Stuttgart.
Portrait einer Stadt von Hermann Lenz (2003, Insel).
Besprechung von Manfred Koch in Neue Züricher Zeitung vom 5.11.2003:

Weitab von heute
Hermann Lenz unterwandert das Stuttgart seiner Zeit

Er wusste um die Poesie der Annonce. Aus dem Anzeigenteil zweier Lokalzeitungen des 19. Jahrhunderts destilliert Hermann Lenz zu Beginn seines Stuttgart-Buchs das Aroma einer vergangenen Alltagswelt, in der die vornehmen Herren noch in «Stadtschwimmern» durch die Strassen fuhren, ihre Gesichter mit «Gloria-Bartbindenwasser» pflegten und sich bei «Fräulein Allgeier», der «Ersten Deutschen Hühneraugenoperateurin», die Hornhäute entfernen liessen. Die vornehmen Damen wiesen den zeitgemässen «durchsichtigen Teetassenteint» auf und hatten häufig Migräne; ihre Töchter spielten Chopin-Etüden und «kämmten sich ihre Gefühle ganz dünn aus, weil sie Zeit dazu hatten». Die weniger Bemittelten teilten sich die Wohnung mit «Schlafgängern» und engagierten sich feierabends in Vereinen wie dem «Giesskannenklub». Die Kultur war noch intakt; in Stuttgart residierte ein König, der «in der Bahnhofswirtschaft Sauerkraut mit Saitenwürstchen ass» und unbehelligt durch die Strassen gehen konnte. Das schreckliche 20. Jahrhundert hatte noch nicht begonnen.

«Stuttgart» erschien erstmals 1983; der Band versammelte eine Folge von Beiträgen, die Lenz in den Jahren 1963-75 verfasst hatte. Nun ist das Buch neu aufgelegt worden, versehen mit dem Untertitel «Portrait einer Stadt». Das führt ein wenig in die Irre. Denn Lenz' antiquarischer Anfang ist Programm: «Mit verklärender Sehnsucht nach Entschwundenem» schreibe er diese Seiten nieder, erklärt der Autor zu Beginn und macht auch in den folgenden Ansichten von Stuttgarter Strassen kein Hehl daraus, dass ihn die Gegenwart nur am Rande interessiert. Der Grundton ist elegisch; «und ich gedenke» heisst die rituelle Formel, die an beinahe jedem Ort den tröstlichen Schritt in die Vergangenheit ermöglicht.

Lenz gibt sich, schwäbisch gesprochen, bockig gegenüber der Moderne. Besonders zuwider sind dem studierten Kunsthistoriker die Produkte der neuesten Architektur. Kubisch, kantig und kahl «gleissen» die Nachkriegsbauten in den Avantgarde-Materialien Blech und Glas. Das vereinte Wüten von «Bomben und Wohlstand» habe Stuttgart zur urbanen Wüste gemacht. Die Flucht in die Vergangenheit wird zum Muss für einen Betrachter, der den Anblick einer ungegliederten Fassade als Folter erleidet. Um die Seelenqual beim Gang durch modernisierte Stadtviertel zu veranschaulichen, greift Lenz wiederholt zum Stilmittel der Personifikation: Wie zur Versöhnung «schiebt» ein Park «Laubkulissen» neben ein Hochhaus, wie zur Begütigung reicht eine blank gewetzte Geschäftsstrasse nach Hunderten von Metern einen «blätterfreundlichen Vorgarten» dar. Die wahre Erlösung aber gewährt erst das imaginative Eintauchen in die Lenz'schen Lieblingsepochen Biedermeier und Fin de Siècle. Der hier durch die Strassen wandert, hat sich zum Schutz vor dem Hässlichen, das allerorten prangt und klotzt, in einen Kokon aus Literatur eingesponnen. Die Dichter, die im 19. Jahrhundert hier gelebt haben (wie Mörike und Raabe), und die Historiker, die diese Zeit in Bild und Wort festgehalten haben, sind seine ständigen Begleiter....Fortsetzung

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