von Ballmoos hat, das wird am Ende nachgereicht, auch mit Ruth geschlafen. Da war sie erst 17 und kannte Sutter noch nicht, doch als er's erfährt, ist er hart getroffen.

Merkwürdig ist die eingeschobene Geschichte des alten Ehepaars Kienast, die wohl sein musste, um wenigstens ein zentrales Motiv nicht hängen zu lassen: Frau Kienast, die Ruth kannte, weil sie einst deren Tante pflegte, wollte dem hinterbliebenen Sutter nach Ruths Tod hin und wieder ein abendliches Zeichen geben - sie also war es, die immer pünktlich um 23 Uhr 17 anrief. Und warum ausgerechnet um diese Zeit? Nur weil dann Herr Kienast stets zu Bett ging, der vom Anruf nichts wissen sollte. Doch so schlicht stattet Muschg eines seiner tragenden Motive nicht aus: Kurz bevor Sutter ins Wasser geht, betrachtet er eine Taschenuhr, die Ruths Großvater gehörte. "Sie stand längst still, und Ruth hatte die Zeiger auf ihre eigene Geburtsminute gestellt: 11.17 Uhr. Vormittag, Vormitternacht?" Ein bisschen Mystik muss schon sein. Da darf dann auch unaufgeklärt bleiben, wer denn, und warum, auf Sutter geschossen hat.

Nun haben wir es ja nicht mit einem Kriminalroman zu tun, sondern mit einer Geschichte vom zu spät erkannten Glück, von Sutters Glück. Aber in diesen kleinen Erzählteppich hat Muschg zu viele Geschichten gewebt, mit zu viel Berechnung und zu wenig Selbstverständlichkeit, mit zu viel Verwicklung und Verwirrung. Diese Angestrengtheit verrät auch seine Sprache, die häufig auf preziösen Stelzen daherkommt. Muschg, der doch zu den Autoren gehört, die eher zu leicht und deshalb auch oft etwas zu glatt erzählen, unterlaufen in diesem Buch immer wieder stilistische und gedankliche Schnitzer. Da ist ein Text von "disziplinierter, dabei ungelenker Einfachheit, angestrengt entfernt von aller Poesie". Oder da wäre "dem Arzt nicht eingefallen, die Form, die ihr Mund angenommen hatte, ein Lächeln zu nennen". Viele Formulierungen wirken zu wenig selbstverständlich: "Er schrieb auf die Tastatur, als wäre es in den Wind, denn dieser schien ihm das passende Heilmittel für den Fall eines Menschen, der sich von Dingen nicht zu trennen versteht."

Leider hat sich Muschg nicht vom vorletzten Kapitel trennen können, in dem er Sutter in den See schickt: Ein sechs Seiten langer innerer Monolog vom Sterben, vom Kampf des "prallen Lebens um deinen Tod", widerlegt fast mit jedem Satz, was Sutter am Anfang des Kapitels zu sich sagt: "Geht es ans Sterben, so fängt eine andere Sorte Erleben an, und die Redensarten bleiben zurück." Was nun folgt, ist opernhafte Expektoration, eine Sterbensarie von ununterbrochen hoher Redens-Art über Sein und Werden, von Bilden und Vergehen im Strom des Lebens und der Zeit.

"Hat sich die Mühe, dich zu bilden, gelohnt?" fragt sich Sutter da. "Ja. Denn an einer von inner her gebildeten, bis auf die reine Oberfläche zurückgesetzten Form hat der Strom etwas zu modeln gefunden, was über Redensarten hinausgeht, auch über ,Strom'. Erst davon nämlich, dass ihn keine Redensart jemals gekümmert hat, wird er Strom, und nichts hat ihn weniger gekümmert als die Zeit. Die Zeit, das ist nur etwas für dich; also nicht wenig, auch wenn du darin nur weniger werden kannst ... Der Tod sei der Augenblick, in dem sich die keineswegs grundlose und auch nicht gleichgültige Oberfläche, die wir uns in der Ich-Form gebildet haben, als grundlose Tiefe erkennen darf, in der nichts gleichgültig ist, aber alles gleich gültig." Da schreibt der ältere Adolf Muschg wie der ganz junge Max Frisch, als der sich auf solche existentiellen Grundfragen noch eine "Antwort aus der Stille" gab.

Es scheint mir nicht die einzige Frisch-Assonanz in diesem Roman zu sein: Sein Grundton ist dem Erzählklima von Stiller verwandt, in dem Anatol Stiller sich erst verbirgt und schließlich verkommt, als Julika an Krebs stirbt. Dass Yalukha, die ihren Ehemann ausgerechnet mit einer Axt erschlägt, von Sutter gleichsam mit Gründen der Würde und Selbstachtung entschuldigt wird, lässt an Oederland denken, der seine Gerechtigkeit ja auch mit der Axt herstellen will. Auch die Frisch-Themen von der Vergeblichkeit der exakten Lebensplanung (Homo Faber) und der Liebesunfähigkeit aus überhöhtem Liebesanspruch (J'adore) spielen in Muschgs Roman eine Rolle.

