1.)
- 5.)
Stjørnuakrar/Sternenfelder.
Gedichte, färöisch/deutsch von Guðrið
Helmsdal (2006, Projekte Verlag - Übertragung
von Annette Nielsen, mit einem
Nachwort und herausgegeben von Paul
Alfred Kleinert).
Besprechung von Turið
Sigurðardóttir, Radio der Färöer/Útvarp
Føroya (Das Original-Audiofile liegt hier.), gesendet am 15.Mai 2006 (Übersetzung
aus dem Färöischen: Arne List).
Vor Kurzem erschien in Deutschland ein Buch mit dem Titel Stjørnuakrar - Sternenfelder der färöischen Lyrikerin Guðrið Helmsdal (*1941) mit dem Untertitel Gedichte, färöisch - deutsch. Guðrið Helmsdal wurde für ihre früheren Gedichtbände 1974 der Literaturpreis der Färöer (Mentanarvirðisløn M. A. Jacobsens) verliehen. Ihre Gedichte kamen bereits in allen skandinavischen Sprachen und Englisch heraus.
Übersetzerin ist die Deutsche Annette Nielsen (*1955), geborene Bayer, die auf den Färöern wohnt. Sie arbeitet seit 1988 an der Färöischen Musikschule und spielt im Färöischen Symphonieorchester.
Der Projekte-Verlag ist ein Verlag in Halle/Saale, der sich auf die Produktion von hochwertigen Kleinauflagen mit eigener Druckerei spezialisiert hat. Herausgeber ist Paul Alfred Kleinert in Berlin-Kreuzberg, der auch das Nachwort geschrieben hat. Dort finden wir einen kurzen Abriss der färöischen Literaturgeschichte und eine Beschreibung von Guðrið Helmsdal, ihrer Dichtung und Ausgaben, etwas über die Übersetzerin und über sich selbst. Paul Alfred Kleinert (*1960) ist Autor von sieben eigenen Gedichtbänden. Er übersetzte aus den klassischen Altsprachen, aus dem Englischen und Russischen. Als Herausgeber steht er für Gedichtbände, in denen die deutsche Übersetzung an der Seite des Originaltextes steht.
Stjørnuakrar - Sternenfelder ist in kleines querformatiges Buch mit festem schwarzweißen Einband. Darauf ist ein färöisches Landschaftsbild von Zacharias Heinesen zu sehen, das demjenigen auf Lýtt lot von 1963 enorm ähnelt. Der Schutzumschlag zeigt das gleiche Bild, aber dort ist die obere Hälfte in einem warmen ockergelb mit rotbraunen Lettern gehalten. Das Bild findet sich innerhalb des Buchs am Anfang wieder, diesmal in zartem Hellgrau. Ansonsten gibt es keine Bilder im Buch.
Dies ist eine zweisprachige Ausgabe. Die achtzehn Gedichte stehen bei jeder Doppelseite links auf Färöisch und rechts auf Deutsch. Die meisten der Gedichte - elf - sind aus Guðrið Helmsdals erstem Gedichtband Lýtt lot von 1963, zwei sind aus dem letzten, Morgun í mars von 1971; beides Frühlingsgedichte: "Ein klokka ringir" (Eine Glocke läutet), das intertextuellen Zusammenhang mit "Morguntváttur úti í Trøð" (Morgenwäsche) aus dem älteren Band hat; und das bekannte "Morgun í mars" (Ein Morgen im März), ein Gedicht, das gerne wieder einmal gelesen werden sollte.
Das Gedicht "Til ein gamlan skyldmann"
(An einen alten Verwandten), wurde 1991 in Brá Nr. 17 gedruckt und gab dem
neuen färöisch-deutschen Band den Namen - Stjørnuakrar - Sternenfelder.
Die vier letzten Gedichte habe ich noch nie zuvor gesehen. Ich kann sagen, dass
sie hier das erste Mal in Buchform erscheinen und glänzende Beispiele für die
knappen und komprimierten Gedichte von Guðrið Helmsdal sind, in der sich die
äußere und innere Welt treffen. Eines von ihnen ist "Regn":
REGN
Regn
váta asfaltið
glinsar svart
Ein bilur strýkur framvið
Váta
svartglinsandi asfaltið
Bensindropar
litblettir
sum
páfuglavel
Auf Deutsch sieht es so aus:
DER REGEN
Regen
nasser Asphalt
glitzert schwarz
Ein Auto
rauscht vorbei
Der nasse
schwarz glitzernde Asphalt
Benzintropfen
Farbenflecken
wie
Pfauenfedern.
