Sturz der Titanen von Ken Follett, 2010, Lübbe1. - 3.)

Sturz der Titanen.
Roman von Ken Follett (2010, Lübbe).
Besprechung von Wolfgang Platzeck aus der WAZ vom 27.9.2010:

Ken Follett: „Niemand wollte den Krieg“
Bestseller-Autor Ken Follett beginnt mit dem neuen Werk „Sturz der Titanen“ eine Trilogie über das 20. Jahrhundert - das „dramatischste, gewalttätigste, folgenreichste Jahrhundert in der Geschichte der Menschheit“, wie er meint.

An Bord der Aurora, die friedlich an der Newa vor Anker liegt, geht es zu wie auf allen berühmten Museumsschiffen. Jede Menge digital hochgerüsteter Touristen, ein paar Brocken Spanisch, Französisch, Schwedisch, Sprachfetzen, die sich beim besten Willen nicht zuordnen lassen, die obligatorische Groß-Gruppe aus China... Doch dann fängt Ken Follett an zu erzählen, und plötzlich glaubt man ihn wieder deutlich zu hören, den vielleicht folgenschwersten Schuss der Weltgeschichte. Am 25. Oktober 1917, um 21.40 Uhr, gab der Panzerkreuzer mit seiner Bordkanone das Signal zum Sturm auf den Winterpalast – sozusagen die Initialzündung der Oktoberrevolution.

Einer der Bolschewiken, die an diesem Tag verzweifelt auf die Ankunft der von Kronstadt zur Unterstützung aufgebrochenen Aurora gewartet haben, ist Grigori Peschkow. Der ehemalige Metallarbeiter, der es zum Mitglied des Leningrader Sowjets und engen Vertrauten von Trotzki und Lenin gebracht hat, gehört zu den Protagonisten in Ken Folletts neuem Roman „Sturz der Titanen“, der heute weltweit erscheint.

Drei Mal Mittelalter war vorerst genug

Nach dem Erfolgsthriller „Eisfieber“ hat sich der stets um Abwechslung bemühte Bestseller-Autor wieder dem Genre des historischen Romans zugewandt – auf eine Weise, die man nicht unbedingt erwarten konnte. „Wenn ein Schriftsteller anfängt“, meint Ken Follett, der eine Handvoll Literaturkritiker mit Petersburger Schauplätzen des Romans bekannt macht, „sich bei seiner Arbeit zu langweilen, dann fällt das dem Leser auf.“ Ob das wirklich der Fall gewesen wäre, sei dahingestellt – vermutlich hätte die Follett-Gemeinde auch ein weiteres Mittelalter-Epos gierig verschlungen. Doch nach den „Säulen der Erde“, den „Pfeilern der Macht“ und den „Toren der Welt“ befand der 61-jährige Brite: dreimal Mittelalter ist genug.

Jetzt geht es um das 20. Jahrhundert, das für ihn „dramatischste, gewalttätigste, folgenreichste Jahrhundert in der Geschichte der Menschheit“. Er meint: die revolutionären politischen und sozialen Veränderungen, den mühsamen und Kampf um die Rechte der Frauen, den Niedergang der Aristokratie, das erwachende Selbstbewusstsein der Arbeiterschaft und das Erstarken der Gewerkschaften, das Aufblühen sozialistischer und sozialdemokratischer Bewegungen, die (in England) Gründung der Labour Party... „Es waren ganz gewöhnliche Leute, die unsere Welt grundlegend verändert haben.“

Regisseur und Produzent Ridley Scott hat sich die Filmrechte gesichert

Meisterhaft verknüpft Follett in „Sturz der Titanen“ das Schicksal einer deutsch-österreichischen Diplomatenfamilie, einer befreundeten englischen Adelsfamilie, einer Bergarbeiterfamilie aus Wales, eines ungleichen russischen Brüderpaares und eines amerikanischen Diplomaten zwischen 1914 (Attentat von Sarajewo) und 1924. Nun herrscht an Büchern, auch erzählenden, über die ersten zwei Dekaden des 20. Jahrhunderts kein Mangel, weshalb, gesteht Folletts Agent Albert Zuckerman freimütig, anfangs durchaus Bedenken gegen „noch einen Weltkriegsroman“ bestanden.

