Sünde Güte Blitz von Georg Klein, 2007, Rowohlt1.) - 3.)

Sünde Güte Blitz.
Roman von Georg Klein (2007, Rowohlt).
Besprechung von Gudrun Norbisrath aus der WAZ vom 30.3.2007:

Beelzebübchens Vater
Hat jemand Lust, eine völlig durchgeknallte Geschichte zu lesen? Eine absurd intelligente, hochgradig böse, süffig schwebende Geschichte, die vielleicht, aber nur vielleicht, einen tieferen Sinn hat? Ja? Dann gibt's nur eins. Georg Kleins neuen Roman "Sünde Güte Blitz".

Der wirft reichlich Fragen auf, zum Beispiel, was dieser affektierte Titel soll. Auch nach der Lektüre bleibt man lange ratlos. Blitz, das hat man auf den letzten zehn, zwölf Seiten verstanden. Aber Sünde und Güte? Geht es um das doppelte ü? Natürlich nicht; schon eher um eine Güterabwägung. Aber das ist auch nur eine Krücke.

Der Titel erschließt sich sprunghaft, wenn man darauf kommt, dass in Görlitz Jakob Böhme lebte, ein Mystiker, der Gut und Böse als Einheit verstand; Böhme, der im Buch nicht erwähnt wird, aber über jede Seite geistert. Natürlich kann man die Geschichte lesen, ohne je von Böhme gehört zu haben, Gut und Böse sind uns auch ohne Mystik ein bekanntes Paar. Aber die geheime Anwesenheit des Philosophen sagt viel über Klein, der die Rätsel liebt; es dürfen gern Welträtsel sein. Und, übrigens: Der Name Görlitz kommt auch nicht vor, es heißt G., nur die andre, die polnische, gewissermaßen sinistre Seite der Stadt ist mit ihrem Namen Zgorzelec genannt. Ein Doppelort, der einen Grenzgang symbolisiert: Das ist der perfekte Platz für diese zweideutige Geschichte, die so virtuos mit Spuren, Rückblenden und Andeutungen spielt, dass der Leser am Ende sehr schnell sehr gierig erneut nach dem Buch greift, obwohl sich der schmale Band komplexer liest als mancher 900-Seiter. Und schon versinkt man wieder.

Die Geschichte ist ungeheuerlich und wild, sie beginnt mit einem Nackten, der in eine Wohnung einsteigt, und endet mit einem Knall, mit dem zwei - nennen wir sie: Extraterrestrische - verdampfen, verglühen, aus der Welt verschwinden. Es geht auch um Ost und West, zumal eine der Hauptfiguren Angela heißt und langzeitarbeitslose Physikerin ist; aber das sind so Späße am Rande.

Als Motto ist dem Buch ein Zitat von Gottfried Benn vorangestellt: "Lesen Sie viel; auch wissenschaftliche Bücher, obschon die Wissenschaft als Ganzes Unfug ist, ist sie lehrreich." Das ist ein Glaubensbekenntnis von Georg Klein, und was er dazu zusammenerfindet, ist in seinem Anspruch fast ein bisschen arrogant. Science Fiction mit ganz großem Hintergrund, ein Fantasykrimi, erzählt von einem, der sich als ein Gott zu erkennen gibt und die Kapitel mit fernen Sätzen über die Spezies Mensch beginnt. Im Übrigen treten auf: ein blutsaugender Bock und ein Doktor mit geheimnisvoll hochrotem Rucksack, ein anderer Doktor mit zwei Besessenheiten; alte Frauen, die sich hexenhaft verjüngen, der Quasi-Engel Immanuel in Saunalatschen, eine schöne Elena und besagte Endschie, die wie ein Herold durch die Geschichte führt. Nein, hier ist nichts zufällig, hier ist jeder Satz komponiert, auch der so nebensächliche wie ernsthafte über den Mond: "Alles, was je in einem Körper zum Leben erwacht ist, spürt, bis die Gewohnheit siegt, das sachte Saugen seiner sausenden Masse."

Mehr über die Geschichte zu erzählen, hieße, sie zerstören. Was für ein Beelzebübchen da am Werk ist; was es mit der eigenartigen Männerfreundschaft auf sich hat und wie absurd logisch sich das alles am Ende zusammenreimt, mag herausfinden, wer will. Aber versuchen Sie's nicht unter der Woche. Unter der Woche ist ganz schlecht. Legen Sie am Freitagabend die Beine hoch und tauchen Sie irgendwann Sonntagnacht glücklich wieder auf. Wenn Sie es schneller schaffen, haben Sie irgendwas falsch gemacht.