Das letzte Gedicht im Buch ist "Fráfaring":
FRÁFARING
Malurtvøkstur tyrpist
nærindis
durunum
Hond tín
veittrar
farvæl
Eitt dustskýggj
ývnast
Tá bilurin
ekur
út í summarnáttina
Auf Deutsch lautet es:
ABSCHIED
Wermut - gruppiert
nahe
der Haustür
Deine Hand
winkt
zum Abschied
Eine Staubwolke
steigt empor
Als das Auto
in die Sommernacht
hinausfährt.
Ältere Auswahlbände färöischer Gedichte in Übersetzungen sind Færøske digte 1900-1971 auf Dänisch von Poul P.M. Pedersen von 1972 und Færøysk lyrikk von 1974 auf Norwegisch von Knut Ødegaard. In beiden ist Guðrið Helmsdal gut vertreten. In den letzten Jahren war Ebba Hentze die Hauptübersetzerin, wenn es darum ging, färöische Dichtung ins Dänische zu übertragen. Diese Übersetzungen hatten nicht nur in Dänemark sondern auch andernorts große Bedeutung, wo dänischkundige Leser auf diese Art Interesse an der färöischen Dichtung bekamen und sie zur Übersetzung in ihre eigenen Sprachen verwendet haben.
Jetzt kam mit Stjørnuakrar - Sternenfelder eine Auswahl aus beiden Gedichtbänden von Guðrið Helmsdal heraus, und fünf weitere Gedichte sind mit von der Partie. Es ist erfreulich, dass diese Gedichte in einem so schönen Buch auf Deutsch erschienen. Die Übersetzungen geben den, in diesem Falle deutschen, Lesern einen Einblick in eine Dichtwelt, zu der sie sonst keinen Zugang hätten. Dadurch, dass der Originaltext daneben steht, zeigt die Ausgabe Würdigung und Anerkennung dafür, dass der Originaltext und die Übersetzung jeweils für sich stehen und sich nicht gegenseitig ersetzen können. Es zeigt sich, dass die deutsche Übersetzung nicht versucht, die färöischen Bilder zu entrücken: Zum Beispiel wird das Tjaldur, jener Nationalvogel in der färöischen Dichtung, nicht durch eine deutschen Nachtigall oder einem anderen Waldvogel ausgetauscht. Stattdessen wird das Tjaldur direkt als "Austernfischer" übersetzt, einen Namen, den wir auch aus dem Englischen kennen: "oystercatcher". Eine Fußnote weist darauf hin, dass der Austernfischer am 12. März auf die Färöer kommt und als Frühlingsbote gilt. Aber obwohl das Tjaldur auf Deutsch "Austernfischer" heißt, weckt es nicht die selben Gefühle und Assoziationen bei einem deutschen, wie bei einem färöischen Leser. Das ist der Kern der Literaturübersetzung: Sie stößt nicht nur eine Tür in eine andere Dichtwelt auf, sondern in eine andere Kulturwelt, als derjenigen der Übersetzungssprache. Etwas geht in der Übersetzung vom Ursprungstext verloren, und etwas Anderes tritt in diesem schöpferischen Dialog an seine Stelle.
Zum Schluss wollen wir "Morgun í mars"
auf Färöisch und Deutsch hören:
MORGUN Í MARS
Morgun
í mars
Hjartað:
eitt tjaldur
Flýgur
til tín
EIN MORGEN IM MÄRZ
Morgen
im März
Das Herz
ein Austernfischer
Fliegt
zu dir.
Der Kulturfonds der Färöer hat die Ausgabe unterstützt.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0506 LYRIKwelt © Turið Sigurðardóttir/Arne List
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2.)
Stjørnuakrar/Sternenfelder.
Gedichte, färöisch/deutsch von Guðrið
Helmsdal (2006, Projekte Verlag - Übertragung
von Annette Nielsen, mit einem
Nachwort und herausgegeben von Paul
Alfred Kleinert).
Besprechung von Werner Berger, Wien-Liesing im Mai
2006:
An entlegenem Ort
erschien ein höchst bemerkenswertes Buch noch entlegeneren Ortes –
in Halle an der Saale ein Buch der färöischen
Dichterin Guðrið Helmsdal aus Leynar, von der man hierzulande noch nichts gehört
hat, wiewohl ihre Gedichte im
englischsprachigen Raum durchaus in wichtigen Anthologien vertreten sind.
Umso überraschender ist das, was die interessierte Leserschaft im Buch erwartet:
In einer nuancenreichen und fein zeichnenden Sprache kommen hier (teilweise an der Form von Haiku geschulte) Gedichte zur Ansicht, die in manchem an Edith Södergran erinnern.