Dass Follett alle Einwände ignoriert hat, erweist sich als Glückfall. Daten, Fakten, Ereignisse, akribisch recherchiert und von Experten überprüft, bilden nur einen Teil einer Folie, auf der sich das grandiose Panorama einer Epoche entfaltet. „Die Charaktere der Menschen, ihre starken Emotionen und Obsessionen sind wichtiger als die Geschichte“, sagt er. Der „Sturz der Titanen“ spürt, am Schicksal der liebevoll gezeichneten Protagonisten, den auf den ersten Blick unbedeutenden Momenten nach, die sich im Rückblick als Wendepunkte darstellen. „Niemand“, sagt Follett, „wollte den Krieg. Nicht nur die einfachen Menschen, die am meisten darunter litten – die Kapitalisten, die Imperialisten, die europäischen Staatsoberhäupter, alle waren dagegen. Jeder traf nur eine kleine Entscheidung nach der anderen, und jede Entscheidung war ein weiterer Schritt in Richtung Krieg.“

Dem „Sturz der Titanen“, an dem der britische Filmregisseur und Produzent Ridley Scott bereits die Rechte erworben hat, werden zwei weitere Romane folgen, die das Schicksal der Familien fortschreiben. Ken Folletts Generationen-Saga, als Trilogie angelegt, soll 1989, mit dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion, enden.

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Sturz der Titanen von Ken Follett, 2010, Lübbe2.)

Sturz der Titanen.
Roman von Ken Follett (2010, Lübbe).
Besprechung von Hildegard Lorenz im Münchner Merkur, 3.10.2010:

Neuer Follett: Zum Verschlingen – doch ohne Nährwert
Der Erfolgs-Autor Ken Follett legt mit „Sturz der Titanen“ den ersten Teil seiner Trilogie über das 20. Jahrhundert vor.

Eine gekonnte Mischung aus Weltgeschichte und Familiensaga, Revolution und Erotik, Melodram und Kriegsepos liefert der 1949 in der walisischen Stadt Cardiff geborene Erfolgsautor Ken Follett („Die Nadel“, „Die Säulen der Erde“) in seinem mit Spannung erwarteten neuen Roman „Sturz der Titanen“. Kein Wunder also, dass Follett auch seine Heimatstadt Cardiff gleichrangig neben New York, Washington, Sankt Petersburg, London und Berlin zu Hauptschauplätzen seines Romans macht, der als erster Teil einer „Century“-Trilogie über das 20. Jahrhundert gedacht ist.

Der Roman umfasst den Vorabend des Ersten Weltkriegs, seinen Verlauf und seine Nachwirkungen. Er beginnt mit der Thronbesteigung von George V. am 22. Juni 1911. An diesem Tag fährt der junge Billy zum ersten Mal in eine Waliser Kohlengrube ein. Das Buch endet im Januar 1924, als Billys Schwester Ethel den vornehmen Earl Fitzherbert bei einer Versammlung zwingt, ihrem gemeinsamen unehelichen Sohn die Hand zu geben.

Es tut sich natürlich auch sonst viel auf den über 1000 Seiten: Earl Fitzherberts Frau, die russische Fürstin Bea, hat bereits als Kind die Hinrichtung dreier Bauern veranlasst, die widerrechtlich Vieh auf ihrer Wiese weiden ließen. Nachdem auch seine Mutter getötet wird, gerät Lew, Sohn eines dieser Bauern, auf die schiefe Bahn. Er muss fliehen und nimmt seinem Bruder dessen Auswanderungspapiere ab. Doch statt, wie gebucht, in New York landet er prompt in Cardiff, wo die angekommenen Russen als neue Bergarbeiter den Streik der walisischen Kumpels brechen sollen.