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Sünde Güte Blitz von Georg Klein, 2007, Rowohlt2.)

Sünde Güte Blitz.
Roman von Georg Klein (2007, Rowohlt).
Besprechung von Steffen Richter aus der NRZ vom 16.04.2007:

Kann denn Magie Sünde sein?
Von Kobolden und Jungbrunnen: Georg Kleins Werk schlägt sprachlich ein wie ein Blitz.

Seinem Wesen nach, so das Grimmsche Wörterbuch, ist der Kobold ein "helfender Hausgeist". Kobolde allerdings sind auch der Meteorologie bekannt: als spektakuläre Lichterscheinungen über einem Gewitter. Dass die lichte Wissenschaft ihr Vokabular aus der dunklen Sage bezieht, dürfte Georg Klein helle Freude bereiten. Denn darum geht es in seinem Roman: Blitze, Kobolde und der Übermut der Wissenschaft. "Die Menschen", heißt es programmatisch zu Beginn, "sind tollkühne Tiere." Dann fällt in einer Juninacht ein wunderlicher Bote aus dem Himmel in einen Hinterhof der deutsch-polnischen Grenzstadt Görlitz. Dort erfährt er von der arbeitslosen Physikerin und Hausmeisterin Angela Z., was sich an Seltsamkeiten zugetragen hat. Doktor Weiss, Allgemeinmediziner, scheint in seiner Praxis einen Jungbrunnen zu verbergen: Alten Damen sprießen die Haare wieder, die Haut strafft sich, der Geschlechtstrieb kehrt zurück. Der Auslöser der Verwandlung darf in einer Schublade vermutet werden, in die der Arzt während der Behandlung eine Hand versenkt. Dort haust Weiss´ Söhnchen. Nun kippt die bislang recht stringent erzählte Geschichte ins romantisch-schaurige Genre, versetzt mit Elementen der Fantasy. Der Kobold-Sohn, ein Bürschchen mit unerschöpflichen Energien, den sein "Mamapapi" durch die Speiseröhre zur Welt gebracht und mit eigenem Blut gesäugt hat, büxt aus. Bald sind alle hinter ihm her. Im Kulturhaus von Zgorzelec, auf der anderen Seite der Neiße, kommt es zum Showdown. Hier findet eine Ausstellung mit historischen Geräten eines gewissen Gottlieb Ameis statt. Der hatte vor 200 Jahren zu Heilungszwecken mit Gewitter und Blitz experimentiert.

Unberechenbare Energie

Mag sein, damals ließ sich eine unberechenbare Energie in der Welt nieder, die in Gestalt des entlaufenen Kobolds zu neuem Leben erwacht ist. Den nun soll Bote Immanuel zurückholen - wohin auch immer.

Dass die Medizin mit ihren Verheißungen von Jugend und Schönheit hier nicht gut wegkommt, schwant einem beizeiten. Doch selbst wer die Wissenschaftsskepsis und Faszination für phantastische Zusammenhänge nicht teilt, wird diese Prosa mögen können. Ganz erstaunlich fügen sich die Motive und bleiben doch widersprüchlich genug, um keinen schlüssigen Sinn entstehen zu lassen. Das Kulturhaus ist ein Museum des Fortschritts, das vergangene Wissenslust inszeniert und zugleich an die Vergänglichkeit allen Wissens gemahnt. Demut lautet das Gebot der Stunde. Neu ist diese Botschaft nicht. Der Mehrwert des Romans liegt eher in seinen spannungsreich verschlungenen Handlungssträngen und der virtuosen Spracharbeit. Diesem unscharfen Wissen würde Klein wohl niemals Demut abverlangen. (NRZ)

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Sünde Güte Blitz von Georg Klein, 2007, Rowohlt3.)

Sünde Güte Blitz.
Roman von Georg Klein (2007, Rowohlt).
Besprechung von Katharina Döbler in DIE ZEIT, 28.6.2007:

Die Welt als Wecker

Georg Klein, sechstes Buch, erster Satz: »Die Menschen sind tollkühne Tiere.« Ein Erzähler, offenbar überirdisch und mithin allwissend, gibt so den Takt vor zu einem Roman über Engel, Menschen, Teufel und Naturwissenschaften. Ein ehrgeiziges Projekt, zumal mit einem solchen Anfang.

