Statt etwas oder Der letzte Rank von Martin Walser, 2017, Rowohlt1.) - 3.)

Statt etwas oder Der letzte Rank.
Roman von
Martin Walser (2017, Rowohlt).
Besprechung von Stefan Gmünder aus Der Standard, Wien vom 5.01.2017:

Martin Walser: Im Feuerrad gefälschter Gefühle
Am Donnerstag erscheint Walsers neuer Roman "Statt etwas oder Der letzte Rank ". In dem wenig überzeugenden Buch versucht sich ein Mann von den Fesseln des Seins zu lösen

Unverdrossen legt Martin Walser, der im März seinen 90. Geburtstag feiert, jährlich ein neues Buch vor. Diesmal einen Roman mit dem etwas sperrigen Titel "Statt etwas oder Der letzte Rank" (Rowohlt, € 17,50). Rank bedeutet im Alemannischen Kurve. So nimmt man etwa den letzten Rank vor einer Passhöhe - oder vor dem Abgrund. Das Wort bezeichnet laut dem Deutschen Wörterbuch der Grimms aber ebenso den Haken, den ein Gejagter schlägt.

Nicht zu fassen

Leicht zu fassen ist auch der 1927 am Bodensee geborene alemannische Dickschädel Martin Walser nicht. Politisch und literarisch hat er stets polarisiert, und während ihn die einen ob seines hohen Publikationsrhythmus für den Volkswagen unter den deutschen Schriftstellern halten, lesen ihn andere hartnäckig weiter.

Zu Recht, denn in den letzten Jahren war dieser Autor, der vor 60 Jahren mit "Ehen in Philippsburg" sein Romandebüt vorlegte, mit Büchern wie "Muttersohn" (2011) oder "Ein sterbender Mann" (2016) immer für Überraschungen gut. Vor allem, weil in seinem Spätwerk eine Entwicklung und die Veränderung eines Autors spürbar werden, dessen Weg von Außen nach Innen und vom Furor zur Gelassenheit führte.

"So nah am Rand der Formlosigkeit, ja so entfesselt hat Martin Walser noch nie geschrieben. Das fulminante Porträt eines Menschen, ein Roman, wie es noch keinen gab" kündigte der Rowohlt-Verlag nun Walsers neues Buch an. Auch von solcher Vorschau-Prosa Abgehärtete stimmen diese Sätze misstrauisch. Die Skepsis lässt sich nach der Lektüre nur teilweise ausräumen.

Der Ich-Erzähler in Walsers neuem Roman – und Romane sind für diesen Autor "Sachbücher der Seele" – ist namenlos beziehungsweise er hat viele Namen. Memele etwa oder Caro, dann wieder Otto und zuweilen Bert.

Er ist einer, der sich oft gewandelt hat, einer, der viele sein möchte und nun versucht, der zu werden, der er eigentlich ist. Dazu musste er, der lange im medialen "Wahrheitsgewerbe" tätig war, als erstes seine Ideologien und Theorien entsorgen und dem Rechthabenmüssen entsagen. Was sich – wie immer bei Walser, dessen Figuren sich oft selbst im Weg stehen – als schwierig erweist.

Der erste, im Verlauf des Romans leitmotivisch wiederholte Satz des Buches lautet: "Mir geht es ein bisschen zu gut." Dass es dem Erzähler, der ab und an ins Du des Selbstgespräches wechselt oder von sich in der Er-Form erzählt, nicht ganz gut geht, dafür sorgen die vielen Feinde, an die er sich erinnert. Zum Beispiel der "Feuilletongewaltige" oder ein anderer Medienmann, in dessen "Verantwortungsagenda" der Erzähler, ein Schriftsteller, steht.