Die Autorin, die erste Färingerin mit einer eigenen Gedichtsammlung (wie das bei aller Kürze kenntnisreich, flüssig geschriebene und höchst informative Nachwort des Herausgebers erwähnt, was in sich nicht weniger als einen Abriß der Färöischen Literaturgeschichte bietet), ist Jahrgang 1941 und lebt, nach einem Intermezzo in Dänemark ab 1953, seit 1967 wieder auf den Färöer.
Befasst man sich länger mit dem Buch, zieht es einen in Bann – nicht zuletzt durch die zweisprachige Ausstattung des Buches - der Projekte Verlag stellte dankenswerter Weise das Original der autorisierten Übertragung von Annette Nielsen, einer auf den Färöer lebenden deutschen Musikerin, deren Musikalität hier zu verspüren ist, an die Seite- gewinnt das Werk ungemein – zumal hier inhaltlich ein Kleinod vorliegt, welches zum erstenmal im deutschsprachigen Raum (wenn nicht kontinentweit) die färöische Sprache in Buchform außerhalb wissenschaftlicher Werke zur Ansicht bringt.
Wie dem Rezensenten verschiedentlich berichtet, wurde das Buch zum einen an der Königlich Dänischen Botschaft zu Berlin von der Dichterin und vom Herausgeber, zum anderen durch die Dichterin und den Lyriker André Schinkel in Halle an der Saale eindrücklich vorgestellt.
Kurzum: ein höchst dankenswertes Unternehmen – übrigens aus der auch sonst so fruchtbaren Herausgeberwerkstatt des in Berlin lebenden Lyrikers Paul Alfred Kleinert, der für das kommende Jahr die Edition einer 1oo Jahre umfassenden Färöischen Poesie-Anthologie angekündigt hat (weitere Informationen dazu im Internet: www.lyrikwelt.de/sonderseite-nessingsche.htm), auf die man, insbesondere nach diesem Einstand, gespannt sein darf.
Wie in solch entlegenen Fällen und speziell bei diesem sorgfältig erarbeiteten und interessanten Buch hoffenswert, ist dem Band in schönem Format eine breite Leserschaft zu wünschen.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0506 LYRIKwelt © Dr. Werner Berger, Wien
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3.)
Stjørnuakrar/Sternenfelder.
Gedichte, färöisch/deutsch von Guðrið
Helmsdal (2006, Projekte Verlag - Übertragung
von Annette Nielsen, mit einem
Nachwort und herausgegeben von Paul
Alfred Kleinert).
Besprechung von Peter Bickel im Nordeuropa-Magazin NORDIS im
September/Oktober 2006:
Färöische Haikus
Einen Gedichtband mit färöischen Gedichten
findet man nicht eben oft, und dieses kleine Büchlein ist noch dazu das erste
überhaupt in einer
zweisprachigen Ausgabe mit Original und deutscher Übersetzung. Das erleichtert
ein vollständiges Eintauchen in die 18 Gedichte, aus denen stets mehr oder
weniger auch die allmächtige Natur der Inseln spricht: „Und der Regen kam.
Der Tropfen, der die Hülle des Eises zersplitterte.
Das Himmelsgewölbe, das unter der harten Umarmung der Kälte gelegen hatte, atmete.“ So beschreibt die 1941 in Tórshavn/Varða geborene Guðrið Helmsdal einen Tauwetterabend mit mächtigen Worten, um kurz darauf vorsichtig tastend vom Frühlingsanbruch zu erzählen, „wenn der Tau Geist wird aus Edelsteinen, der auf meine halbschlafenden Augenlider tropft.“ Das erinnert zwar nicht formal, aber doch stilistisch an den sehr persönlich assoziativen Ansatz von Haikus, so dass man das Büchlein immer wieder zur Hand nehmen und auf sich wirken lassen wird.
Nicht minder lesenwert ist das kurze Nachwort von Herausgeber Alfred Kleinert, der uns kenntnisreich und informativ fast schon eine Übersicht der Färöischen Literaturgeschichte spendiert. Und der – das als Vorabinformation – in Kürze eine Anthologie der färöischen Dichtkunst herausgeben wird.
[...und andere Informationen finden Sie unter www.peterbickel.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0906 LYRIKwelt © Peter Bickel
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4.)
Stjørnuakrar/Sternenfelder.
Gedichte, färöisch/deutsch von Guðrið
Helmsdal (2006, Projekte Verlag - Übertragung
von Annette Nielsen, mit einem
Nachwort und herausgegeben von Paul
Alfred Kleinert).