Ehrgeizig sind sie eigentlich alle, die Bücher von Georg Klein nach dem großartigen ersten Roman Libidissi folgten noch zwei Romane und zwei Erzählbände. Und in allen gibt es etwas, das mehr will als Geschichten erzählen. Etwas, das hartnäckig dorthin zielt, wo realitätsnahe Darstellung nicht mehr möglich ist. Da gibt es dieses Schwelgen in schwarzer Romantik, die Feier des Geheimnisvollen und das Gründeln im kollektiven Unbewussten, um irgendein schmutziges Kulturgut oder andere finstere Überraschungen zutage zu fördern.

Daran erkannte man bislang einen echten Klein: düster−deutsches Raunen, stilvoll, ein wenig manieriert, präzise, unverwechselbar. Seine zur Schau gestellte erzählerische Lust an der Dämonie schien mir immer eine effektvolle Kostümierung seines beinahe mechanistischen Erkenntnis− und Darstellungsdrangs: herausfinden und zeigen, welche Geheimnisse das Gefüge dieser seltsamen, meist männlichen Welt bestimmen. Die Welt als Wecker, den man auseinandernimmt, um Unruhe und Antrieb bei der Arbeit zuzusehen. Wie lange aber kann ein Autor denselben erzählerischen Vorgang variieren, ohne zum Kopisten seiner selbst zu werden?

Die Stimme in dem neuen Engel−und−Teufel−Buch klingt, vom Himmel hoch in orgelndem Majestätsplural, erwartungsgemäß nach der Kleinschen Liebe zum 19. Jahrhundert. Im nächsten Absatz liegt jedoch bereits ein nackiger Engel vor (»Unser Bote«), und zwar deutscherweise unter einem Lindenbaum, wobei der Roman in eine bodenständigere und zeitgenössisch etwas kompatiblere Sprache wechselt und vorwiegend auch in selbiger seinen Lauf nimmt.

Der Engel, der von Irdischem keine Ahnung hat, nicht einmal von der Zweigeschlechtlichkeit der Menschen, identifiziert dennoch sofort den Mond (»das sachte Saugen seiner sausenden Masse«) und eine elektrische Lampe, besteigt sodann die Linde und springt ins Wohnzimmer einer gewissen Angela, ihres Zeichens Physikerin. Ein Narr, wer Politisches dabei denkt.

Angela die weibliche Form von Angelus, Engel, wie alle Lateiner wissen ist ihrerseits nicht nackt, sondern im Negligé und mit einem Elektroschocker bewaffnet. Einem flammenden Schwert gewissermaßen. Das schreibt Klein zwar nicht explizit hin, legt es der gebildeten Imagination des Lesers aber nahe. Das tut er oft. Man muss etwas gelernt haben, um mitlachen zu können. In einer nun folgenden, sechs Kapitel langen internen

Engelskonversation, die vom weiblichen Teil bestritten wird, während der männliche, offenbar sehr gut aussehende mit Gürteln gefesselt am Boden liegt, wird von den seltsamen Dingen erzählt, die sich im letzten halben Jahr in »der Kleinstadt G.« um eine neu eröffnete Arztpraxis abgespielt haben. Dieses »G.« ist wieder so eine altertümelnde Koketterie − gelegentlich ist dann auch von »Zgorzelec« die Rede, der »Grenzstadt«, willkommen also in Görlitz, wenn Sie bei den Nachrichten aufgepasst haben. Lampen, Elektroschocker, Telefone allerorten funkt und blitzt es

In diesem Buch muss man eigentlich ständig etwas entschlüsseln, denn alles bedeutet irgendwie immer auch noch irgendetwas anderes mag es auch noch so simpel oder marginal sein. Als hätte der Autor seinem Werk einen Bedeutungsgenerator implantiert. Auf einen Generator muss man zwangsläufig schon deshalb kommen, weil es hier sehr viel um Elektrizität geht: Lampen aller Art, Elektroschocker, Telefone, Blitze, Interferenzen und historische Kupfergeräte aus den heroischen Zeiten der Wissenschaft. Allerorten funkt und blitzt es.

Strom, muss man verstehen, steht für überirdische Energie. Außerdem für Bipolarität. (Zum Glück ist Angela ja Physikerin und versteht das.) Dieser Roman hat nämlich immer und grundsätzlich zwei Pole: einen engelhaften und einen teuflischen, einen mystischen und einen naturwissenschaftlichen, einen männlichen und einen weiblichen, einen polnischen und einen deutschen, einen alten und einen jungen, und natürlich einen schwarzen und einen weißen. Das ist eine ziemlich billige Weise, literarischen Mehrwert zu erzeugen. Aber das Metaphysische, von Klein überirdisch schwatzend ins Spiel gebracht, ist gar nicht ernst gemeint, so wenig wie das Moralische. Das ist alles nichts weiter als ein amüsantes Spiel, ach was, ein Geklimper auf dem Klavier bürgerlicher Bildungsstandards.