Mit den Frauen

Zahlreiche aus Walsers Werk bekannte Motive wie Verrat, Heuchelei, "Bewusstseinsimperialismus" sowie politisch korrekter Opportunismus klingen in diesen Feindespassagen an. Doch es gibt in den 52 kurzen Kapiteln des Romans einen für Walser-Leser ebenfalls bekannten Gegenpol: die Frauen. Auch mit ihnen tut sich der Erzähler nicht leicht, zumal er alle Frauen der Welt liebt, was ihn, den in das "Feuerrad gefälschter Gefühle" Geflochtenen, oft in Teufels Küche bringt. Angereichert ist das alles mit irgendwelchen Liebesbegegnungen und feinen Traumgespinsten. Gott sei Dank, werden die Träume nicht gedeutet, denn das wäre, "als wollte man mit einem Schaufelbagger einen Schmetterling fangen".

All das hat man bei Walser schon gelesen, meist besser, wenn es um die immer wieder angedeuteten Selbstzweifel geht, etwa im Essay "Über Rechtfertigung, eine Versuchung" (2012). Zu selbstmitleidig und teilweise eitel ist dieser Erzähler zudem, als dass er einen trotz seiner Wortmächtigkeit auf Dauer für sich einnehmen könnte.

"Statt etwas oder Der letzte Rank" ist ein Roman über das Leben, seine Fülle und die Festlegungen, die es mit sich bringt. Es schwingt in ihm Flauberts Traum mit, ein Buch der reinen Innerlichkeit zu schreiben, ein Buch über nichts, ohne äußeren Anker. Ein Buch, "das sich von alleine halten würde durch die innere Kraft seines Stils". Diese Vorgaben erfüllt Walser nicht. Diesmal.

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Statt etwas oder Der letzte Rank von Martin Walser, 2017, Rowohlt2.)

Statt etwas oder Der letzte Rank.
Roman von
Martin Walser (2017, Rowohlt).
Besprechung von
Britta Heidemann in der WAZ vom 5.1.2017:

Martin Walsers neues Buch Statt etwas oder Der letzte Rank"
Ein Alterswerk, das Zweifel und Krisen umkreist. Jetzt erscheint Martin Walsers Roman „Statt etwas oder Der letzte Rank“. Es ist eine Rückschau

In seinen Romanen hat Martin Walser die Seelen der bürgerlichen Mittelschicht vermessen wie kein zweiter deutscher Schriftsteller; in der Öffentlichkeit positionierte er sich mal links, mal rechts - aber meist zuverlässig zwischen allen Stühlen. Kurz vor seinem 90. Geburtstag im März legt Walser, der vom Magazin „Cicero“ jüngst zum wichtigsten deutschen Intellektuellen gekürt wurde, ein neues Buch vor: eine Rückschau, die Walsers äußeres Wirken ganz aus dem Innern heraus zu erklären sucht. Statt etwas oder Der letzte Rank“ lautet der Titel. „Rank“ bedeutet „Wendung“ - auch eine Wendung, die der Verfolgte nimmt, um dem Verfolger zu entgehen. Protagonist ist ein Mann, der auf „die leere, musterlose Wand“ starrt und denkt und träumt. Er erzählt von sich in der ersten Person ebenso wie in der dritten, in der das „Geständnishafte“ seinen Platz hat. Etwa so: „Seine Erinnerung besteht aus nichts als aus dem, was er nicht hätte tun und denken dürfen.

Die Paulskirchenrede und MRR

>Was hätte er nicht tun, was nicht denken dürfen? Martin Walser, 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren, hat seit seinem Romandebüt „Ehen in Philippsburg“ (1957) beinahe im Jahrestakt veröffentlicht – es gibt wohl keine Seelenqual des Scheiterns, die er nicht ausgelotet hätte. Als einer der prägenden Wortführer deutscher Debatten (wenn auch nie gar so polternd wie Kollege Grass) stand er in den 60ern an der Seite Willy Brandts und flirtete später heftig mit der DKP. Mit seiner Paulskirchenrede von 1998 aber, in der er mahnte, Auschwitz dürfe nicht zur „Moralkeule“ werden, setzte er sich dem Verdacht des Antisemitismus aus. Später wurde ihm im Roman „Tod eines Kritikers“ (2002) um Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki ein Spiel mit antisemtischen Klischees unterstellt, etwa von Frank Schirrmacher.

