Stille Quellen von Norbert Hummelt, 2004, Luchterhand1.) - 2.)

Stille Quellen.
Gedichte von Norbert Hummelt (2004, Luchterhand).
Besprechung von Michael Braun in Neue Zürcher Zeitung vom 30.04.2004:

Das Glück der nahen Dinge
«Stille Quellen» - Gedichte von Norbert Hummelt

Es gibt ein berühmtes Gemälde des romantischen Malers Caspar David Friedrich, das in seiner etwas plakativen Symbolik kaum noch wahrgenommen wird in der aktuellen Kunstdebatte. Auf diesem Bild ist eine einsame Gestalt zu sehen, weit draussen an der Küste eines Meeres, völlig verloren vor dem gigantischen Wolken- und Nebel-Panorama des Himmels. Es ist eine fast schon Klischee gewordene Szene, die hier in der Konfrontation von einsamer Menschenfigur und übermächtiger Natur vergegenwärtigt wird. Der 1962 im Rheinland geborene Lyriker Norbert Hummelt lässt sich von der ästhetischen Wirkungskraft dieses romantischen Bildes immer noch berühren. Hummelt hat ursprünglich als experimenteller Dichter im Umfeld der heftigen Sprachzertrümmerer Thomas Kling und Marcel Beyer zu schreiben begonnen, mit einer unübersehbaren Lust am parodistischen Demontieren der lyrischen Altvorderen. 1993 erschien sein erstes Gedichtbuch im Ostberliner Galrev-Verlag, der Band «knackige codes», in dem er sogenannte Pick-ups aus den Sprachfetzen des Kommunikationsalltags sammelte und zu ironischen Versen mixte. Aber schon in dem folgenden Band («singtrieb», 1997) besann sich Hummelt auf die romantische Tradition der Dichtung.

ROMANTISCHE EXPEDITION

Die Zauberworte Joseph von Eichendorffs wurden nicht mehr ironisch zitiert, sondern zum Ausgangspunkt eines neuen, feierlichen Sehnsuchtstons. In seinem jüngsten Band, «stille quellen», unternimmt Hummelt erneut eine romantische Expedition zu den «Glücksstoffen» seiner Kindheit. Da wird in einem Gedicht «das glück bei eichendorff» besungen, an anderer Stelle wird ein programmatisches Bekenntnis zum Dichter des Heimwehs abgelegt: «ein vers von eichendorff hat mich noch nie betrogen». Auch mit dem Friedrich'schen «Mönch am Meer» hat Hummelt die poetische Auseinandersetzung gesucht. Dabei weiss Hummelt, dass sich mittlerweile zu viele Trivialmythen an die Bilder eines Caspar David Friedrich angelagert haben, als dass sie noch ungebrochen emphatisch heraufbeschworen werden könnten. So kollidiert nun in den Gedichten von Norbert Hummelt das Erhaben-Romantische mit dem Profan-Alltäglichen.

Wenn sich sein lyrisches Ich ins Museum begibt, um sich dem Bild von Friedrich anzuvertrauen, dann ist da sofort ein Störgeräusch, das den magischen Moment der Begegnung konterkariert. Das Rieselgeräusch eines Luftbefeuchtungsapparats und die ästhetische Erfahrung eines Kunstwerks fallen im Gedicht «anderswo» zusammen: «ich weiss, es ist nur die luftbefeuchtung, / das stete rieseln in den räumen hier, doch / hör ich es anderswo unentwegt rauschen, / das kommt von dem bild da, der mönch / am meer. noch nie zuvor von so nahe / gesehen. was ist das, der dreht sich ja fast / zu mir her. das ist wohl die leinwand, die / langsam verwittert. ein haarriss, der unter der farbe sich rührt. Fast unheimlich brüchiger / pinselstrich. am dunklen gestade allein steh ich.» Dass Hummelts Versuche einer Wiederaneignung des Romantischen mit einem Moment religiöser Sehnsucht einhergehen, wird vom Autor fast demonstrativ im Titelgedicht des Bandes markiert. Hier wird die Gestalt des toten Vaters aufgerufen, der Augenblick seines Todes, der bei Hummelt nicht nur in diesem Fall mit der Metapher des Lichts und einem Augenblick heller Offenbarung gekoppelt wird.

