Stille Mitte von Berlin von Irina Liebmann, 2002, Nicolaische VerlagsbuchhandlungStille Mitte von Berlin
Essay von Irina Liebmann (2002, Nicolaische Verlagsbuchhandlung).
Besprechung von Jonathan Scheiner aus Jüdische Allgemeine im August 2002:

VEB Scheunenviertel
Irina Liebmanns „Stille Mitte von Berlin“

Anfang der achtziger Jahre, noch zu DDR-Zeiten, plante die Autorin Irina Liebmann einen Roman über die Große Hamburger Straße im Berliner Scheunenviertel. Das Projekt verwarf sie dann. Vor einem Jahr nahm Liebmann die Tagebuchaufzeichnungen und Fotografien von damals erneut in die Hand und machte daraus, mit einem nachträglichen Essay angereichert, einen Text-Bildband.

In dem Essay erläutert die Autorin zunächst das Scheitern des damaligen Projekts. Ursprünglich sollten Gespräche mit Mietern der Großen Hamburger Straße dazu dienen, die Vergangenheit des Ortes zu rekonstruieren. Doch nur noch wenige Zeitzeugen hatten Verwertbares zu berichten. Zumal Liebmann spätestens dann, wenn sie nach früheren jüdischen Bewohnern fragte, keine Auskünfte mehr erhielt. Also begab sie sich in Archive und studierte alte Adreßbücher, die darüber Auskunft geben konnten, wer in welchem Haus in der Zeit zwischen 1799 und 1943 gewohnt hat. So stieß sie zum Beispiel auf Aaron Bernstein, Autor, Barrikadenkämpfer von 1848, Erfinder, Verleger und Demokrat - ein klassischer Vertreter jenes liberalen Judentums, das zu jener Zeit im Scheunenviertel seine Heimat hatte.
Schon die umständliche Beschreibung all dessen, was Liebmann Anfang der Achtziger unternommen hat, vergegenwärtigt, daß das Projekt zum Scheitern verurteilt war. Je mehr sich die Autorin in den Gegenstand verbiß, umso klarer zeichnete sich ab, daß ihren Recherchen der passende Rahmen fehlte, daß sie sich in der Flut des Materials gleichsam verirrte. Das Fehlen eines funktionierenden Konzeptes wird besonders im Vergleich zu ihrem sehr bekannt gewordenen und jetzt wiederaufgelegten Buch Berliner Mietshaus von 1982 deutlich. Für dieses Buch unterhielt sich die Autorin damals mit sämtlichen Bewohnern eines einzigen Mietshauses, um aus dieser überschaubaren Menge an Erinnerungen ein facettenreiches Abbild (ost-)deutscher Wirklichkeit zu formen. Im Nachwort zur Neuauflage 2001 formuliert Liebmann ihren Ansatz: "Ich war damals überzeugt davon, daß man als Erzähler nur die Wirklichkeit ernst nehmen müßte, die Bilder, die sie einem vor Augen stellt, damit Literatur entsteht. Das glaube ich auch heute noch." Aber gerade mit einem solchen poetischen Ansatz war das Romanprojekt über das Scheunenviertel nicht zu bewältigen. So ist statt eines Romans über das Scheunenviertel eine Art Werkstattbericht herausgekommen. Neben die Erklärung des einstigen Scheiterns, neben die Zurschaustellung des seinerzeit im Tagebuch gesammelten Materials und neben eine im Eindruck der Ereignisse des 11. September stehenden Perspektive auf die Erstarrung in der DDR der achtziger Jahre, hat Liebmann Farbfotos gestellt, die sie damals gemacht hat. Diese Bilder waren nicht als künstlerische Arbeiten zur Veröffentlichung vorgesehen, sondern als Gedächtnisstütze, um die fotografierten Objekte in Erinnerung zu halten. Das erklärt (und entschuldigt) die miserable Qualität des Materials. Die Bilder sind teils unscharf, teils verblaßt, teils haben sie in den vergangenen Jahren die Farben verändert. (VEB Orwo läßt grüßen.)
Doch trotz all dieser Widrigkeiten und Unzulänglichkeiten ist es spannend, die Fotos zu betrachten und den Essay zu lesen. Verblüffenderweise gelingt es Irina Liebmann nämlich, die Tristesse, die Verwahrlosung und die Stille des Scheunenviertels Anfang der Achtziger vor Augen zu führen. Aus heutiger Sicht, da die Gegend rund um die Große Hamburger Straße zur herausgeputzten und quirligen Ausgehmeile geworden ist, wirken die Bilder wie aus einer fernen Vergangenheit. Bald schon werden die auf den Fotos fixierten Häuserruinen, vor denen kein Baum und nur selten ein Auto zu sehen ist, einer Vergangenheit angehören, an die sich nur wenige erinnern. Dazu passen die Beschreibungen von einem in Vergessenheit geratenen ostdeutschen Lebensgefühl, das geprägt war von Depression, Resignation und Gedanken an Ausreise. Und so fügen sich die verschiedenen Aspekte des Buchs zu einer persönlichen Erinnerung an eine vergangene Zeit, einem Tagebuch vergleichbar, das zu lesen und anzuschauen nicht nur Spaß, sondern auch nachdenklich macht.

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur, bestellt werden]

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