Besprechung von Wilhelm
Friese im Oktober/November 2006:
Von den nordischen Literaturen ist die färöische die am wenigsten bekannte, nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch in den sprachlich verwandten Ländern Nordeuropas. Die färöische - geschweige denn die neufäröische - Literatur, wird nur selten oder ungenügend in literaturhistorischen Darstellungen berücksichtigt. Neben der angegebenen Literatur (S.67) sei noch auf die kenntnisreiche und einfühlsame Arbeit „Moderne färöische Literatur“, Skandinavistik, 12 (1982), von Oskar Bandle hingewiesen; erneut in O.B.: Schriften zur nordischen Philologie, 2001.
Das „Nachwort zu dem Gedichtband“ vom Herausgeber Paul Alfred Kleinert ist so keinesfalls fehl am Platz, es ist sehr zu begrüßen, dass er den Weg der färöischen Literatur von ihren Anfängen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in knappen Strichen skizziert. Auf den wenigen Seiten (S.59-65), die ihm zur Verfügung stehen, bleibt es aber meist bei der Nennung von Namen. Unter den Vertretern der neueren Lyrik finden wir die 1941 geborenen Guðrið Helmsdal, die ersten Färingerin, so Kleinert, die eine eigene Gedichtsammlung vorgelegt hat. Von ihr bringt dieses kleine querformatige Buch, das auf dem Schutzumschlag eine Landschaftssilhouette, gestaltet nach einem Holzschnitt von Zacharias Heinesen, zeigt, achtzehn Gedichte. Bedauerlicherweise erfahren wir nicht, aus welchem ihrer bislang veröffentlichten Bände die hier vorgestellten Gedichte entnommen sind. Ihr erster Lyrikband Lýtt lott / Sanfter Wind erschien 1963 in Kopenhagen, hielt sie sich doch von 1953-67 in Dänemark auf. Dieser langjährige Aufenthalt sollte Spuren hinterlassen , vielleicht weniger in der Sprache als in der Verwendung modernistischer Stilzüge, erlebte doch der Modernismus während der Zeit, da sie in Dänemark weilte, eine seiner vielen Phasen. Das Gedicht Náttargrátur/ Nächtliches Weinen (S.14-17), das von der Sehnsucht des lyrischen Ich – der Dichterin - nach der Heimat spricht, beginnt mit impressionistischen Naturbildern:
Die Brandung der Heimat,
von Herbstwind
wird sie mir in dieses fremde
Land getragen –
findet in der stillen schwarzen
Herbstnacht
durch schweigendes, fremdes
Gartengras
den Weg zu meinem Fenster,
das ich geöffnet habe,
sehnsüchtig
nach der Tonflut des Schweigens.
Gegen Schluß schlägt es um in modernistische Metaphorik: in das Bild einer existenziellen Krise:
Dein
heißes Lebensweinen ist es
in
dieser Totenhalle,
wo
Winde die gefallenen Laubblätter umherjagen,
das
sich an den bleichen Säulenleib schmiegt,
mit
errötenden Feuerzungen
mit
erstarrten Lippen der Ewigkeit küsst.
Eine Sehnsucht nach Erotik und nach Liebe, nach dem Unbekannten liegt in vielen Versen, verbunden mit der Lust und dem Drang nach Leben:
Unbekanntes
Leben
du
Seele in meinem Körper,
ich
verlange danach, dich zu besitzen,
du
Geheimnisvolle.
Du
allein
bist
die zärtlich wärmende Glut
Nicht nur Ókenda Lív/ Unbekanntes Leben (S.40-41), dem diese Zeilen entnommen sind, strahlt eine warmherzige Weiblichkeit aus, die häufig ins Mystische und Ekstatische erhöht wird: „wenn in blauschwarzen Sternenmeeren / unsere Sehnsucht umherschweift“ – endet das Gedicht.
Anklänge an Edith Södergran, einmal als „Erzengel des nordischen Modernismus“ bezeichnet, will man in ihren Versen entdeckt haben, das mag stimmen, doch ist die Sprache der färöischen Dichterin verhaltener als das expressionistische Pathos der finnland-schwedischen Lyrikerin. In Guðrið Helmsdals zweiten Band, Morgun í mars/ Ein Morgen im März, 1991, finden sich modernistische Ansätze weitaus weniger. Ihre Sprache wird einfacher, knapper und eindringlicher, so in dem Gedicht, das der Sammlung den Titel gegeben hat:
EIN MORGEN IM MÄRZ
Morgen
im
März
Das
Herz,
ein
Austernfischer
Fliegt
zu
dir.