Der Romantiker, das zeigen diese Gedichte auf berührende Weise, kann der Macht des Profanen im Alltag nicht entkommen. Das «Glück der nahen Dinge» (Adorno), das so typisch ist für romantische Dichtung, ist bei Hummelt stets doppelwertig und ambivalent. Immer wieder sind es unspektakuläre Details und einfache Alltagsgegenstände, die sich dem romantisch Schönen und der hehren Kunsterfahrung in den Weg stellen. In einem Essay (NZZ 20./21. 3. 04) hat Hummelt darauf hingewiesen, dass auch im Titel seines Gedichtbuchs, der ein bisschen sentimental tönt, diese profane Dimension mitschwingt. Denn der Titel «stille quellen» meint nicht nur die Orte der Ursprünglichkeit und der Kindheit, an denen sich die «Erstbegegnungen mit den Dingen» vollziehen. Es geht auch ganz wörtlich um Plätze, an denen Wasser oder Öl aus der Erde tritt, und nicht zuletzt auch um den «Quelle»-Katalog, das verheissungsvolle Wunderwerk aus Kindertagen.

MELANCHOLISCHE HELLSICHT

Die «stillen quellen», aus denen Norbert Hummelts Gedichten ein poetisches Erfahrungswissen zufliesst, sind meist im rheinischen Raum lokalisiert. In diesen Kindheitsgedichten, die vom Verlust der Dinge, aber auch vom Schmerz über den Tod geliebter Menschen handeln, sind die sinnlichen Erscheinungen und Alltagsphänomene sehr zart und sehr inständig benannt. Norbert Hummelt hat sehr bewegende Gedichte geschrieben, die sich mit melancholischer Hellsicht in eine Welt der Vergänglichkeiten und verlorenen Paradiese versenken. In diesen Texten spricht ein Ich, das sich bevorzugt in den unbefestigten Bezirken zwischen Schlaf, Traum und Wachzustand aufhält - ein Ich in den Zonen des Dämmerns und der Trance.

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Stille Quellen von Norbert Hummelt, 2004, Luchterhand2.)

Stille Quellen.
Gedichte von Norbert Hummelt (2004, Luchterhand).
Besprechung von Guido Graf in der Frankfurter Rundschau, 5.5.2004:

Jenseits des Haut-Ichs
Experte für das Präzisionsgedächtnis: Norbert Hummelts Gedichtband "Stille Quellen"

In Norbert Hummelts neuem Band Stille Quellen heißt ein Gedicht "rührmichnichtan": "ich kann die wiese nicht mit augen messen / ich überblicke ja nicht einen zoll ich / weiß nur dass man die herkulesstaude nicht // anfassen soll .. mir ist auch so schon meine / haut gerötet / weil in den nesselwäldern nah / am fluß wächst wieder springkraut aus dem // kaukasus ... das ist mir sonderbar so nah am / rhein kann es unmöglich doch den ganzen / weg vom kausasus bis hier gesprungen sein // so fühle ich so fragen meine finger die kapsel / leise mit der haut doch dann schnellt eine / antwort aus dem kapselinnern: rührmichnichtan."

Natürlich, Gedichte wissen wohl, was Finger fragen. Sie wissen es, sie stehen in direktem Kontakt mit den Sinnen, diesen stillen Quellen, die sich, in der Dichtung, nicht unterscheiden von der Erinnerung, von den Träumen und den Sehnsüchten. Sie sind einander gleich in ihren Schwingungen. Man kann sie an ihren Bewegungen erkennen. Die ertastete Antwort hat eine doppelte Bedeutung. Norbert Hummelt schreibt nicht von dem, was er sieht, sondern von dem, was ihn berührt.