Dieser „Feuilletongewaltige“ taucht nun ebenso auf wie die halbe FAZ-Kulturredaktion und auch einer namens „XYZ“, „im Kulturleben die Macht-Initialen schlechthin“: „Ihm schmeckte sein Kaffee, sein Wein, und dann tauchte ich wieder auf mit einer Aktion, einer Meinung, gar einem Buch... Er hatte unter mir zu leiden, das musste er mir übelnehmen.“ Und so muss ein schreckliches Gefühl des „Nichtgenügens“ dieses lange Schriftstellerleben beherrschen. Der Erzähler schrumpft, während sein Gegner wächst – buchstäblich.

„Angst, Schwäche und Gefallsucht“

Dabei hat der Erzähler es nur immer allen recht machen wollen: So lautet Walsers Erklärung, mit der er sich offenbar endgültig der Sphäre des Rechthabenmüssens, Rechtfertigenmüssens entziehen will. Er passte sich an, „vor lauter Angst, Schwäche und Gefallsucht“, erfüllte Erwartungen, „die einander nach geltendem Urteil widersprachen“. Das habe ihn angreifbar gemacht, „weil sich in mir nicht stritt und einander ausschloss, was in der so genannten Wirklichkeit verfeindet war."

Aus diesem Gefallenwollen heraus erklärt Walser auch seine amourösen Uneindeutigkeiten in einer Welt, in der es „offenbar nicht erlaubt“ war, „zwei Menschen gleichzeitig zu lieben“. Dabei gelte doch: „Was man einem anderen sagt, ist immer das, was man ihm sagen will: meine Wahrheit für ihn.“ Dass Walser, Vater von vier Töchtern, auch der leibliche Vater des Publizisten Jakob Augstein ist, wurde erst vor wenigen Jahren bekannt; die Mutter Maria Carlsson war dritte Ehefrau des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein. Eine der schönsten Liebesgeschichten im Roman dreht sich um eine „sehr edle“ Carla, Patientin im Maria-Martha-Krankenhaus.

Hier legt einer Zeugnis ab von seinem Innenleben, er kehrt sich nach außen – ein gefallender Mann, zugleich ein gefallener. Die große Ironie dieses an guten, dringlichen Sätzen reichen Werkes liegt darin, dass der Autor sich doch eigentlich Stille, „Satzlosigkeit“ wünscht: „Dass ich noch Sätze brauchte, war kein gutes Zeichen.“ Denn die Gespenster der Vergangenheit treiben ihn noch immer um. Und so bleibt ein letzter, hehrer „Wesenswunsch“: „Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt.

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Statt etwas oder Der letzte Rank von Martin Walser, 2017, Rowohlt3.)

Statt etwas oder Der letzte Rank.
Roman von
Martin Walser (2017, Rowohlt).
Besprechung von Simone Dattenberger im Münchner Merkur, 6.01.2017:

Bekanntschaft mit dem Ich - Martins Walsers aktuelles Werk
Martin Walsers aktuelles Werk „Statt etwas oder Der letzte Rank“ ist eine lockere Reihung von 52 philosophischen und psychologischen Mikro-Theorien

Wir kennen das Wort „rank“ eigentlich nur noch von dem Ausdruck „rank und schlank“. Nun lernen wir mit dem neuen Buch von Martin Walser, das an diesem Donnerstag erscheint, „Rank“ mit anderer Bedeutung kennen. Zu Beginn seines Romans „Statt etwas oder Der letzte Rank“ zitiert er aus dem Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Da steht „rank, m. wendung, drehung“ und neben einer schweizerischen Variante unter „2. rank, namentlich auch im wettlaufe und bei der jagd, die wendung, die der verfolgte nimmt, um dem verfolger zu entgehen“

Den ersten Rank nimmt der Leser schon nach ein paar Seiten wahr. Was als „Roman“ tituliert wird, ist gar keiner, sondern eine lockere Reihung von 52 philosophischen und psychologischen Mikro-Theorien, die von poetischen Formulierungen umspielt werden. Ein Ich taucht auf, das gaukelnd wie ein Schmetterling grübelt und gern ornamentreich formuliert. Das Ich ist auch mal ein Er und versucht im Übrigen anhaltend, der Dechiffrierung durch unseren Leseverstand zu entkommen.