Das spezifisch Färöische in diesen an Haiku erinnernden Verse bringt „ ein Austernfischer“, freilich nur zu erkennen, wenn man weiß, dass dieser Vogel, der am 12. März nach den Färöer kommt, auf den Inseln als Symbol des Frühlings gilt ( wie in einer Fußnote erklärt wird.).
In die Texte haben sich leider einige Druckfehler eingeschlichen: Fehler, wie sie häufig vorkommen, wer möchte von sich behaupten, nicht so manche beim Korrekturlesen übersehen zu haben. Die finnland-schwedische Lyrikerin heißt Södergran und nicht Södergrahn (S.64), die Weihnachtsbrise im „Inhalt“ wird auf der S.27 zur Weihnachtsbriese, mehrfach ist von Briese statt Brise die Rede (S.23,27,29); schließlich stehen die färöisch-deutschen Verszeilen auf den Seiten 22ff. und 32ff. nicht parallel gegenüber.
Den Gesamteindruck dieses kleinen Buches mindert dies nicht. Der Übersetzerin, dem Herausgeber und dem Verlag ist zu danken, dass sie diese zweisprachige Ausgabe einer zeitgenössischen färöischen Dichterin herausgebracht haben. Manches mag unseren Ohren fremd klingen, aber so fern ist diese Welt nicht, die uns in diesen Versen entgegentritt.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0506 LYRIKwelt © Wilhelm Friese, Wien
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5.)
Stjørnuakrar/Sternenfelder.
Gedichte, färöisch/deutsch von Guðrið
Helmsdal (2006, Projekte Verlag - Übertragung
von Annette Nielsen, mit einem
Nachwort und herausgegeben von Paul
Alfred Kleinert).
Besprechung von Katrin Ernst im Frühjahr 2007:
Lies dich glücklich!
Im Unterhaltungsfach boomt der schwedische Krimi.
Henning Mankell oder Håkan
Nesser schicken ihre Kommissare (immerhin jeweils Berufsmelancholiker mit
Beinahe-Tiefgang) seit längerem erfolgreich in bundesdeutsche Wohnstuben aus.
Passen bestens ins Ikea-Regal, klar, und Lesen macht glücklich, besonders, wenn
es so spannend wie beim Konsumgang vonstatten geht. Am Ende hat man alle Teile
zusammen. Sehr schön und Deckel zu. Und was, so fragte der Hallenser
Projekte-Verlag wohl beim Blick auf die gewisse Leere hinter dem Lifestyle,
nehmen wir hierzulande nun tatsächlich von der so eigenwilligen poetischen
Strahlkraft Skandinaviens wahr? Und brachte mit Stjørnuakrar / Sternenfelder
ein zweisprachiges Bändchen Gedichte heraus, mit dem sich genau diese Lücke
für einige Leseminuten schließt. Leseminuten, die sich ausdehnen lassen zur
unendlichen Expedition.
Die Verfasserin, Guðrið Helmsdal mit Namen, tritt hinter dem bildkräftigen
und zugleich sanften Funkeln, das der Titel nahelegt, vollständig zurück. Es
darf einerlei sein, wer sie ist: Sternenfelder beschreibt das Gesicht der
dänischen Färöer-Inseln, wo Helmsdal lebt, wo sich Dunkel und Licht die
Schwebe halten und sanftes Zwielicht sich über spiegelklarem Wasser und
gratigen Felsen streut. Ein Stilleben daher eigentlich jeder Text, und so gibt
es eben keine subjektiven Kapriolen, kein gefühlsseliges Schwelgen
persönlicher Befindlichkeit, vielmehr zeigen diese Gedichte äußere und innere
Landschaft als ein Ganzes:
Nebel, ich sehe, du kommst / mir entgegen - [...] Deine Hand - warum ist sie
kalt? / Warum ist sie grau? [...] Wenn [...] dein Blut erstarrt ist, / schwebe
dann mit mir, / du treibender Hauch. // Umarme mich, du Kühlende. / Komm -
zusammen wollen wir / die Nacht ausfüllen - die schwarze - / bis sie wieder auf
gespannten Saiten ertönt [...] [Die Nebelnacht].
Ins Naturbild gesetztes Gefühl einer unnennbaren, in weite Ferne gehenden
Sehnsucht, das ist der gemeinsame Akzent der hier versammelten knappen bis
knappesten Momentaufnahmen. Ein Akzent, der zumeist darin gipfelt, daß jenes
sich still ausbreitende Verlangen letztlich Erfüllung erfährt: Ein Blick in
die Nacht oder aber auf einen Vogel, ein leichter Atemzug, und das Ich ist zum
Weitergehen bereit. An solchen Stellen, je nach Lesergeschmack vielleicht etwas
zu beschaulich zur Idylle neigend, wird so aber Helmsdals tiefe Liebe zur Heimat
und das Dennoch-Vertrauen in die schweigende Natur, der sie ihre Worte gibt,
transparent.
