StadtLandFluss.
Lyrik von Eva
von der Dunk (2001, VorSatz-Verlag - gemeinsam mit Thomas
Kade).
Besprechung von Matthias
Kehle auf www.matthias-kehle.de:
StadtLandFluss
Gedichtbände liest bekanntlich kaum
ein Mensch, weshalb schlaue Verlage sich darauf verlegen, bibliophile Büchlein
zu produzieren. Diese sehen schön aus, kosten zwischen 20 und 98 Mark, und bis
die 80 oder 222 Exemplare - numeriert und signiert - verkauft sind, vergehen
Jahr und Tag. Noch schlauere Verlage lassen sich originelle Dinge einfallen,
z.B. der vor satz verlag in Dortmund. Dieser packte nämlich die Gedichte von
Eva von der Dunk und Thomas
Kade einzeln in eine Schachtel. Eva von der Dunks Texte sind auf gelbes
Papier gedruckt, Thomas Kades Gedichte auf blaues. Und da die beiden Autoren
"zwischen Dortmund und Nordkirchen und zurück" dichten, finden sich
zwischen den Gedichten allerlei in Plastikfolie eingeschweißte Fundstücke:
eine plattgedrückte Krombacher-Bierdose, eine Handvoll Staub sowie der Ausriß
eines Busfahrplans, auf dem die beiden schönsten Zeilen der originellen
Gedichtsammlung aufgestempelt ist:
Bleiben /
aber wohin.
Viel Lokalkolorit sollte man angesichts eines Vorhabens wie dem von Eva von der
Dunk und Thomas Kade
erwarten, Gedichte, die einen Ort haben; der Leser (und süddeutsche Rezensent)
vermutet mehr als
Kokswaggons und Kohleloren leer mit Blumenerde.
Doch die
"besonnte/
Holzbank am Bach",
"der Dicke da mit Dackel grau" auf der "Lübecker
Straße",
"die Jungs am Kiosk mit Korn und Bier" usw. usw. finden sich überall
in Deutschland, die beiden Autoren besetzen häufig Gemein-Plätze. Selten
findet sich pralles Großstadtleben mit (beispielsweise) Sonnenstudios, Bürotürmen,
lärmenden Autos oder Handys, dafür eher scheinbare ländliche Idyllen -
Altbackenes und Altbekanntes, und zwar mit deutlichen Qualitätsunterschieden:
Eva von der Dunk schreibt nämlich die schwächeren Gedichte. Es sind wenig
sinnliche Texte, manchmal sogar mit moralinsaurem Unterton ("verwuselter
Unort"). Die Autorin behilft sich mit reichlich Adjektiven ("Altbau
mit unübersichtlichem Eingang", "gartenzwergverdächtiges Gelände"),
während Thomas Kade
wenigstens gelegentlich ins Getümmel der Gegenwart stürzt und sich auch
sprachlich zu helfen weiß ("Wir haben unsere
Erotikabteilung/ Jetzt vergrößert soviele Videos mit sovielen / Stellungen
rein in die Stube über den Hinterhof"). Schon allein der Rhythmus
der einzelnen Gedichte verrät den versierteren Dichter.
Ein Vorteil hat die Loseblattsammlung in der Schachtel: Man kann die Gedichte
sortieren, wahlweise nach Autor oder nach Qualität. Und man kann die
"guten" Gedichte besser zählen. Vielleicht machen sich die beiden
Autoren einmal die Mühe. Sie könnten anschließend noch ein wenig
"zwischen Dortmund und Nordkirchen und zurück" dichten und in ein
paar Jahren einen ganz normalen, schmalen Gedichtband veröffentlichen, in dem
ein paar wirklich gute Texte stehen.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.matthias-kehle.de]
Leseprobe I Buchbestellung 1004 LYRIKwelt © Matthias Kehle