Stein
der Geduld.
Roman von Atiq Rahimi (2009,
Ullstein).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ
vom 15.9.2009:
Die afghanische Frau hat viel erdulden müssen in den vergangenen Jahrzehnten, wurde geschlagen, unterdrückt, versteckt – und zuletzt missbraucht als Argument, einen missglückten Krieg gegen den Terror fortzusetzen. Die afghanische Frau leidet und schweigt, traditionell. Der Autor Atiq Rahimi aber gibt ihr eine Stimme: seine.
Rahimis Roman „Stein der Geduld” ist nun in deutscher Übersetzung erhältlich. Er erzählt die Geschichte einer Frau, die während der Taliban-Herrschaft ihren schwerverletzten Mann pflegt: Gott scheint seinen Krieger verlassen zu haben, doch die Frau betet für ihn, atmet in seinem Rhythmus: „Inzwischen kann ich sogar atmen wie du, wenn meine Hand nicht auf deiner Brust liegt.” In einfachen Sätzen beschreibt Rahimi die ersten Szenen dieser Krankenwache, drehbuchgerechte Prosa, die Bilder auf die Leinwand im Kopf wirft. Die Kamera steht dabei stets im Krankenzimmer, die äußere Welt ist nichts als Geräusch und Erzählung.
„Stein der Geduld”, das ist ein Mythos: Afghanischen Sagen zufolge dient er als Geheimnisträger, der Geständnisse aufnimmt – bis er zerspringt. Die Frau findet nun in ihrem Ehemann ihren Stein der Geduld: „Dein Atmen hängt an der Erzählung meiner Geheimnisse.” Die Qualen ihrer Ehe, ihrer Einsamkeit – und ihren sündigen Ausweg aus der Kinderlosigkeit, ob derer sie beinahe verstoßen worden wäre: Wie kann eine verschleierte Frau in einem Land, das in unseren Augen mittelalterlich anmutet, derart klare Worte finden? Die Modernität ihrer Gedanken erschüttert beinahe mehr als das blutige Ende des Romans. Eine Frau, für die man, fatalerweise, in den Krieg ziehen möchte.
1962 in Kabul geboren, floh Rahimi während des afghanisch-sowjetischen Krieges 1984 nach Frankreich, wo er lebt. In Kabul engagiert er sich heute für den Aufbau eines Schriftstellerzentrums.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
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