Stadtrundfahrt.
Roman von Dietmar
Eder (2004, Klett-Cotta).
Besprechung von Hans
Christian Kosler in Neue
Züricher Zeitung vom 22.07.2004:
Rasende Stadtrundfahrt
Dietmar Eders Romandébut
Mit Dietmar Eder, 1979 im österreichischen Lienz geboren, betritt ein ausgesprochener Minimalist die literarische Bühne. Mit zeitraubenden Beschreibungen will er sich offenbar nicht mehr abgeben, und so bietet er uns kurzerhand ein Drehbuch, bestehend aus 38 Szenen, als Roman an. Handlungsmässig geht's dann freilich gleich heftig zur Sache: Xaver, als verkrachte Existenz Hauptfigur des Buches, ist mit der Aufgabe betraut, seinem ungeliebten Vater den letzten Willen zu erfüllen: Er soll den Toten im Sarg noch einmal durch die Stadt fahren und die wichtigsten Stationen seines Lebens aufsuchen.
Die makabre Stadtrundfahrt wird zu einer psychischen Tour de force: Die Vergangenheit des Monster-Vaters wird aufgeblättert, der Selbstmord von Xavers Schwester und die nicht weniger komplizierte Existenz seiner Freundin Sara. Realität und Fiktion, Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich, Xaver und dem Leser schwinden die Sinne, und übrig bleibt, was man auf gut Wienerisch ein «Ramasuri», ein grosses Durcheinander, nennt, bei dem vor allem Eders recht entspannter Umgang mit der Sprache stört.
Keine Frage, Eder gehört zu der Generation, welcher der Golf zu langsam geworden ist und die im Tempo eines 3er-BMW schreibt. So ist zu erklären, dass er einen Sessel als Mottenfänger statt als Staubfänger ausgibt und ein Wohnzimmer bei ihm so lebendig werden kann, dass es Charme verspricht. Hauptsache, die Story ist grell, man nimmt's ja nicht mehr so genau mit den Bildern und Worten. So tut auch der Leser gut daran, wenn er sich über Eders literarische Fingerübung nicht lange den Kopf zerbricht, sondern sie bald wieder vergisst.
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