Sternstunde der Mörder.
Roman von Pavel Kohout (1995, Knaus).
Besprechung von Ulrich Karger, Berlin:

Prag, vier Monate vor Kriegsende: Hauptkommissar Beran und sein Assistent Morava haben einen neuen Mordfall zu bearbeiten. Außergewöhnlich daran ist nicht nur das fein säuberlich ausgeweidete Opfer, sondern auch, daß das Opfer eine deutsche Generalswitwe ist und die tschechischen Kriminalbeamten bis dahin eigentlich nur die Straftaten von Tschechen untersuchen durften. Obwohl sich herausstellt, daß die Indizien tatsächlich für einen Tschechen als Täter sprechen, ahnen die beiden schon bald, daß es hierbei um mehr geht. Standartenführer Meckerle hat sie dem deutschen Oberkriminalrat Buback von der Gestapo zur Berichterstattung verpflichtet. Buback jedoch soll insgeheim sondieren, ob und wie die tschechische Polizei gegebenenfalls Widerstand gegen die deutschen Besatzer zu leisten vermag, wenn es zum "letzten Gefecht" kommt. Beran und Morava wissen nicht, daß Buback perfekt tschechisch spricht. Ein Katz und Mausspiel beginnt.
Pavel Kohout erzählt ein vielschichtiges Kriminalstück, das einmal mehr der simplen Schwarz-Weiß-Sicht auf Täter und Opfer entgegenwirkt. So haben sich die redlichen Polizisten mit der Anschuldigung der Kollaboration auseinanderzusetzen, weil sie bis zuletzt einem tschechischen Serienmörder nachstellten, und umgekehrt gibt Kohout auch den beiden deutschen, dem Standartenführer und dem Gestapomann, genügend "Farbe", so daß sie in keine vorgefertigte Schublade passen. Jede Stimme für sich ist verständlich und bis zu einem gewissen Grad auch nachvollziehbar. Jedoch die Summe aller Stimmen, die am Höhepunkt in den Widerstand bzw. in das Kriegsende kulminieren, läßt den Mörder sogar kurzfristig zum Helden werden und hat Einfluß auf die sich anschließende Zukunft. Hervorragend von Karl-Heinz Jähn übersetzt, läßt einen das gelungene Gemenge aus packendem Krimi, bedrohten Liebesgeschichten und versöhnlicher, weil nichts zukleisternde Geschichtsbetrachtung frühestens nach der letzten Seite los.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.buechernachlese.de.vu]

0901LYRIKwelt © Ulrich Karger