Stein bedeutet Liebe von Eveline Hasler, 2007, Nagel+KimcheStein bedeutet Liebe.
Roman von Eveline Hasler (2007, Nagel & Kimche).
Besprechung von Dorothea Dieckmann in der Neue Züricher Zeitung vom 23.10.2007:

Gold und Stein
Erzählungen von Regina Ullmann – und ein Roman über sie

«Träger Deiner selbst und so vieler Kräfte über Dich hinaus», so charakterisierte Rainer Maria Rilke «Die Landstrasse» in einem Brief, mit dem er Regina Ullmann 1921 zum Erscheinen ihres zweiten Erzählungsbandes gratulierte. Die Formulierung mag ein Doppeltes andeuten. Einerseits reflektieren viele der Geschichten dieses Bandes das von mächtigeren Kräften beherrschte und verwundete Dasein der Verfasserin, anderseits beweist ihre Poesie einen divinatorischen Zugang zu den Kräften jenseits der Sprache.

Zurückgeblieben, stotternd, schielend, lernschwach; früh vaterlos; dem erstickenden Einfluss der Mutter bis zu deren Tod unterworfen; früh schwanger von zwei Männern und gezwungen, die Töchter heimlich zu gebären und fortzugeben; zeitlebens mit materiellen, schliesslich lebensbedrohlichen politischen Umständen kämpfend – das sind die Vorzeichen des Schreibens von Regina Ullmann, der 1884 in St. Gallen geborenen, in München aufgewachsenen Jüdin mit dem österreichischen Pass, die eine überzeugte Katholikin wurde und, in Verkennung der Gefahr, erst im letzten Moment in ihr Herkunftsland entkam, bevor es jüdischen Flüchtlingen die Zuflucht verwehrte. In all der entsetzlichen «Zusammenhangslosigkeit» überdauerte eine Konstante: die Nähe zum Unbewussten, die sich als Sprachversagen und Erleuchtung gleichermassen äusserte.

Im Schwebezustand

Kaum zu überschätzen ist für ihre, ja vielleicht alle Dichtung die Aussagekraft einer Kindheitsepisode, die Ullmann mehrfach aufgezeichnet hat. Das scheinbar legasthenische, stets an seiner Langsamkeit scheiternde Mädchen gibt mit einem Mal das beste Diktat ab, denn der Gewinnerin winkt ein goldener Griffel; in dem mit Goldpapier umwickelten Stift sieht sie das Werkzeug, «mit dem die Engel im Himmel schreiben». Die liebevoll bemühte Lehrerin aber schimpft sie wegen der jahrelangen «Täuschung» aus. Regina Ullmann hat den goldenen Griffel nie gewonnen. Doch es hat andere gegeben, die jenes Gold zu heben halfen, das sie «in einen geistesabwesenden Zustand versetzte» – zuallererst der treue, respektvolle Helfer Rilke, der ihr Freundinnen, Verleger und Geldgeber vermittelte.

Etwa die junge Freundin von Lou Andreas-Salomé, Ellen Delp. Mit der späteren Biografin hat Ullmann gegen Lebensende ihre Werke herausgegeben, aus denen später eine Werkausgabe und eine Auswahl der Erzählungen zusammengestellt wurden. Doch stets ist der Schriftstellerin nur, wie ihr Hesse schrieb, «die höchste Anerkennung einer kleinen Elite, nicht aber die der Welt» zuteilgeworden. Die Neuausgabe der ursprünglichen Sammlung jener elf Erzählungen, die nach dem ersten Band von 1912, «Von der Erde des Lebens», zustande kamen, folgt dem Wunsch, sie möge «den Nachgeborenen nicht verlorengehen», mit dem Peter Hamm sein Nachwort schliesst – einen Aufsatz, der die Bezüge zu Stifter und Gotthelf, zu Gertrud Kolmar und Adelheid Duvanel andeutet, die Assoziationen an Kafka und, natürlich, die Verwandtschaft zu Robert Walser.

