Strandkonzert von Gert Jonke, 2006, Jung und Jung1.) - 2.)

Strandkonzert mit Brandung. Georg Friedrich Händel, Anton Webern, Lorenzo Da Ponte.
Texte von Gert Jonke (2006, Jung und Jung).
Besprechung von Markus Köhle, (7/10) 2006:

Mich interessiert Fußball nicht, aber ich lese Beiträge über Fußball, wenn sie von Franzobel geschrieben wurden. Ich habe keine Ahnung von klassischer Musik, aber ich lese Porträts von Georg Friedrich Händel, Anton Webern und Lorenzo da Ponte, wenn sie von Gert Jonke geschrieben wurden. Nun könnte man sagen, Jonke schreibe wie die Italiener Fußball spielten, also weltmeisterlich, erwiese ihm damit jedoch keine Ehre, zumal die Italiener mauern würden und korrupt bis auf die Knochen wären (habe ich gehört) und da ich ja eingestanden habe, mich nicht für Fußball zu interessieren, muss ich auch nicht den passenderen Fußball-Schreibkunst-Vergleich parat haben. Ist das jetzt bereits eine Buchbesprechung? Irgendwie schon, weil es große Kunst ist, jemanden dazu zu bewegen etwas zu lesen, das einen eigentlich nicht interessiert und weil es noch größere Kunst ist, wenn es gelingt, diesen jemand damit zu fesseln, ja gar dazu zu motivieren, sich doch in Zukunft mal was von diesen Knaben an zu hören. Das ist eine persönlich ehrlich subjektive Meinung und wiederum meiner bescheidenen Meinung nach mehr wert, als eine pseudo-objektiv bemühte Würdigung der drei außergewöhnlichen Porträts vom Sprachgroßmeister Jonke. So, jetzt noch ein Zitat, dann kann wirklich keiner mehr was sagen. "Man geht in die Operette, um all die Gemeinheiten, denen man außerhalb der Operette nachgeht, auf der Bühne so lange als liebenswürdig vorgesetzt zu bekommen, bis auch diese Hinterfotzigkeiten außerhalb der Operette aufgrund der Operettenverharmlosung als liebenswert erscheinen können und müssen und dürfen, und somit das Dasein auch als eine solche Operette empfunden werden kann, indem sich jede Gemeinheit als furchtbar nette Liebenswürdigkeit erklären läßt und somit das alltägliche Gefühlsergrauen einem jeden liebenswerten Leben ganz verwandt und angehörig." Wow! Jonke hat den Sound!

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Strandkonzert von Gert Jonke, 2006, Jung und Jung2.)

Strandkonzert mit Brandung. Georg Friedrich Händel, Anton Webern, Lorenzo Da Ponte.
Texte von Gert Jonke (2006, Jung und Jung).
Besprechung von Leopold Federmair in Neue Zürcher Zeitung vom 13.06.2006:

Faltungskünste und Sprachgaukeleien
«Strandkonzert mit Brandung»: Gert Jonke rührt ans Schöpferische

In seiner Literatur hat sich der Österreicher Gert Jonke immer wieder mit Musik und denen, die sie schufen, auseinandergesetzt. «Strandkonzert mit Brandung» umfasst drei Texte aus unterschiedlichen Schaffensperioden, die ersten beiden aus den achtziger Jahren, der dritte ist erst vor kurzem entstanden. Jeweils ein Komponist bzw. ein Librettist, der für Mozart und Salieri schrieb, steht im Mittelpunkt: Händel, Webern, Da Ponte.

Historie und Phantasie

Zwei dieser drei Werke waren Auftragsproduktionen und wurden für die Umsetzung in einem anderen Medium geschrieben (auch wenn Jonke von seinem erprobten Erzählstil kaum abgeht): «Geblendeter Augenblick» ist der Titel eines Films über Anton Webern, «Seltsame Sache» wurde als «Melodram für Da Ponte» mit Musik von Gluck, Beethoven, Mozart und Schubert vor einem Jahr bei der Ruhr-Triennale in Duisburg uraufgeführt. Die Ratlosigkeit, die manch ein Musiktheaterkritiker damals zum Ausdruck brachte, bestätigt sich bei der Lektüre des Textes. Über den ungenannt bleibenden Mozart lässt Jonke seinen Da Ponte bemerken: «Er war ein völlig unabhängiger Compositeur, der niemandem nachrannte um einen Auftrag.» Das stimmt zwar mit den historischen Tatsachen nicht ganz überein (muss es auch nicht), interessant ist aber doch, dass Jonke in seinem Melodram einen Widerspruch andeutet zur Mozartschen freien Schöpfung. Eine namenlose Figur, Alter Ego des Autors, hat ein Stück geschrieben. Welches? «Natürlich Lorenzo Da Ponte», bekundet er. «Ach ja», antwortet eine Frau, die wohl auf dem Laufenden ist: «die Oper, die letztens in Auftrag gegeben worden ist?!!»

Vielleicht ist die Freiheit eben doch auch dem Schaffen Jonkes förderlich. «Der Kopf des Georg Friedrich Händel» ist ein echtes Barockkunststück, eine Sprachgaukelei, worin der Autor dem Geheimnis des Schöpferischen auf die Spur zu kommen trachtet. Auch Händel spricht, wie die anderen Protagonisten des Buchs, im Rückblick auf sein Leben, auf der Schwelle des Todes. Was in der Webern-Geschichte eher wie ein Witz anmutet, die drei Schüsse eines womöglich betrunkenen Nachkriegssoldaten, die den ladegehemmten Komponisten töten sollten, als «musikalischer Schlussakkord» und «die ganze Welt überzeugender Krach», das gerät in der Händel-Geschichte zu einer Engführung von Leben und Tod, von Erstarrung und Spontaneität und damit zu einer grossartigen, ebenso pathetischen wie skurrilen Rechtfertigung einer als Biografie nicht sonderlich glorreichen Künstlerexistenz.

Kanzleistil und Nonsense

Liest man diese Mischung aus ins Groteske überhöhtem Kanzleistil, wortverliebtem Nonsens und Spiel mit dem Paradoxen (mitunter in Form von Oxymora), könnte es sein, dass man an Leibniz denkt, jenen Barockphilosophen, den Gilles Deleuze etwa zu der Zeit, als Jonke seine Händel-Erzählung schrieb, als Faltungskünstler dargestellt hat. Einwickeln/Auswickeln, das ist die poetisch-musikalische Tätigkeit Jonkes im Nachempfinden der Händelschen Musik. Ausfalten und neu zusammenfalten, immer wieder von neuem, in tausend Arabesken. In der Konjunktion von Witz und Ernst, von spontanem Ausdruck und sprachlicher Konstruktion rührt Gert Jonke an das schöpferische Prinzip – nicht nur in der Kunst.

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