Strohtrockene Gedichte von Klaus Rifbjerg, Deutsche Ausgabe, 2009, Engelsdorfer VerlagNordis1.) - 2.)

Knastørre digte / Strohtrockene Gedichte.
Gedichte, dänisch/deutsch von Klaus Rifbjerg
(2006/2008, Edition Pernobilis/Edition Nordische Reihe, mit einem Nachwort herausgegeben von Paul Alfred Kleinert - Übertragung Lutz Volke).
Besprechung von Peter Bickel im Nordeuropa-Magazin NORDIS, November/Dezember 2009:

Lyrik strohtrocken
"Der große alte Mann der dänischen Literatur" wird er genannt, der 1931 im Øresund geborene Klaus Rifbjerg.

Die hier vorliegenden "Strohtrockenen Gedichte" des Schriftstellers, Regisseurs und Kritikers erschienen erstmals 2006 in Kopenhagen; es ist nun der vierte in deutscher Sprache veröffentlichte Gedichtband dieses vielleicht produktivsten dänischen Lyrikers. Kaum ein Thema - ob Rückkehr, Erinnerung, Geburt, Sex oder Tod - gibt es, dem sich Rifbjerg nicht in deftiger, teils mit Jugend-Slang angereichter Sprache annimmt:

Pfeif auf die Emanzipation des Lebens vom Stein oder vom träumenden Leben der Farbe in der Tube, und all die anderen erhellenden poetischen Klischees: Die Fotze ist hässlich und schön...

Wie wohl fast jeder Dichter ist Rifbjerg natürlich vorrangig auf der Suche nach sich selbst. Erst dann könne man, so Klaus Rifbjerg, Verständnis für die übrige Welt aufbringen. Und darüber Zeilen schreiben wie diese hier:

"Der Regen trommelt aufs Dach. Der Regen klatscht an die Scheibe, tiefschwarzes Meer. Die Aussichten, geltend bis morgen Nachmittag, sprechen von einzelnen Schauern und vielleicht etwas Sonne. In Dänemark bin ich geboren..."

[...und andere Informationen finden Sie unter www.peterbickel.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1209 LYRIKwelt © Peter Bickel

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Strohtrockene Gedichte von Klaus Rifbjerg, Deutsche Ausgabe, 2009, Engelsdorfer Verlag2.)

Knastørre digte / Strohtrockene Gedichte.
Gedichte, dänisch/deutsch von Klaus Rifbjerg
(2006/2008, Edition Pernobilis/Edition Nordische Reihe, mit einem Nachwort herausgegeben von Paul Alfred Kleinert - Übertragung Lutz Volke).
Besprechung von Katrin Ernst im Sommer 2010:

Das sinnliche Knistern der Stille

Die treffendste Beschreibung des Absurden an der Welt stammt von Albert Camus: Das Absurde ist, dass der Mensch fragt und die Welt vernunftwidrig schweigt. Klaus Rifbjerg sieht das ähnlich, jedes seiner Gedichte führt „durch eine Stille, die nicht nur grenzenlos ist, sondern die Grenze selbst“.

Die Grenze bildet bei Rifbjerg wie Camus das, was den immer gleichen Lauf unseres Daseins bestimmt und den Tod zu seiner Voraussetzung macht. Grenzenlos hingegen ist unsere Vorstellungskraft, die dauernd daran arbeitet, einen Sinn aus dem Nichts zu stampfen: Wenn das Krematoriumsfeuer faucht und wir unsere Toten feierlich ins Jenseits verabschieden, „während die Würmer beschämt in die andere Richtung blicken und sich betrogen fühlen.“

Daher spielen die „Strohtrockenen Gedichte“ auf Camus‘ Sisyphos an und betrachten die Tatsache, dass Sisyphos der Vergeblichkeit und dem Zwang seines Lebens die Begeisterung des freien Menschen entgegensetzt. Das ist laut Rifbjerg nur die letzte Auswirkung abendländisch-philosophischer Weltaffirmation, die sich zwar von Kant bis Hegel und Marx intellektuell nachvollziehen lässt, nicht aber der einfachen menschlichen Empfindung entspricht. Die wirft uns doch nur auf Lust und Schmerz, auf Werden und Vergehen, eben auf Körperlichkeit und Vergeblichkeit zurück. Welche Ermutigung kann es hier geben?

Ein leises Gebet handelt vom Ausfüllen, von Muskeln, / Blutkreislauf, Sekret, Bewegung und Schweiß. / Doch keiner hört zu. Nur eine Motte bedient sich und / Lächelt sardonisch in ihrem Loch.

Die Traurigkeit darüber ist niemals zynisch, ebenso wenig wie die Ironie über manch fragwürdige Ermutigungskampagne der Ideengeschichte:

Es ist wirklich rührend wie / Gott versucht, den Stolz über sein Comeback zu verbergen. / Es passiert ja nicht täglich, / dass Tote auferstehen. // Aber nun sitzt er wieder im Sattel, / Zufrieden auftretend in zahllosen Gestalten, / Mit überkommenen Qualitäten, brauchbar für dieses und jenes / auf realer wie metaphysischer Plattform.