Die Brandung der Heimat, / von Herbstwind / wird sie mir in dieses Land getragen
- / findet in der stillen schwarzen Herbstnacht [...] den Weg zu meinem Fenster,
/ das ich geöffnet habe, / sehnsüchtig nach der Tonflut des Schweigens. / Und
mit meinem Stern spinne ich / den güldenen Faden, / der mich zu geheimnisvollen
tonerfüllten Hallen führt. [Nächtliches Weinen].
An anderer Stelle lassen die Texte das Motiv der Saiten und Töne fallen und
ersetzen es durch dasjenige des Spiegels und des Gemäldes und bleiben damit
authentisch, weil sie ihren auf engstem Raum entfalteten Bilderreichtum wie auch
die starke Empfindung, die man hinter dieser Expressivität vermuten darf,
feierlich und selbstbewußt zur Schau tragen:
Aber was ist das? / Du siehst zwei Augen, / die auf das Gemälde starren, / auf
das lebendige Gemälde / an der Wand! // Gewoben ist es aus / goldenen Strahlen
/ und umweht von einer kalten Brise. // Es ist ein rotbemaltes Haus / ein Meer
und ein grünwerdendes Dach / mit ungekämmten Haaren / kohlrabenschwarze
Häuser / und stiller Rauch. [Morgenwäsche].
Ja, es geht gülden zu bei Helmsdal, gelegentlich sogar pompös, denn die
Dichterin spart an keiner Stelle mit kräftig-körperhaften Bildern, welche die
über alles gespannte Allegorie der Sternenfelder variieren und sich also
rühmen dürfen, daß der Titel nicht allein wohlklingendes Wort bleibt, welches
sich nicht einzulösen vermochte. Nein, als sich ins Unendliche hineinwebender
Glanz soll diese Allegorie gelesen werden, der sich in die Seele hinein
fortsetzt und dann wieder im Außen spiegelt: In der Miniatur Der Regen zeigt
der schwarzglitzernde Asphalt / Benzintropfen / Farbenflecken / wie /
Pfauenfedern. Ein kurzer Vergleich, alles ist gesagt: die Natur schreibt in
Tönen, Bildern und Formen, und deshalb ist auch das von Menschenhand
Geschaffene für den erhebenden Sinneseindruck gemacht.
Soweit die positive Wertung, die allerdings nur aus dem Abwägen des Für und
Wider entstehen kann. Denn Helmsdals Schreibweise, so zärtlich sie die Dinge
behandelt, birgt die Gefahr, daß die Verbindung zwischen seelenvoll-stillem
Gestus einerseits und ausladendem Metaphernreichtum andererseits als Diskrepanz
empfunden wird: Es müssen sich die Geister daran scheiden, ob das expressive
Interieur der Worte die Schlichtheit der Empfindung nicht geradewegs
unterwandert und zur Stilisiertheit gerät, derethalben die so stimmig
verbundenen Motive von Nacht und Schweigen an Tiefe verlieren, um sich in
verspielten Bildern der himmlischen Sternenäcker hinter den Klippen in deinem
Hof oder der Wirbel von Silberkindern im veilchenblauen Univers und
ähnlichen Zeugnissen der Fabulierlust zu erschöpfen. Die Gefahr besteht
durchaus, daß man Tiefe erwartet und doch nur auf Fläche zu stoßen glaubt,
die sich in schmuckvoll-nettem Detailreichtum gefällt. Und die Sache mit der
Tiefe bringt weitere Zweifel:
Dem absolut starken Motiv der Nacht offenbar völlig zuwiderlaufend, spricht in
diesen Gedichten nämlich jemand, der Rausch oder Taumel mitnichten zu kennen
scheint, jemand, der sich niemals in Angst, in Schmerz, in Begehr oder
Beglückung zu verfangen droht und dem man deshalb die von der Rezensentenschaft
wiederholt angemerkte expressionistische Haltung keinesfalls zuschreiben kann.
