Stadt der Verlierer von Lilian Faschinger, 2007, HanserStadt der Verlierer.
Roman von Lilian Faschinger (2007, Hanser)
Besprechung von Barbara von Becker in der Frankfurter Rundschau, 25.4.2007:

Das Gift der Süffisanz
Komm in den totgesagten Park und erschauere: Lilian Faschingers vergnüglicher Roman "Stadt der Verlierer"

Matthias Karner ist neunundzwanzig, Bruce-Springsteen-Liebhaber und habitueller Frauenbenutzer. Die meist bis zu zwanzig Jahre älteren Damen sind in der Regel verlassen, geschieden, verhärmt und nehmen es hin, für ein paar Stunden weniger Einsamkeit abkassiert und im Bett schlecht behandelt zu werden. Manche stehen auch auf den Brutalo-Charme ihres Prolo-Gigolos, der neben Gitarreklimpern und gelegentlichen Heimhandwerkerarbeiten keinen weiteren Tätigkeiten nachgeht. Er streift eher ziellos durch Wien und seine Parks. Auf einem dieser Ausflüge stolpert er im Wald über den Körper einer jungen schönen Selbstmörderin. Wochen später steht die Frau mit zwei Flaschen Champagner vor seiner Tür, um sich für die Lebensrettung in letzter Minute zu bedanken.

Das Wien der Lilian Faschinger in ihrem Roman Stadt der Verlierer ist bevölkert von Schönen und Reichen, Schrillen und Schrägen, Verliebten und Verrückten. Eine Wiener Melange, von der Autorin serviert mit einem Sahnehäubchen aus lokaltypisch boshaftem Sarkasmus nach bester Tradition von Karl Kraus bis Helmut Qualtinger. Matthias Karner ist als Adoptivkind aufgewachsen. Seine leibliche Mutter beauftragt nun, nach fast drei Jahrzehnten, ein Detektivbüro mit der Suche nach ihrem Sohn. Dessen Chefin, Dr. Emma Novak war Lehrbeauftragte am Institut für Altertumswissenschaften gewesen, bevor sie ihre Detektei eröffnete. Ihre beiden Vorlesungen über "Alexander der Große: ein typischer Vertreter des Machismo?" und "Die Verwaltung des Reiches Urartu aus feministischer Sicht" hatten zuletzt an totalem Hörerschwund gelitten.

Das bringt einfach mehr Geld

Ihr Assistent im kriminalistischen Gewerbe ist ein gescheiterter Friseur, von Allergien und Gewichtsproblemen gepeinigt. Er nennt sich Mick, aber laut Taufschein heißt er Warhol Jagger Hammerl. Seine Mutter hatte jahrelang in der Kommune von Otto Mühl gelebt. Der Sohn fühlt sich mehr von der muslimischen Kultur angezogen, auch, um mit einem Übertritt zum Islam seinen christlichen Makel als Kind der Sünde zu löschen. Seine Freundin, eine toughe türkische Modedesignerin, ist von den regelmäßigen Moscheebesuchen ihres Lovers eher befremdet.

Die Mutter der Detektivin betätigt sich als Reinkarnationstherapeutin, womit sie mittlerweile viermal so viel verdient, wie vor ihrer Pensionierung als Magistratsbeamtin, während der Vater Sperrholz-U-Boote baut und sich wahnhaft eine Vergangenheit als hochdekorierter Nazi-Kriegsheld zusammen phantasiert.

Als weitere Bewohner des skurrilen Wiener Panoptikums wären zu nennen: Dr. Sissi Fux, Gerichtsmedizinerin, Fellini-Begeisterte und in Dr. Novak Verliebte, die die Zubereitungstricks ihrer leidenschaftlich nachgekochten, deftigen italienischen Nationalgerichte genauso locker herunterschnurrt wie die allerdings weit weniger appetitlichen Details von speziellen Seziermethoden und anderen Kunstgriffen der Pathologie. Und natürlich die diversen Damen, denen Matthias Karner all die Jahre zu kurzzeitigem Selbstbetrug und luftigem Bankkonto verholfen hatte, und deren Reminiszenzen an den potenten Galan zwischen nüchternem Durchblick und weinerlichem Bekenntnis zu Lebenslüge changieren.

