Süßer Vogel Jugend oder Der
Abend wirft längere Schatten.
Buch von Hellmuth
Karasek (2006, Hoffmann
& Campe)
Besprechung von Marcel Malter aus der
NRZ vom
15.02.2007:
Die schönen Schatten der späten
Jugend
Hellmuth Karasek hat ein melancholisches
und humorvolles Alters-Werk geschrieben.
Ein hilfloser alter Mann, der an der Bäckereikasse überfordert im Kleingeld wühlt und dabei doppeldeutig schwätzend mit der Kassiererin zu flirten versucht: Ein peinlicher Anblick. Wie peinlich muss erst die Erkenntnis sein, dass man selbst dieser Alte ist? Diese unangenehme Erfahrung macht Hellmuth Karasek (73) in seinem neusten Buch "Süßer Vogel Jugend oder Der Abend wirft längere Schatten". Der Journalist, Kritiker und Schriftsteller Karasek ist einer der medienpräsentesten Kulturschaffenden Deutschlands. Er leitete zwanzig Jahre lang das Kulturressort des "Spiegels" und war Mitglied des "Literarischen Quartetts". Dass er nicht nur kritisieren, sondern auch schreiben kann, stellt er mit seiner Geschichtensammlung erneut unter Beweis.
Sardonischer SpottBildhaft, lebendig, voller Selbstironie nimmt Karasek durch sardonischen Spott dem Alter die Milde. Ungeschönt beleuchtet er den Drang nach ewigem Leben und Schönheit, die Malaise des körperlichen Verfalls. Gängige Tabus werden durchbrochen und die Geisteshaltungen dahinter offenbart.
Geschickt spielt Karasek mit sprachlichen Stilen, wobei er vorwiegend als Ich-Erzähler auftritt. Sein reichhaltiges kulturelles Wissen lässt er in Form von Zitaten und Exkursen immer wieder einfließen und schafft dadurch ein umfassenderes Bild des Alterns.
Karasek schreckt dabei nicht davor zurück, mythisierte Persönlichkeiten als Fallbeispiele heranzuziehen und sie schonungslos vom Thron der Ehrfurcht zu stoßen:
Den Altmännerphantasien von Goethe, Brecht, Hitchcock und Chaplin sind von sexueller Gier nach jugendlicher, teilweise kindlicher Schönheit durchzogen, die das Verhalten der Greise zur peinlichen Farce werden lässt. Ihr meist unbefriedigte Lust nach körperlicher Liebe ist stets mit der melancholischen Sehnsucht nach der eigenen, längst vergangenen Jugend verbunden.
Karasek beschreibt nicht ganz ohne Eitelkeit die negativen Auswirkungen des Alters auf die eigene Leistungsfähigkeit. Allzu schlimm kann es um den in die Jahre gekommenen Autor aber nicht stehen, reichen seine geistigen Fähigkeiten doch für ein humorvolles und tiefgründiges Buch aus. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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