"Wahre Künstler bilden nur, indem sie wegnehmen", heißt es einmal in Sutters Glück. Diese Erkenntnis hätte Muschg beherzigen sollen, als er so viele, zu viele Geschichten in seinen Erzählsack stopfte. Aber der Satz steht erst auf Seite 324, in Sutters Sterbemonolog. Da war es wohl schon zu spät.

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Sutters Glück von Adolf Muschg, 2001, Suhrkamp2.)

Sutters Glück.
Roman von Adolf Muschg (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Gudrun Norbisrath aus der WAZ, 14.7.2001:

Die Liebe, die zweimal im See ertrank
Adolf Muschgs neuer Roman Sutters Glück handelt mit bizarrem Spott von Unglück

Dass es solche Bücher noch gibt - Bücher, die den Lesenden ergreifen und nicht mehr loslassen, Bücher, in denen man versinkt und über denen man vergisst, was jenseits dieser Seiten lebt. Sutters Glück von Adolf Muschg ist so ein Buch. Der Schweizer Autor hat einen Roman über Männer geschrieben, die verlassen wurden. Zwei von ihnen arrangieren sich, trösten sich, lassen sich trösten. Sutter nicht. Vielleicht ist das sein Glück: dass er nicht vergessen kann, dass er das Vergessen verweigert bis zur Selbstauslöschung. Doch vielleicht ist sein Glück auch etwas ganz anderes, der Leser muss es selbst herausfinden. Zunächst ist von Glück keine Spur. Sutters Frau Ruth geht aus dem Leben, als der Krebs sie endgültig zu zerstören droht, und Sutter bleibt ratlos zurück, hilflos und stumm. Muschg erzählt diese beklemmende Entwicklung ohne Schwermut, mit bizarrem Humor. Allein die Geschichte von dem alten Fräulein, in dessen Pension Ruth sich nachts Steine in die Taschen stopft und in den See geht, während ihr Mann im Nebenbett schläft! Das Fräulein bittet sich von der Polizei die Steine aus und schickt sie Sutter im Postpaket, als Erinnerung. Der nimmt die Sache ernst, fährt mit den Steinen zurück an den See, versenkt das Holzkistchen mit Ruths Asche und folgt ihr, die Steine im Rucksack. Adolf Muschg ist ein wunderbarer Erzähler. In einfühlsamer Sprache beschreibt er, ohne larmoyant zu werden, und wenn er die Süchte der Zeit schildert - Atemtherapie und ganzheitliches Wohnen, die Vermarktung von Ängsten und Kunst - da funkeln spöttische Vernunft und heitere Nachsicht; aber der Spott ist stärker. Am schönsten sind die kühlen, nachdenklichen Beschreibungen, die rückblickend das Lebensverhältnis von Ruth und Sutter beleuchten, ihre ebenso ungewöhnliche wie unauffällig Liebe: witzig und distanziert. Von Gefühlen ist wenig die Rede, aber viel von Anstand, und dass sie einander manches erspart haben. Es ist eine Liebe im Alleinbleiben, im Alleinlassen, für Sutter ist es zum Schluss eine Liebe im Allein nicht bleiben können. Daneben berichtet der Roman ausführlich von einem Prozess, den Sutter als Gerichtsreporter begleitet und beeinflusst hat, und da wird die Sache vollends irrwitzig. Als Schreiber erfand er, dass sich die Balkenüberschriften bogen, schaffte mit Worten Wirklichkeit. Die Gattenmörderin fand milde Richter, aber die kalmückische Mehrehe, die Sutter zu ihrer Entlastung erdacht hatte, muss sie anschließend leben - das ist verrückt und auf irritierende Weise erheiternd. Absonderlich auch der Zusammenhang, der lose bleibt; es handeln die gleichen Menschen, das ist schon alles. Doch manchmal ahnt man, wie Stränge eines vergangenen Lebens in die Gegenwart reichen, und das kann bedrohliche Züge annehmen. Eine ganz unterkühlt erzählte Szene liefert einen Schlüssel, sie stellt die Frage, was der anrichtet, der Sex verlangt, wo Liebe geboten wird. Kann so Mordlust entstehen? Unbemerkt entsteht die Beklemmung, die über Spott und absurden Lebensgeschichten in den Hintergrund geraten war. Vielleicht ist ja so das Leben: so banal, so verrückt, so abgründig, so verwickelt. Was Sutters Glück ist, bleibt offen. Sein Leben mit Ruth? Sein Tod im See? Oder ist es das - wenig gewusst zu haben von ihr, von dem, was ihn hätte kränken können?

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