Sünde Güte Blitz ist, seinem Titel zum Trotz, einfach ein Arztroman. Pardon: die Parodie eines Arztromans mit einigen Knallteufeleffekten.

Oder, wenn man es etwas edler will: ein ironisches Spiel mit den Elementen der Populärliteratur. Herr Dr. Schwartz und Herr Dr. Weiss, Halbgötter in Weiß, führen ihre Praxis, so weit kann Angela dem sexy hingestreckten Engel berichten, höchst erfolgreich, aber dubios. Der hübsche, talentierte und junge Weiss hat offenbar überirdische Fähigkeiten. Tatsächlich hat er den Teufel im Leib. Buchstäblich. Bis er ihn auf die Welt kotzt. Danach trägt er ihn extern mit sich herum. Der überirdische Erzähler, der sich zu Beginn jedes Welt kotzt. Danach trägt er ihn extern mit sich herum. Der überirdische Erzähler, der sich zu Beginn jedes Kapitels mit seinen Tiefsinnigkeiten über die Menschen zu Wort meldet, kann ja in jeden noch so fest verschlossenen Rucksack und Ärzteschrank blicken. Aber auch ohne diese allwissende Petze kann der Leser anhand des immer wieder auftretenden männlichen Bocksgeruchs und der unheimlichen Heilerfolge rasch jene Kraft enträtseln, die irgendwie das Gute schafft, obwohl die moderne Medizin doch ein eigentlich elektrisches Teufelszeug ist.

Vom Arztschinken zum rundum affirmativen Wellnessroman

Und dann gibt es noch den Doktor Schwartz: Alt, hässlich, schwarzhaarig, krank und verklemmt, ist er in seinem Innern doch einer von den Guten. Er liebt die schöne, junge polnische Sprechstundenhilfe, die sich ihrerseits nächtens in der Praxis von dem teuflischen Weiss vögeln lässt. Will jemand wissen, wie es ausgeht? Übrigens ist Weiss eigentlich auch kein Böser, denn wir haben es hier ausschließlich mit netten Leuten zu tun. Er liebt sein kleines Teufelchen (»Nick«) wie einen Sohn, trotz mancher väterlichen Enttäuschung. » Sein Knäblein blieb ein rechter Dreckspatz«, heißt das im goldigsten Klein−Deutsch. Am Schluss gibt es einen hollywoodmäßigen Showdown, alle Figuren befinden sich nach langem Hin und Her endlich zufällig am selben Ort, und dann blitzt es zum letzten Mal, und alles wird gut.

Selbst feinste Ironie könnte nichts an der manichäischen Schlichtheit einer solchen Romankonstruktion ändern. Und es ist nicht einmal wirkliche Ironie, die Klein hier zum Einsatz bringt, sondern ein einziges Augenzwinkern. Pausenlos und mit beiden Augen.

Sünde Güte Blitz macht tatsächlich als erster zeitgenössischer Roman einen aktuellen medizinischen Trend mit: vom Arztschinken zum rundum affirmativen Wellnessroman, ganz erfüllt vom kritikscheuen Zeitgeist des beginnenden 21. Jahrhunderts. Aber vielleicht ist ja ein Buch, über das man sich so aufregt, immer noch besser als all die Bücher, die man gar nicht zu Ende liest, wie diese »Wo ich schon überall war und was ich dabei gedacht habe«−Romane gelangweilter Kulturschaffender mit ihrem öden Realismus.

Georg Kleins Buch ist immerhin nicht realistisch, und man kann es, wenn auch mit wachsender Enttäuschung, zu Ende lesen. Einzelne gelungene Szenen und immer wieder aufblitzende sprachliche Schönheiten werden veinen bei der Lektüre halten. Man kann den Bedeutungsgenerator brummen lassen, seine Rätsel mit Hilfe einer soliden bayerischen Gymnasialbildung lösen und mit den Augen zwinkern, bis die Tränen kommen. Bis am Ende Alt und Jung, Deutsche und Polen, Plus und Minus, Engel und Teufel, Mann und Weib einander kriegen und alles gut und schön ist.

Doch spätestens da schreit die elektronische Kuckucksuhr der gebildeten Imagination dreizehnmal laut um Hilfe. Niemand weiß, warum. Aber nach der Romantik kam bekanntlich das Biedermeier.

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