Stadt
der Verlierer.
Roman von Lilian
Faschinger (2007, Hanser)
Besprechung von Barbara von Becker in der Frankfurter Rundschau, 25.4.2007:
Das Gift der Süffisanz
Komm in den totgesagten Park und
erschauere: Lilian Faschingers vergnüglicher Roman "Stadt der
Verlierer"
Das Wien der Lilian Faschinger in ihrem Roman Stadt der Verlierer ist bevölkert von Schönen und Reichen, Schrillen und Schrägen, Verliebten und Verrückten. Eine Wiener Melange, von der Autorin serviert mit einem Sahnehäubchen aus lokaltypisch boshaftem Sarkasmus nach bester Tradition von Karl Kraus bis Helmut Qualtinger. Matthias Karner ist als Adoptivkind aufgewachsen. Seine leibliche Mutter beauftragt nun, nach fast drei Jahrzehnten, ein Detektivbüro mit der Suche nach ihrem Sohn. Dessen Chefin, Dr. Emma Novak war Lehrbeauftragte am Institut für Altertumswissenschaften gewesen, bevor sie ihre Detektei eröffnete. Ihre beiden Vorlesungen über "Alexander der Große: ein typischer Vertreter des Machismo?" und "Die Verwaltung des Reiches Urartu aus feministischer Sicht" hatten zuletzt an totalem Hörerschwund gelitten.
Das bringt einfach mehr Geld
Ihr Assistent im kriminalistischen Gewerbe ist
ein gescheiterter Friseur, von Allergien und Gewichtsproblemen gepeinigt. Er
nennt sich Mick, aber laut Taufschein heißt er Warhol Jagger Hammerl. Seine
Mutter hatte jahrelang in der Kommune von Otto Mühl gelebt. Der Sohn fühlt
sich mehr von der muslimischen Kultur angezogen, auch, um mit einem Übertritt
zum Islam seinen christlichen Makel als Kind der Sünde zu löschen. Seine
Freundin, eine toughe türkische Modedesignerin, ist von den regelmäßigen
Moscheebesuchen ihres Lovers eher befremdet.
Die Mutter der Detektivin betätigt sich als Reinkarnationstherapeutin, womit
sie mittlerweile viermal so viel verdient, wie vor ihrer Pensionierung als
Magistratsbeamtin, während der Vater Sperrholz-U-Boote baut und sich wahnhaft
eine Vergangenheit als hochdekorierter Nazi-Kriegsheld zusammen phantasiert.
Als weitere Bewohner des skurrilen Wiener Panoptikums wären zu nennen: Dr.
Sissi Fux, Gerichtsmedizinerin, Fellini-Begeisterte und in Dr. Novak Verliebte,
die die Zubereitungstricks ihrer leidenschaftlich nachgekochten, deftigen
italienischen Nationalgerichte genauso locker herunterschnurrt wie die
allerdings weit weniger appetitlichen Details von speziellen Seziermethoden und
anderen Kunstgriffen der Pathologie. Und natürlich die diversen Damen, denen
Matthias Karner all die Jahre zu kurzzeitigem Selbstbetrug und luftigem
Bankkonto verholfen hatte, und deren Reminiszenzen an den potenten Galan
zwischen nüchternem Durchblick und weinerlichem Bekenntnis zu Lebenslüge
changieren.
Die Detektivin klappert gewissenhaft eine nach der anderen ab, um an die
aktuelle Karnersche Telephonnummer zwecks Familienzusammenführung zu kommen,
was ihr auch bald gelingen sollte.
Der verlorene Sohn ist von dem so spät aufgetauchten mütterlichen Interesse
wenig erbaut. Die Frau ist ihm schlicht unsympathisch und er begegnet deren eher
geschäftsmäßigem Werben mit unverhohlenen Aggressionen, besonders als er erfährt,
dass er noch einen Zwillingsbruder hat, der nicht zur Adoption weggegeben worden
war, sondern bei der damals sechzehnjährigen Mutter aufwachsen durfte. So erklärt
sich wohl auch, dass ihn immer wieder mal fremde Menschen mit sichtbarer
Irritation gemustert oder angesprochen hatten. . .
Spätestens hier begreift der Leser, dass er sich inmitten eines Psychothrillers
von der Qualität einer Patricia
Highsmith befindet. Wie die amerikanische Autorin arbeitet Lilian Faschinger
mit der Kunst des Suspense, das heißt, sie webt ein subtiles Andeutungsgeflecht
von Motiven, Fakten, Erinnerungen und seelischen Befindlichkeiten in ihren Text.
Dazu mischt sie einen explosiven Cocktail aus Misstrauen, Wut, Aggression und
dem für Wien sprichwörtlichen boshaften Zynismus und ostentativen Selbsthass,
den sie der Handlung in kleinen Dosen injiziert: ein schleichendes Gift.
Den Karmaknoten lösen
Die Figur des Matthias Karner könnte zudem als
veritabler Nachfahre des berühmten Tom Ripley durchgehen. Auf den ersten Blick
von höchster Durchschnittlichkeit, gewinnt er zunehmend an latent kriminellen
Energien und neurotischen Obsessionen.. Für seine frauenfeindlichen Ausfälle
und seine rohen sexuellen Attacken konstruiert die Autorin allerdings einen eher
küchenpsychologischen Hintergrund.
Nämlich die schon im Kindesalter begonnene Verstrickung in eine
leidenschaftliche Liebesaffäre mit der Stiefschwester, die einzige Frau, die
Karner "je geliebt hatte" und nach der er immer innerlich auf der
Suche war. Nur der schönen und geheimnisvollen Fast-Selbstmörderin gelingt es
- indem sie sich immer wieder entzieht -, Gefühle in ihm zu wecken. Was dies
alles noch mit dem Zwillingsbruder, einem Star-Architekten, zu tun hat, soll
hier nicht aufgedeckt werden.
Schicksalshaft laufen die Fährten zusammen, die die Autorin ausgelegt hatte.
Aber auch die kleinen Themen neben der Suspense-Story finden ihren finalen Höhepunkt.
Emma Novaks vierzehnjähriger Sohn Philipp lässt sich von seiner Großmutter
den "Karmaknoten lösen", und erfährt, dass er in einem früheren
Leben als Klippenspringer im antiken Kreta ertrunken war, was natürlich seine
Wasserphobie eindrucksvoll erklärt. Emma Novak erliegt dem Werben von Sissi
Fux, nachdem sich deren Wissen über das "Tranchieren von toten
Menschen" als überaus hilfreich bei der Lösung eines Falles erwiesen
hatte, und Warhol Jagger Hammerl kann sogar zu guter Letzt seine
Alt-Hippie-Mutter, die mittlerweile mit einem Schweizer Kartonagenfabrikanten
verheiratet ist, zur Teilnahme an der eigenen türkischen Groß-Hochzeit
bewegen.
Ebenso souverän, genüsslich wie ironisch spielt Lilian Faschinger mit den
Versatzstücken des Genres von Krimi und Detektivroman, und die Stadt Wien und
ihre Bewohner geben dafür eine köstliche Kulisse aus Häme, Schmäh,
Bizarrerie mit einem Schuss Obsession und Psychodrama ab. Ein unterhaltsames
Vergnügen, mit der Autorin und ihren Helden in dieser schillernden Stadt der
Verlierer zu flanieren. Eine höchst unterhaltsame Mischung und durchaus
lustvolles Vergnügen, sich darin für ein paar Stunden aufzuhalten.
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