Störendes
Lachen.
Gedichte von
Alfred Brendel (1997, Hanser)
Besprechung von Andreas Breitenstein in Neue
Zürcher Zeitung, 1997:
Alfred Brendel – die breite Öffentlichkeit hat den «Fingerzeig» im vergangenen Herbst erhalten – führt ein Doppelleben: er dichtet. Der Pianist als Poet, das birgt Reiz und Risiko zugleich. Auf Schwarz und Weiss die vorgeschriebene Bahn ertasten ist das eine; das andere, seine eigene Schreibspur ins Leere hinein zu ziehen. Wer anderseits möchte nicht wissen, was einer verbirgt, wenn er sich spielend offenbart – und zumal Alfred Brendel, der als der Intellektuelle unter den verbliebenen Grossen seines Fachs gilt? Dass er die Feder wohl zu führen weiss, hat Brendel in gelehrten Büchern und klugen Aufsätzen zu musikalischen Themen bewiesen. Allein, der Analytiker ist zu sehr Artist, um sich dem gesicherten Wissen zu verschreiben: Die Welt endet nicht bei dem, was der Fall ist. Wie die Musik das Erleben, treibt das Lachen das Erkennen voran. Erneut hat sich Brendel daher die Narrenkappe des Dichters übergestreift. «Störendes Lachen während des Jaworts» heisst sein zweiter Gedichtband.
Brendels Domäne ist das Groteske. Sein Schalk wächst zunächst einmal da, wo sonst der heilige Ernst waltet: im Konzertsaal. Die Einsamkeit des Pianisten vor dem Publikum gebiert auch «in reiferen Jahren» noch Flausen: «Man könnte (. . .) / einen Feuerwehrschlauch / auf die erste Reihe richten / sofern man es / nach einer höflichen Verbeugung / nicht vorzöge / etwas von Brom Brehm Brums / nein Brahms zu spielen / strukturell durchleuchtet / zugleich eine Handvoll Mäuse loslassen». Erlösungshoffnung, Bildungsglaube, Starkult sind dem Autor sichtlich zuwider – Adoration tötet die Kunst, die sie begehrt. Den Betrieb in seiner Leere blosszustellen, genügen einfache Silben-, Satz- oder Sinnverschiebungen. Im Nu greift um sich, was Rituale verdecken sollen und Literatur ständig neu herstellen muss: das Befremden über die Faktizität des Wirklichen.
Immer wieder ist es bei Brendel die krude Körperlichkeit, welche die allzu schönen (Kunst-) Ideale sabotiert. Inspiration ist nicht ohne Erschlaffung, Reinheit nicht ohne schmutzige Phantasie, Genie nicht ohne Ausdünstung zu haben: Brahms als Gespenst verpestet das Musikzimmer mit «Zigarrengeruch» und dem «Gewühl durch Akkorde und Doppeloktaven». Erst der beschädigte Körper überwindet seine Grenzen, wie das Kamel, das seiner Höcker beraubt wurde: «Aida» kann es vergessen, doch bleibt die «Walküre» als Pferd oder, «wenn nichts mehr ging», die Nummer mit dem Nadelöhr. Selbst der «komische Kleine», ein rüsselhaftes Unding von einem Geschöpf, vermag sein haltloses Dasein in Anmut und Würde zu fristen.
Von den Tieren, von den Wesen, von den Sachen fühlt sich Brendel angezogen. Ob er «das Grosse Kaninchen» als mümmelnden Guru; flatterhaft flunkernde Engel; den steckbrieflich gesuchten Leibhaftigen; «FUFLUNS», den «Gott des Entzückens», oder einfach «pflichtbewusste Nägel» auftreten lässt, «die auf den Kopf getroffen werden wollen»: stets erinnert er an den Eigensinn der Dinge. Der Mensch ist Krone der Schöpfung, aber durchaus nicht Herr im eigenen Haus. Er ist mehr Tier, als ihm lieb ist, und das Tier ist menschlicher, als er denkt. Auf die eine oder andere Art erzählt fast jedes Gedicht die Geschichte dieser Desillusionierung. Die Pointen sind nicht ohne politische Moral: alle menschlichen Zwecke sind endlich. Der Drang nach Selbstvervollkommnung dient der Macht, Erleuchtung betrifft die «Börsenkurse von übermorgen», und was wäre schöpferische Berufung ohne Neid auf die Kollegen?
Ironisch gibt sich Brendel gegenüber Erhabenem: die Apokalypse – eine müde Veranstaltung, verglichen mit dem Aufwand weiblicher Schönheit; die Ordnung der Mathematik – ein Bluff angesichts der zufällig geformten Zahlen; das Paradies – ein Triumph der Nichtskönner; Heldentum – ein Ladenhüter der Geschichte. Ideen verbreiten sich «mit der Geschwindigkeit von Seerosen (. . .) / aber Seerosen bleiben Seerosen / Ideen jedoch / verschmutzen und bleichen aus / wie Spiegel / die ihre Sehkraft verlieren / bis sie erblinden». Absolute Orientierungen sind gefährlich, dann noch lieber jene, die «in alle Richtungen zugleich» schielen. So geniesst der Mann, der «stets nur das eine zu sagen [fand] / ein Wort das alles umschloss / Bibliotheken ersetzte / einfach und kraftvoll / unvermutet und doch zwingend / Das Wort war Kleister», epidemischen Zuspruch. An Mitlachern herrscht nie Mangel. Nur wenn es ernst wird, merkt einer, wie sehr er mit seinem Lachen allein ist.
Trotz aller Distanznahme, von Lebensverneinung ist Brendel weit entfernt. Statt die grosse Verweigerung pflegt er die kleine Subversion. Als Skeptiker gibt er sich dialektisch: «Nein / lässt sich schwer widerlegen / es trotzt den unverschämten Göttern / zieht Grenzen / ist streitbar vernünftig (. . .) Mit dem Ja / seien wir sparsam / freundlich zögernd / man muss es drehen und wenden / wenn es uns überwältigt / löscht es uns aus». Nicht weniger als die Einwilligung ins Unzulängliche ist hier formuliert. Es ist der melancholisch zustimmende Grundgestus, der Brendels Gedichte so menschenfreundlich macht. Mit entwaffnendem Witz verteidigen sie das Recht der nächsten Dinge gegenüber den letzten. Wenn der Fall ins Bodenlose auch unvermeidlich ist, so lässt er sich doch als Rutschpartie vollführen.
Spektakel – zumal in der Kunst – muss sein, damit Ordnung erträglich wird. Gewiss, manch schräger Einfall mag pennälerhaft anmuten, doch ist es die Sprache, die die Gedichte auch über flacheres Gelände hinweg trägt. Brendel ist ein Meister des lakonischen Tons, der schlagenden Formulierung und der rhythmischen Durchformung. Von der Verballhornung über die Selbstkarikatur bis zum Nonsens beherrscht er die Klaviatur eines Humors, der Welten öffnet, statt sie zu verschliessen: «Komisch muss etwas sein / dann lache man // aber wie man lacht / das Wie des Lachens / ist wichtig». Aber auch das Lob will dosiert sein. Man muss Brendel auf keinen Sockel stemmen, um seinen Rang auch als Dichter anzuerkennen. Seine Gedichte gehören nicht ins Pantheon, sondern unters Volk. Insofern hat der Verlag gut daran getan, sie im Westentaschenformat herauszubringen.
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