Da wird manch Haken geschlagen und manch Rank genutzt. Da ist man als „Verfolger“ ganz schön gefordert, um dem Wild und dessen Zeilenspur noch folgen zu können. Zum Glück hat den Dichterdenker Martin Walser, der am 24. März 90 Jahre alt wird, im zweiten Teil des Buchs der Erzähler Martin Walser übermannt. Episoden aus dem Leben eines älteren Intellektuellen ergeben ein Daseinsfragment, das ein Gesamtbild ahnen lässt.

Im ersten Teil der Selbstbeobachtungen des Ich sammelt es jedoch Sätze und Anmerkungen wie: „Mir geht es ein bisschen zu gut. Zu träumen genügt. Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt. Ich hoffe mehr, als ich will.“ Viele Überlegungen kommen dem Walser-Leser aus den vergangenen Jahren bekannt vor. Das Bekenntnis, nicht mehr recht haben, sich nicht mehr festlegen, keine Denkmodelle nutzen zu wollen, etwas nicht mehr „für wahr halten zu müssen“, wird jetzt noch intensiver variiert.

Das ist nicht nur ein Lebensansatz, sondern auch einer, der Wissenschaft und Politik infrage stellt. „Genau wissen zu wollen“, sperre einen selbst ein: „Es kommandierten die Theorien, jede mit einem Extra-Lösungsversprechen.“ Besorgt verfolgen wir das Ich, „das nicht mehr vorstellbar“ sein möchte. Zum Glück aber „nicht verstummen“ kann. Wer formuliert „Fühl dich so unwichtig wie du bist. Wenn dir das gelingt, darfst du bersten vor Stolz“, kann damit sicher nicht aufhören. Gerade dieser Zwiespalt macht die Figur (und Walser selbst) für den Leser so reizvoll wie aufreizend, denn man schwankt dauernd zwischen Zustimmung und Widerspruch. Ein fruchtbarer Zustand.

Viele Anmerkungen reflektieren außerdem die Arbeit des Schriftstellers, der allerhand Bekanntschaften macht. Dass sie sich als seine „Geschöpfe“ erweisen, ist wieder ein Rank, der uns verunsichert. Konkreter auf das eigene Leben verweist Walser dann etwa in den Episoden, in denen es um den „Feuilletongewaltigen“ einer Frankfurter Zeitung, also um Marcel Reich-Ranicki, geht. Solche Schlenker schwächen das überzeitliche Niveau des Textes zwar, haben aber unterhaltsamen Klatsch-Wert. Allerdings ist der Motivkomplex Gegner-Beobachter-Feind dominant in „Rank“. Das Ich beschäftigt sich so intensiv mit bedrohlichen Kräften, dass man versucht ist, es für seelisch krank zu halten.

Viel charmant-schlitzohriger sind da die drei Begegnungen mit Theodor Adorno oder die Hilfe von Wilhelmina, einer nicht-existenten Schwester von Kafka. Frauen, Liebe und Erotik sind die andere Konstanten im Walser’schen Œuvre, die trotz der Behauptung „Statt etwas oder Der letzte Rank“ in selbigem Text unangetastet bleiben. Dort konkretisiert sich schließlich das Ich zu einem Gesellschaftstheoretiker, der den Liebesgarten einer Sexromane schreibenden Dame bewundern darf. Klar, dass daneben alle Theorie grau ist.

Zum Ende hin schwenkt unser enttheoretisierter Theoretiker ein auf den Weg der Versöhnung. Wie löst man sich von Vorwürfen, die man anderen macht? Wie leben Vernunft und Unvernunft miteinander? Wie wichtig sind Träume, Wunder, Märchen? Damit sind Ich samt Leser erneut beim Erzählen, den Gebrüdern Grimm sowie bei der Sehnsucht nach dem guten Ende. Martin Walser lässt sein Märchen um den Wissenschaftler gut enden in der „Barmherzigkeit“ von dessen Frau, der Maxime „Ich bin, also bin ich“ und einer „Friedensfeier, aber bald“.

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