„God rides again!“ heißt dieses Gedicht; die existenzialistische Lesart der Welt ist und bleibt Rifbjergs Gegenentwurf – darauf fußt die überaus reiche, manchmal erschrockene oder angeekelte, oftmals jedoch still beglückte Empfindungswelt dieser Gedichte. Die Beglückung tritt ein beim Genuss der Formen in Natur und Kunst – ihre „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“ erfüllt das lyrische Ich mit ruhiger Gewissheit.

Tatsächlich verdichtet Rifbjerg ideengeschichtliche Kerngedanken zu einer eigenen Weltanschauung und Poetik. Mit schlichter Konkretheit beschreibt diese Lyrik alltägliche Situationen, die stets Anfang und Ende einer Sinnsuche bedeuten. Ideologien wird eine klare Absage erteilt, Gottfried Benns Ansicht, dass die Welt sich einzig als ästhetisches Phänomen rechtfertige, ist konsequent formuliert:

Vormittag

Man sollte sich konzentrieren auf die Schale mit Kirschen
Und Äpfeln. Die ist so schön und führt die Gedanken weg von
All dem Überflüssigen, das uns beschäftigt,
Tagein, tagaus.

Die Äpfel und Kirschen in der Keramikschale
Rufen Cézanne in Erinnerung und all die Bilder
Mit Frucht in Schalen, die man die Jahre über gesehen hat,
Alle die
Stilleben mit ihrer unaufdringlichen Ruhe.

Fasziniert betrachte ich den Weg eines Käfers zur Schale.
Ich kenne dessen Namen nicht, es ist ein gewöhnlicher Käfer,
Trotzdem spüre ich die Hand sich spannen zum
Erheben und
klatsch.

Es ist Vormittag, einer von Tausenden, wie man so sagt,
Und nichts geschieht, nicht das Geringste. Der Käfer
Versucht nicht, die Schale zu erklimmen, sondern läuft
Drumherum und verschwindet.

Es wird allmählich langweilig. Dann entdecke ich
Einen Schatten hinter der Tür. Ich kenne dessen Namen nicht,
Habe jedoch eine Ahnung. Die Äpfel und Kirschen liegen
Vergänglich schön immer noch in der Schale.

Es ist Vormittag, einer von Tausenden, wie man so sagt.

Klaus Rifbjerg, geboren 1931 in Kopenhagen, studierte Philosophie und Englisch und arbeitete danach lange Zeit als Filmregisseur. Die klare rhetorische Struktur und die bildhaft-anschauliche Abfolge in jedem Gedicht sind mithin kein Zufall und machen die Besonderheit dieser griffigen lyrischen Kunstwerke aus.

„Knastørre digte / Strohtrockene Gedichte“ erschien als dritter Band der von Paul Alfred Kleinert herausgegebenen „Nordischen Reihe“ und folgt zweisprachig der dänischen Ausgabe von 2006. Wörtlich übersetzt man „knastørre“ mit „knisternd“: ein unscheinbares, sinnliches Rifbjerg-Wort – das immerhin die komplette Theorie Schopenhauers vom Naturgesetz des „Willens“ umschreibt. Sie liegt in all diesen Gedichten offen zutage, bis hin zur Feststellung, dass der zentrale Trieb der Natur, der unsere Wünsche lenkt und uns unfrei macht, in uns allein durch Kontemplation und Kunstgenuss entschärft werden könne, was uns geradewegs in den Zustand der Melancholie befördere.

Sinnlich „knisternd“ stellen Gedichte wie „Vormittag“, „God rides again“ oder „Impotenz“ den großen Naturzusammenhang dar, in dem der Mensch mit seinen komplexen körperlichen und geistigen Bedürfnissen steht: Die Lust führt ein ästhetisches Eigenleben, schön und autark, das sich in jedem Bestandteil unserer Welt manifestiert. Sie bringt alle Schöpfungen, das Obst und die Schale, die Ideologien, Kriege und nicht zuletzt Gewalt und Hingabe der Liebe hervor, von denen hier in kraftvollen Bildern und mit schopenhauernder Melancholie die Rede ist.

Entlassen wird der Leser mit der „Ahnung“, dass die Welt nicht absurd ist, da sie ja nicht vernunftwidrig schweigt, sondern vernunftwidrig knistert, „tagein, tagaus“, – und so immer den gleichen Zwecken folgt, die wiederum stets die gleichen Schatten vorauswerfen. Allein die Lust lockt auf den Sisyphosberg. Einzelne Käfer sind weniger aufstiegsfreudig. Die lassen sich vor einem Cézanne-Bild nieder und naschen ab und an eine Fliege.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0810 LYRIKwelt © Katrin Ernst