Wie es Lew dann doch gelingt, ins gelobte Amerika auszuwandern, dort die Tochter eines Industriellen zu heiraten, und wie sein Bruder Grigori gleichzeitig in Russland Lews verlassene Freundin heiratet und mit Lenin Revolution macht, ist eine Geschichte für sich. Doch Follett berichtet auch von der Liebe zwischen Earl Fitzherberts Schwester und einem deutschen Botschaftsangehörigen. Beide heiraten am Tag vor der österreichischen Kriegserklärung an Serbien – und bleiben sich über die Kriegsjahre treu, obwohl sie sich nie sehen. Am Ende des Romans gründen sie ein bescheidenes, aber glückliches Heim – etwas Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Ken Follett fügt zu diesen zentralen Figuren weitere hinzu – und schickt all seine Protagonisten jeweils an die Front, in Beratungszimmer der Macht, politische Versammlungen, Salons, Boudoirs, Schlafzimmer, Gartenpartys, Bergarbeiterhütten oder in den Kampf um die Frauenemanzipation: Es ist eine schier unglaubliche Bandbreite an Handlung, die Ken Follett vor seinen Lesern entfaltet.

Und wie im Trivialroman wird eine in sich geschlossene Welt präsentiert: Jede Hauptfigur ist über Ecken mit jeder anderen verwandt, bekannt, liiert oder verfeindet, auf alle Fälle aber irgendwie vernetzt, und die Figuren treffen sich immer unter veränderten Umständen wieder. Und wie im Trivialroman geht es letztendlich um die Herstellung einer sozialen Gerechtigkeit. Das lenkt die Sympathien und Erwartungen des Lesers – und packt ihn.

Der Leser kann die gut 1000 Seiten erst aus der Hand legen, wenn er den Ausgang dieser Geschichte erfahren hat – und fiebert dann der Fortsetzung entgegen. Doch leider gehört das Buch zu denen, die auf die Schnelle einen fabelhaften Eindruck machen, von denen aber keine lange Wirkung bleibt. Hat man den „Sturz der Titanen“ aber einmal zur Seite gelegt, bleibt recht wenig im Gedächtnis zurück.

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Sturz der Titanen von Ken Follett, 2010, Lübbe3.)

Sturz der Titanen.
Roman von Ken Follett (2010, Lübbe).
Besprechung von Jobst-Ulrich Brand, Focus, 12.10.2010:

„Sturz der Titanen“Geschichte wird gemacht
3000 Seiten, 14 Millionen Vorschuss: Ken Follett erzählt die Geschichte des 20. Jahrhunderts – und schlägt sich dabei auf die Seite der Deutschen.

Im Grunde war klar, dass Ken Follett irgendwann solch einen Roman schreiben würde. Dieses Schlachtengemälde aus dem Ersten Weltkrieg namens „Sturz der Titanen“ (Lübbe, 28 Euro), 1000 Seiten dick und dabei nur der erste Teil einer Saga, die dereinst das ganze 20. Jahrhundert umfassen soll – vom Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo bis zum Fall der Berliner Mauer 1989. Wer sonst als der gebürtige Waliser hätte das Ego zu solch einem Gewaltakt? Und wer sonst die Mittel?