Unbedeutend sind sowohl die Erzählanlässe – eine Rast auf der Landstrasse, ein Erdbeerendiebstahl, eine Weihnachtsvisite, ein Zirkusbesuch – wie auch die Gestalten: die umherirrende Schwangere, der Alte, der Knecht, die Tagelöhnerin, der Bucklige. Mit ihnen führt die Lektüre in einen Schwebezustand zwischen Einzelheit und Transzendenz, Rohem und Geformtem, kindlicher Diesseitigkeit und tiefen Horizonten. «Sommer, aber ein jüngerer Sommer als dieser; ein Sommer, an Jahren noch gleichaltrig mit mir, war damals. Ich war zwar dennoch nicht froh, nicht von Grund auf froh, aber ich musste es sein in der Art, wie alle es sind. Die Sonne zündete mich an [. . .] Eine unheimliche Landstrasse war das. Eine allwissende Landstrasse. Da ging nur, wer in irgendeinem Sinne allein gelassen worden war.» So beginnt die Titelerzählung. Ullmanns seherische, durch (mit Rilkes Wort) «Gewährenlassen» schwer errungene Naivität öffnet die Sprache hin zu einer neuen Erzähllogik; man betritt mit ihr keine magisch überhöhte, sondern eine unmittelbar spirituelle Welt.

Die katholische Motivik von Leid und Mitleid, kreatürlicher Unschuld und Selbstaufgabe wird immer wieder von einem existenziellen Zweifel durchzogen, der in zahllosen Passagen von kafkascher Schärfe aufscheint, sei es in «Der Bucklige» («Jeder hatte gleichsam schon einmal an dem Schweif fliegender Pferde gehangen»), sei es im «Mädchen», wo es heisst, dass die «gute Fügung» nicht barmherzig ist, sondern die Opfer der Lächerlichkeit preisgibt: «Denn es ist wirklich komisch, wenn dieser Taugenichts auf eine jener vielen abgelegenen Auktionen dieser Welt gerät.» Ullmann, die wie ein wandelnder Anachronismus in die Münchner Bohème der Jugendstilzeit stolperte, hat in ihre Frömmigkeit nicht nur das jüdische Erbe mitgebracht, sondern auch die Erfahrungen mit der Libertinage, deren Opfer sie geworden war.

Die Affäre mit Otto Gross

Ullmanns Liebesgeschichte mit dem anarchistischen Sexualrevolutionär Otto Gross, von dem sie im Zuge einer Tag-und-Nacht-Therapie schwanger wurde, ist aus dem Stoff, aus dem Romane sind, eine Mischung aus Tragödie und Posse im Kontext von Psychoanalyse und Lebensreform, Drogen und exzessive Promiskuität inbegriffen. Die unermüdliche Eveline Hasler hat daraus nach ihrem bewährten Facts-und-Fiction-Rezept einen weiteren Roman über eine historische Frauengestalt gestrickt. Wieder ist es ihr gelungen, in geschickter Balance zwischen trivialer Unterhaltung und dokumentarischer Einfühlung ein materialgerechtes Porträt zu erstellen. Gleichwohl, die angestrebte «Lebensnähe» richtet ihren Gegenstand sprachlich und gedanklich zu.

Ein Bruchstück aus einem Ullmann-Gedicht gibt dem Roman den Titel: «Stein bedeutet Liebe». Doch das Erschreckende dieser Gleichsetzung bleibt bei Hasler ausgeklammert. Allein die Konfrontation der muttergeschädigten Klientin mit dem Sohn des Begründers der Kriminologie Hans Gross, einer Verkörperung des Prinzips «Überwachen und Strafen», ist so explosiv, dass sie das Format sprengen müsste, das auf Rührung – also Konsum – angelegt ist. Regina Ullmanns Geschichten dagegen tun weh, so schreiend weh wie ihre Geschichte. Zusammen geben sie eine Ahnung, welches Steinerweichen Regina Ullmann aufbrachte, um zu jenem Gold vorzustossen, das auf Erden nur Goldpapier ist.

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