Steinkind.
Roman von Robert Haasnoot (2005, Berlin-Verlag - Übertragung Christiane Kuby).
Besprechung von Dorothea Dieckmann in Neue Züricher Zeitung vom 14.9.2005:

Zu dick aufgetragen
Robert Haasnoots Roman «Steinkind»

Als einer der vielen niederländischen Autoren, deren Rezeption im deutschsprachigen Raum durch viel heimische Preis- und Presselorbeeren und grosszügige Übersetzungsförderung angeschoben wird, ist Robert Haasnoot im Jahr 2001 durch einen markanten kleinen Roman aufgefallen. «Wahnsee» nahm sich eines authentischen, literaturverdächtigen Ereignisses aus der Zeit des Ersten Weltkriegs an, als ein Fischkutter unter dem Einfluss eines religiösen Eiferers unter den Matrosen zum Irrenschiff wurde. Unprätentiös und eindringlich schilderte der 1961 geborene Autor die klaustrophobische Situation, in der sich ein kollektiver Wahn zum Mord steigert. «Steinkind» nun, der neue Roman des Niederländers, schliesst sich an die maritime Heimatthematik an, in der sich Religion und Zeitgeschichte zu einem düsteren Hintergrund verschränken.

Diesmal ist das Dorf Zeewijk, von dem der unglückselige Fischkutter in See stach, Schauplatz einer Familientragödie. Der 15-jährige Erzähler Wouters und sein um sechs Jahre älterer Bruder Stijn finden sich eines Morgens von den Eltern verlassen und – als der Vater ertrunken aufgefunden wird und die Mutter verschollen bleibt – als Waisen wieder. Das Geheimnis ihres Todes, eher eine Leerstelle denn ein ungelöstes Rätsel, wird in der Erzählung durch die Phantasien des Heranwachsenden umsponnen, ja verdeckt. In ihnen verbinden sich Schmerz, Sehnsucht und verdrängte ödipale Wünsche mit alten Heimatmythen und religiösen, vom bigotten Glauben der Bewohner genährten Visionen.

Haasnoot illustriert die Verwirrungen des jungen Wouters mit magischen Szenerien, sei es in den verlassenen Zimmern der Eltern, dem aufgegebenen Kunsthandel des Vaters, den Dünen am Meer, der leeren Dorfkirche oder einfach nur im Kopfraum des verzweifelten Knaben, der sich unter die Bettdecke verkrochen hat. Scharf kontrastieren Trauma und Melancholie mit der gleichmütig weiterexistierenden Realität, deren Repräsentant der Bruder ist:

In und unter dem hoch aufgeschossenen Tüpfelfarn und den Kriechweiden zwitschern Vögel und zirpen Grillen. Ich drücke die Sträucher zur Seite und sehe über den Garten zu Stijn hin, der mit der Bierflasche in der Hand auf der Bank unter dem Küchenfenster sitzt. Er merkt nicht, dass ich hier stehe. Solange ich kein Geräusch mache, bin ich unsichtbar und trage die Ruhe der Felder und Dünen in mir.

Angesichts der zarten, nüchternen Poesie der Trauer verwundert es umso mehr, dass Haasnoot es für nötig hält, den filigranen Bau seiner Erzählung auf so grobe Füsse zu stellen. Nachdem schon die Ausgangssituation, die gleich beide Eltern dahinrafft, recht dick aufgetragen gewirkt hat, handelt ein weiterer Erzählstrang von einer schweren Schuld des Vaters: Der Kunsthändler unterschlug drei Bilder, die ihm ein jüdischer Bewohner des Ortes vor seiner Deportation anvertraut hatte. Spätestens wenn auch dieses drastische Geschehen in raunenden Andeutungen verschwimmt, gerät die Erzählung in eine Schieflage.

Schliesslich stellt sich auch noch heraus, dass Wouters der Nachfolger einer Fehlgeburt der Mutter ist – jenes fötalen «Steinkindes», das dem Roman den Titel gibt. Als wollte der Autor dem Taumel seines jugendlichen Protagonisten nicht vertrauen, beschwert er die schwebende Innenwelt mit katastrophischen äusseren Ereignissen, die er wiederum – um das feine Phantasiegespinst zu retten – nachträglich ins Ungefähre verwischt. Die prätentiöse Idee, dass Wouters seine magischen Schmerzerlebnisse auf ein Tonband spricht, das er hernach wieder löscht, macht die Konstruktion nicht einleuchtender. Statt mit halb kaschiertem Aufwand unerhörte Begebenheiten à la «Wahnsee» in seine Studie über Pubertät und Verlust einzuschmuggeln, hätte sich Robert Haasnoot angesichts seiner Fähigkeiten durchaus mehr Beschränkung auferlegen können.

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