Denn Follett geht diese Geschichte, die von drei großen Kriegen handeln soll – dem Ersten Weltkrieg, dem Zweiten und schließlich dem Kalten Krieg – wie ein Feldherr an. Eine kleine Armee von Helfershelfern steht ihm beim Schreiben zur Seite. 16 Mitarbeiter beschäftigt er in seinem Büro bei London. Sie sollen ihm den Rücken frei halten. Sie organisieren seine Termine, verwalten sein Geld, prüfen die Verträge mit den Lizenzverlagen in mehr als 30 Ländern. Dazu unterstützen ihn Rechercheure bei der Beschaffung und Sichtung des historischen Materials. Und gleich acht Historiker überprüfen, ob er auch alles richtig verarbeitet hat. Wenn Follett schreibt, dann will er sich um nichts anderes kümmern müssen als um seinen Text. Von sieben Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags. Ohne Störung, ohne Unterbrechung, ohne lästige Pflichten.

Sechs Seiten am Tag stößt sie aus, diese Bestseller-Fabrik. Das ist das Mindestpensum, um im genau kalkulierten Zeitplan zu bleiben. Im Abstand von jeweils zwei Jahren sollen Band zwei und drei der Saga erscheinen. 14 Millionen Euro Vorschuss hat Follett von seinem deutschen Verlag Lübbe bekommen, da darf der vertragsgemäße Lieferung erwarten. Anders als zum Beispiel beim zweiten Zugpferd im Verlagsstall, Dan Brown, ist man in Köln allerdings auch noch nie enttäuscht worden. Wenn der erste Juli als Abgabetermin für das Manuskript vereinbart worden ist, dann liefert das Follett-Imperium spätestens am 28. Juni an, erzählt Verleger Stefan Lübbe durchaus beeindruckt. Er weiß, was er an seinem Starautor hat. Genau deshalb hat er sich das neue Großprojekt auch nicht vom Droemer Verlag abluchsen lassen, der aggressiv mitgeboten hatte.

Ursprünglich nämlich war Lübbe ganz und gar nicht überzeugt von Folletts Idee, die Geschichte des 20. Jahrhunderts noch einmal zu erzählen. Schließlich weiß man bis ins Detail, wie sie ausgegangen ist. Keine Epoche ist besser erforscht als diese Serie größter Grausamkeiten. Doch Follett ließ sich nicht abbringen von seinem Plan – und Lübbe sich schließlich von Folletts Agent, Al Zuckerman, überzeugen. Sein Klient, so das Branchen-Urgestein aus New York, werde selbstverständlich viel Herzschmerz, persönliche Intrigen und allerlei derben Sex mit einweben in sein Werk. Erzählt werde das Ganze anhand von fünf Familien – und seien alle großen Geschichten der Weltliteratur am Ende nicht genau das: Familiengeschichten? Das saß. Stefan Lübbe ließ die Millionen los.

Die Aufteilung von erfundenen Schicksalen und weltgeschichtlich verbürgten Ereignissen löst Follett perfekt. Auch deshalb müssen die historischen Details absolut stimmen, sagt er. Damit ihm der Leser die Fiktion ebenfalls glaubt. Es geht ihm aber, mehr als in früheren Romanen, auch um ein wenig Pädagogik. Er wolle, so hat er gesagt, dem Leser nebenbei an paar historische Einsichten unterschmuggeln. Und da ein Drittel seiner etwa 100 Millionen Buchkäufer in Deutschland sitzen, fallen die für den Leser hierzulande recht schmeichelhaft aus. Völlig falsch sei die in Britannien bis heute gängige Auffassung, vor allem die Deutschen seien am Ausbruch des Ersten Weltkriegs schuld gewesen, schreibt Follett. Allenfalls habe es sich um eine Verkettung dramatischer Fehlentscheidungen gehandelt, an der alle europäischen Herrscher beteiligt gewesen seien. Und, zweite mutmaßlich böse Überraschung fürs heimische Publikum, der Vertrag von Versailles nach Kriegsende sei gelinde gesagt verbrecherisch gewesen und die alliierten Siegermächte damit im Grunde mitschuldig am späteren Großdesaster. Auffassungen, die ihm seine deutschen Leser gerne abkaufen: „Sturz der Titanen“ sprang von null auf eins in der FOCUS-Bestsellerliste.

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