Nur wenn die Samenschoten berührt werden, kann das Springkraut seine Samenkörner herausschleudern und so die Fortpflanzung garantieren. Das vermeintliche Verbot ist zugleich sein Gegenteil, eine Aufforderung, dem blinden Fühlen zu trauen, Empfindlichkeit und Empfindsamkeit nebeneinander zu lassen, so notwendig unverträglich sie auch erscheinen mögen. Notwendigkeit von Absterben und Weiterleben treffen auf die Sehnsucht nach dem Unwiederbringlichen. Und das Schmerzliche an dieser Sehnsucht liegt gerade in ihrem Glanz und in der Ungeduld, mit der sie auftritt. Sie kann es nur, weil sie weiß, dass es vergeblich ist. "Impatiens nolitangere" lautet der botanische Name des Springkrauts, des Rührmichnichtan. Dem Ungeduldigen, dem das vermeintliche Verbot gilt, ist der unvermeidliche Verlust des Unberührtseins in den Namen eingeschrieben. Auf die Übertretung folgt die zornige Reaktion in Form einer Verschwendung des bis zur Berührung noch verborgenen Schatzes. Was da verborgen war, ist uns, die wir an das glauben wollen, was wir sehen, fremd geworden. "Es sind", heißt es in dem Gedicht "nocturne", "die dinge der sichtbaren // welt dafür gemacht dass man sie blind behält / als etwas schwebendes das sich verwandeln / kann." Poetischer Erkenntnis ist das Gedächtnis der Anwesenheit eines solchen Metamorphosenschatzes überaus lebendig.

Den bloßen Sinnen nicht zu trauen

In den Gedichten Hummelts kommt es im mehrfachen Wortsinne zum Begreifen. Was mit Augenverstand nicht begriffen, nicht gemessen werden kann, das weiß die Haut, der fragende Finger, die Körpergrenze: hier wird der Name als Formel begriffen: rührmichnichtan. In diesen Gedichten erweist sich Hummelt als Experte für das feine Sensorium von Fingerkuppen, für ihr Präzisionsgedächtnis. Das Verbot der christlichen Metaphysik, den bloßen Sinnen nicht zu trauen, erhält so, in seiner erfahrenen Überschreitung, in seiner botanischen Realität und schließlich in der Topologie seines Namens einen Sinn.

Hummelt ist kein ungläubiger Thomas, dem es nach taktiler Verifikation verlangt, was er in seiner nächsten Umgebung, in den Distanzen nicht fassen kann. Im Gegenteil, das geschriebene Wort der Enzyklopädie stellt ihm in Frage, was er fühlen kann: es kann unmöglich sein, dass dieses Kraut so weit gesprungen ist. Das ist ein Kinderwundern, dem Ferne und Fremde nichts, der Name und sein verführerisches Gebot aber alles gelten. Ein Wissen, eine Gewissheit, von der diese Gedichte wie aus einem unerschöpflichen Speicher zehren.

"Noli me tangere", sagt Jesus laut Johannes-Evangelium zu Maria aus Magdala, die ihn vorm leeren Grab zunächst für einen Gärtner hält: "Berühre mich nicht, halt mich nicht fest!" Die Aura soll unberührt bleiben, geschützt, nie verfügbar. Jenseits des Haut-Ichs beginnt die geheimnisvolle Zone des Immateriellen, anziehend und abstoßend zugleich. Dazwischen sorgen die Finger für Nähe, für die sinnliche Erkenntnis inmitten der Verwirrung. Doch die klärt sich, im Gedicht, in seiner gleichmäßigen, auf lockere Binnenreime vorgehenden Bewegung. Die richtet sich in die Vergangenheit, auf Spuren, die sich nur diesem Suchenden zeigen, der nicht nur den Zusammenhänges seines eigenen Lebens nachspürt, sondern auch deren Bedingungen und Vorbedingungen.

Ahnenkunde, Archäologie in eigener Sache, und vor allem immer in ganz eigensinniger Weise gegenwärtig, intim mit dem Jetzt und Hier, mit der Geliebten. Daraus folgen melancholische Konturen: "vor meiner regenbogenhaut beginnt die fremde." Norbert Hummelt kennt die Gesellen, die ihn da begleiten, die Schattengalerie von zweihundert Jahren deutscher Romantik. Eichendorff und Benn traut er am meisten. All das sind stille Quellen, auch sie sind hör- und lesbar wie die Erinnerungen und Blicke, wie all die Nahaufnahmen weit verstreuter Zeiten. Die stillen Quellen: das sind die Nahtstellen, an denen sich blinde Konturen fügen zu einem Bild. Vielleicht auch kein Bild: Ich ist ein Geräusch.

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