Hier spricht vielmehr ein Ich, dem Trauer und Freude sehr vertraut, aber
Verzweiflung und Ekstase sehr fremd sind. Letztere Zustände beginnt man der
vielen Dunkles und Orchestrales andeutenden Momente wegen zu erwarten, und dann
wird man eben langsam mißtrauisch, wenn sich nach dem Umblättern doch wieder
nur die Sittsamkeit naiv dreinblickend zwischen Sumpfdotterblumen ergeht oder
mit dem tödlichen Winter als einer riesengroßen Drachenschlange, die sich um
die Erde schmiegt, ihren herzlieben Frieden schließt.
Doch damit liest man sich in ein Ich ein, das über das eigene Sehnen erhaben
ist, weil genau hier die umgebende Natur in ihrer vollen Größe und Schönheit,
ja, in der schönsten und ewigkeitsträchtigsten ihrer Gestalten, der Nacht als
heiliger Trösterin, eintritt. Sie kann zum bleichen Säulenleib werden, mit dem
sich, zum Umfassen bereit, alles Kalte wiederum mit Leibwärme erfüllt. Und so
öffnen sich alle Sphären des Nichtgreifbaren, sei es die der Musik, die des
malerischen Ausdrucks, oder die der mächtigen Natur mit Blume und Fels - und
der Tod, durchgängig angedeutet, aber kaum einmal benannt, bleibt das größte
und schönste Paradox dieser achtzehn Gedichte: er geht schweigend mit und
beherrscht alle Gestalten der Schöpfung, die ihm mit ihrem Dasein bereits
Widerpart geben. Letztlich trägt er ganz allein das Gesicht der bergenden
allumfassenden Nacht, deren Dunkel sich in unendliche Sternenfelder mit ihrem
Funkeln auflöst, das sich noch im Alltäglichsten widerspiegelt und so
eingeatmet werden soll: in aller Helligkeit und Leichtigkeit, die uns aus dem
Dunkel zuwachsen kann.
Rauschhaftes, Zwiespalt und Tod ertrinken also im veilchenreichen Sternenmeer?
Die Nacht zerschellt an ihren eigenen Klippen? Ja. Eine ordentliche Portion
Verdrängung mag hier mitgearbeitet haben, aber gerade deshalb gehören diese
Gedichte nicht ins expressionistische Fach, das als letzten Schluß die
Vergeblichkeit allen Wirklichkeitslebens hinter seinen farbig-knöchernen Masken
zu behaupten hätte, sondern ins absolut romantische, das demgegenüber stets
auf Bejahung aus ist und Daseinserfüllung schon aus dem Wissen um das
transzendente Wesen "Natur" bezieht - mag dies auch etwas weniger
Poetenschick bieten als der Expressionismusvergleich, der sich stilistisch
aufdrängt, inhaltlich aber nicht einlöst. Symbolistisch verfährt dieser
bildreiche, höchst allegorisierende Stil, der transzendentes Naturgeheimnis
verschlüsselt, ohne Frage, doch der unüberhörbare Vergeblichkeitston im Wort
einer Edith Södergran,
mit der man Helmsdal verglichen hat, kommt hier keineswegs zum Ausdruck.
Romantisch, denn die wechselwarme Gleichheit von Trauer und Freude, die weiche
Überlagerung von Dunkel und Licht, die Zusammengehörigkeit von Innen und
Außen und mithin aller Gegensätze, die einander nun einmal bedingen, laufen
immer wieder ineinander und verschmelzen auf höchstem Reflexionsniveau zu einer
einzigen hymnischen Dichtung auf das Leben selbst, die freilich jeden Anflug von
Dekadenz und Nihilismus strikt von sich weist. Davon sprechen diese achtzehn
kleinen Reflexionen, die sich ganz eindeutig zwischen Klage und Lob entscheiden:
Schau dich glücklich ... Lies Dich glücklich ... an der Welt, trotz der Welt
... Sieh doch, empfinde, was aus dem Dunkel hereinschimmert. Solch'
kontemplative Botschaft haben auch unsere landeseigenen Romantiker vorgelegt,
und so, wie sie aus den Einsamkeitsbildern eines Caspar David Friedrich oder aus
Novalis' "Hymnen
an die Nacht" aufsteigt, deutet auch die Färingerin an, was hinter der
Welt schwebt, um sie erst zusammenzuhalten in ihrer kenntlich-schönen
Konkretheit.
Doch dort, wo das gehaucht Andeutende die Form des geballten Metaphernheers
annimmt, geht es eben leider darin unter. Oder es verpufft, so die zarte
romantische Botschaft auf abstrakte Verallgemeinerung hinausläuft, die sich zum
wuchtigen Pathos aufschwingt: Dein heißes Lebensweinen ist es [...] das [...]
mit errötenden Feuerzungen / mit erstarrten Lippen der Ewigkeit küsst.
