Strophen für
übermorgen.
Gedichte von Durs Grünbein
(2007, Suhrkamp).
Besprechung von Michael
Braun, 10/2007:
Ich, der Mythologe, glotze nur
Durs Grünbein schützt sich mit "Strophen für übermorgen"
gegen die Furien
Wenn Dichter in den Pantheon des Ruhms aufsteigen, fürchten sie
offenbar den Angriff der Furien. Daher wappnen sie sich präventiv mit Ironie, um
die wütenden Angreiferinnen abzuwehren. Auch der Ausnahmedichter Durs Grünbein,
der wegen seiner gelegentlich allzu schwärmerischen Antike-Verehrung längst
nicht mehr jedermanns Götterliebling ist, hat nun eine solche programmatische
Verteidigungsposition bezogen.
An einer Stelle seines neuen Gedichtbuchs hat sein lyrisches Ego unter einer
aggressiven Redakteurin zu leiden. Sie tritt ihm als unbarmherziger Racheengel
entgegen, eine magersüchtige Dogmatikerin, die kein gutes Haar an den
mythologischen Neigungen des Dichters lässt. Sie fordert von dem verblüfften
Verskünstler "Fakten statt Orakel" und statt Mythen "blutige, brutale
Vorstadtdramen". Der Dichter ist konsterniert: "Und ich, der Mythologe, glotzte
nur."
Vom Mythologisieren im Geiste seiner römischen Vorbilder hat sich Grünbein indes
nicht abbringen lassen. Sein neuer Gedichtband, über 200 Seiten stark, ist ein
Exerzitium in lyrischem Beharrungstrotz. In 100 Gedichten, nach Motivgruppen in
sieben Kapitel gegliedert, übt sich Grünbein in poetischer Selbstbehauptung
gegen den Ansturm verbissener Aktualitätspostulate. "Strophen für übermorgen":
Das markiert den fortdauernden Anspruch des Dichters nicht nur auf poetische
Zeitgenossenschaft, sondern auch auf die Fähigkeit zur Antizipation. Und
tatsächlich überwindet der titelgebende Zyklus, der im Zentrum des Bandes steht,
die antikisierenden Reflexe, die sich in seinen vorangegangenen Gedichtbüchern
in den Vordergrund drängten. Ein sehr heutiges Ich, apostrophiert als "der
Zeuge, nach dem keiner fragt", bewegt sich im Auto durch eine menschenleere, von
Technikschrott verheerte Welt, in der alles Leben erloschen scheint. Dieses Ich
befindet sich im traditionell "grausamsten Monat", verirrt in den imaginären
"vierzigsten April". Das einsame Subjekt ist aus der Zeit heraus gefallen, die
kurz zuvor noch vertraute Lebenswelt scheint in ihr apokalyptisches Stadium
eingetreten zu sein. Doch am Ende löst sich der Albtraum auf, aus dem
Finalitäts-Schwindel kehrt das zutiefst erschütterte Ich in die Routinen des
Alltags zurück.
Schade nur, dass Grünbeins "müder Philosoph", der hier durch die
mitteleuropäische Gegenwart nomadisiert, viel zu selten "den Faden verliert".
Das Problem dieses Buches liegt nämlich nicht in der Unsicherheit, sondern eher
in der Gewissheitsseligkeit des lyrischen Protagonisten. In den handwerklich
tadellos geformten Oden und Elegien, lockeren Alexandrinern und Blankversen
spricht ein Subjekt, das in seiner kontemplativen Behaglichkeit kaum zu
erschüttern ist. Mit recht gefälligen Metaphern und Denkbildern bringt Grünbein
sein lyrisches Subjekt in einen Zustand klassizistischer Abgeklärtheit, der von
Selbstgenügsamkeit kaum zu unterscheiden ist. In einem Aufsatz des Bandes
"Antike Dispositionen" (2005) ist dieses Dilemma unfreiwillig benannt: Der
bewunderte Horaz, so steht da zu lesen, sei
in seiner poetischen Darstellung des römischen Gesellschaftslebens "überlegen
heiter" und "allseits aufgeräumt". Diese Überlegenheit und Aufgeräumtheit hat
Grünbein auch in seine eigenen Verse implantiert.
In den "Strophen für übermorgen" finden sich denn auch wieder zahlreiche
Reisegedichte, die geschichtsträchtige Orte im geliebten Italien oder Frankreich
umkreisen. Hier hält sich der Dichter allzu oft an das Nächstliegende und winkt
mit bildungstouristischen Standards. Etwa in der Nietzsche-Reminiszenz des
Gedichts "Warum wir in Turin sind": "Den Philosophen,/Der hier zusammenbrach,
wird man verstohlen grüßen/...Es ist sein Geist, der uns im Nacken sitzt,
gewitzt, / Hier in Turin." Das wirkt poetisch ebenso flau wie die kumpelhafte
Annäherung an Bismarck: "Er traf sie noch, er konnte viel erzählen, / Der alte
Schnauzbart mit der Pickelhaube."
Bildungs-Smalltalk dieser Art schrumpft in einigen Gedichten zur fahrlässigen
Stereotypie. So werden in einer Satire auf Adolf Hitler um des Reimes willen
auch banalitätsverdächtige Einsichten nicht verschmäht: "Er hatte Prinzipien,
tödlich die meisten, zumindest für andre./Choleriker - auf seine Wutausbrüche
war immer Verlaß. /Rücksichtslos war er. Sein Trumpf: er verstand keinen Spaß."
Wie viel lebendiger und anrührender sind doch die poetischen Kindheitsbilder,
die Grünbein im ersten Kapitel seiner "Strophen" gesammelt hat. Hier ist das
Gedicht keine antike Flaniermeile, sondern ein Erinnerungspanorama von
sinnlicher Bildkraft. Die Gedichte, die dem Großvater und der Großmutter
gewidmet sind, weiten sich zu einem großen Porträt des Jahrhunderts der Extreme:
"Einer von vielen Deutschen, seit Luthers
Zeiten frustriert." Hier ist der formsichere Bewusstseinspoet Grünbein auf der
Höhe seiner Kunst.
Das schönste Gedicht des Bandes zeigt den Dichter als jungen Museumsbesucher,
der traumverloren vor einem Diaroma die dargestellten Tiere, Höhlenmenschen und
Weltwunder der Vorzeit anstarrt. Eine poetische Grundtugend hat Durs Grünbein
hier zurückerobert: das Staunen.
Leseprobe I Buchbestellung 1109 LYRIKwelt © Michael Braun