Die Detektivin klappert gewissenhaft eine nach der anderen ab, um an die aktuelle Karnersche Telephonnummer zwecks Familienzusammenführung zu kommen, was ihr auch bald gelingen sollte.

Der verlorene Sohn ist von dem so spät aufgetauchten mütterlichen Interesse wenig erbaut. Die Frau ist ihm schlicht unsympathisch und er begegnet deren eher geschäftsmäßigem Werben mit unverhohlenen Aggressionen, besonders als er erfährt, dass er noch einen Zwillingsbruder hat, der nicht zur Adoption weggegeben worden war, sondern bei der damals sechzehnjährigen Mutter aufwachsen durfte. So erklärt sich wohl auch, dass ihn immer wieder mal fremde Menschen mit sichtbarer Irritation gemustert oder angesprochen hatten. . .

Spätestens hier begreift der Leser, dass er sich inmitten eines Psychothrillers von der Qualität einer Patricia Highsmith befindet. Wie die amerikanische Autorin arbeitet Lilian Faschinger mit der Kunst des Suspense, das heißt, sie webt ein subtiles Andeutungsgeflecht von Motiven, Fakten, Erinnerungen und seelischen Befindlichkeiten in ihren Text. Dazu mischt sie einen explosiven Cocktail aus Misstrauen, Wut, Aggression und dem für Wien sprichwörtlichen boshaften Zynismus und ostentativen Selbsthass, den sie der Handlung in kleinen Dosen injiziert: ein schleichendes Gift.

Den Karmaknoten lösen

Die Figur des Matthias Karner könnte zudem als veritabler Nachfahre des berühmten Tom Ripley durchgehen. Auf den ersten Blick von höchster Durchschnittlichkeit, gewinnt er zunehmend an latent kriminellen Energien und neurotischen Obsessionen.. Für seine frauenfeindlichen Ausfälle und seine rohen sexuellen Attacken konstruiert die Autorin allerdings einen eher küchenpsychologischen Hintergrund.

Nämlich die schon im Kindesalter begonnene Verstrickung in eine leidenschaftliche Liebesaffäre mit der Stiefschwester, die einzige Frau, die Karner "je geliebt hatte" und nach der er immer innerlich auf der Suche war. Nur der schönen und geheimnisvollen Fast-Selbstmörderin gelingt es - indem sie sich immer wieder entzieht -, Gefühle in ihm zu wecken. Was dies alles noch mit dem Zwillingsbruder, einem Star-Architekten, zu tun hat, soll hier nicht aufgedeckt werden.

Schicksalshaft laufen die Fährten zusammen, die die Autorin ausgelegt hatte. Aber auch die kleinen Themen neben der Suspense-Story finden ihren finalen Höhepunkt. Emma Novaks vierzehnjähriger Sohn Philipp lässt sich von seiner Großmutter den "Karmaknoten lösen", und erfährt, dass er in einem früheren Leben als Klippenspringer im antiken Kreta ertrunken war, was natürlich seine Wasserphobie eindrucksvoll erklärt. Emma Novak erliegt dem Werben von Sissi Fux, nachdem sich deren Wissen über das "Tranchieren von toten Menschen" als überaus hilfreich bei der Lösung eines Falles erwiesen hatte, und Warhol Jagger Hammerl kann sogar zu guter Letzt seine Alt-Hippie-Mutter, die mittlerweile mit einem Schweizer Kartonagenfabrikanten verheiratet ist, zur Teilnahme an der eigenen türkischen Groß-Hochzeit bewegen.

Ebenso souverän, genüsslich wie ironisch spielt Lilian Faschinger mit den Versatzstücken des Genres von Krimi und Detektivroman, und die Stadt Wien und ihre Bewohner geben dafür eine köstliche Kulisse aus Häme, Schmäh, Bizarrerie mit einem Schuss Obsession und Psychodrama ab. Ein unterhaltsames Vergnügen, mit der Autorin und ihren Helden in dieser schillernden Stadt der Verlierer zu flanieren. Eine höchst unterhaltsame Mischung und durchaus lustvolles Vergnügen, sich darin für ein paar Stunden aufzuhalten.

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