Eine Fülle an Ornament einerseits und andererseits auf allzu gewöhnliche
Wendungen gebautes, mithin dünnes plakatives Pathos - das sind die beiden klar
erkennbaren Schwächen Helmsdals, die sich, wie an dieser Stelle des
Nächtlichen Weinens, schon mal ungünstig ergänzen. Feuer und Lippen kommen
mit der Wortwahl nicht zur Deckung, Inbrunst und Sinnlichkeit bleiben Nennung in
übergroßen Worten, die den Zugang ganz nach Innen, zur menschlichen,
ursprünglichen, natürlichen Empfindung prompt verstellen. Aber Helmdals
Spezialität ist, wie gesagt, nicht der Ausdruck von Leidenschaft, sondern von
weicher Melancholie, die wie ein haltbarer glitzernder Wegweiser vom Dunkel ins
Licht zeigt und umgekehrt, weil beides ineinander aufgeht. Das bleibt
festzuhalten. Die beiden literarischen Schwachpunkte werden indes um so
grandioser vom Gesamteindruck des Buches aufgefangen. Die liebevolle, in
wirklich jeder Hinsicht passende Gestaltung des Bändchens (inklusive des
sinnlich ansprechenden Trios Titelgraphik, Umschlagmaterial und Format, das
zudem, minimalistisch gewandet, alles andere als protzt) greift genau dort zu,
wo die Dichterin im Spannungsraum zwischen überbordend und abstrakt an ihre
Grenze stieß, und ist eine höchstsensible Leistung, die wohl dem intuitiven
und dem vertiefungsfreudigen Leser gleichermaßen das Buch zum bleibenden
Erlebnis machen kann:
Die "Lippen der Ewigkeit" öffnen sich während des Lesens, und das
eigentlich erst so richtig und eingängig durch die Anordnung der Texte - eine
angenehme Stimmigkeit von Sinn und Form wird allein dadurch begründet. Dem
lichten Atem der Transzendenz, dem Helmsdals Lyrik Stimme verschafft, entkommt
man nicht. Der Herausgeber Paul
Alfred Kleinert (der vermutlich auch für die hinreißende Idee
verantwortlich zeichnet, daß wir es bei den achtzehn "Stücken" mit
ebenso vielen wie Färöer-Inseln zu tun haben, oh buchgewordene Schöpfung ...
) hat dem Ganzen so scharfsichtig wie feinfühlig eine Dramaturgie unterlegt,
die den Leser gleichsam nimmt und wie von selbst durch das Buch trägt: Während
das Eingangsgedicht Ein Bild zog vorüber als das längste von allen einen Tag
in klarer Luft und Winternebel beschreibt, ja, während es das Stillebenartige
aller und das unwirklich Nebelhafte der folgenden Texte ankündigt, werden die
Texte zum Ende hin stetig kürzer und gehen dabei schrittweise, ganz so wie in
erwähnter Miniatur mit den schillernden Benzinflecken, ins Faßlich-Konkrete
über. Ins Schöne, das diesseitiger Form eignet. Und dann führt Abschied, das
letzte Stück, noch immer sehr konkret bleibend doch wieder ins Unfaßbare
hinein: neuerlich Straße, eine zurückbleibende Person, ein Auto, eine
Staubwolke hinter sich herziehend, fährt in die Sommernacht hinaus. Es greift
das in die unwägbare Tiefe der Nacht hinausweisende Ende merklich in den Anfang
zurück, der mit dem Tag im Nebel einsetzte. Das Vorüberziehen der Bilder, der
Ablauf des Lebens wird damit zum ewigen Kreislauf, der immer wieder von vorn
beginnt. Übrig bleibt der sanfte Fingerzeig in die uns allen geöffnete
Unendlichkeit, die auch jene der Verlassenheit ist, aus der Schöpfung entsteht,
die auch jene der Wandlung ist, die Schöpfung durchmacht - und der Anruf, dies
mit all den Sternen über, um und in uns zu entdecken.
Buchstäblich felsenfest steht nach der Lektüre: Leichen im Keller gibt's
woanders. Abseits modernistischer Stimmungsjoints, die auf morbiden Charme
setzen, um den Zerrissenen dieser Welt das Mütchen zu kühlen, kokettiert die
Färingerin lieber mit lichtblauem Saitenspiel am Nebeltor. Doch so holt sie mit
naturreligiöser Hingabe einen bleibenden Glanz aus der großen Tristesse der
Welt, der dort Gewißheit verschafft, wo sie gemeiniglich endet.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0607 LYRIKwelt © Katrin Ernst