Stadt ohne Engel oder The Overcoat of Dr. Freud von Christa Wolf, 2010, Suhrkamp1.) - 3.)

Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud.
Roman von Christa Wolf (2010, Suhrkamp)
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 18.06.2010:

Christa Wolf - rückwärts und nicht vergessen
Christa Wolfs neuer Roman „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ erscheint am Montag: Ein Skrupelbad und eine deutsche Geschichte in Los Angeles, die so lässig anläuft wie selten - mit Anflügen von Ironie und Scherzen wie dem alten DDR-Pass.

Inder Mitte dieses Romans, dem nicht nur der Titel zu lang geraten ist, steht der Satz, um den herum Christa Wolf ihn geschrieben hat: „Ich hatte das vollkommen vergessen.“ Was, das stand in diesem dünnen grünen Aktendeckel.

Der war explosiver als die 42 dicken Aktenordner, die sie in der Gauck-Behörde studiert hatte. Darin stand, wer von der Stasi sie in 20 Jahren beschattet, verraten, denunziert hatte und wie die „Firma“ das Gerücht in die Welt setzte, sie hätte ihre Unterschrift gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann zurückgezogen.

Aber nun standen der Autorin „die Haare zu Berge“, denn es gab diese grüne „Täterakte“ über sie. Mit einem Bericht über einen Kollegen und Notizen der Stasi, die sich mit ihr traf: „Ich hatte das vollkommen vergessen, und merkte selbst, wie unglaubwürdig das klang.“ Das wird auch 200 Seiten später noch verhandelt, ergründelt.

Selten so entspannt, so lässig

Günter Grass hatte sich vor vier Jahren in der Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ über seine SS-Erinnerungslücken fast en passant hinweggenebelt. Sein DDR-Pendant da­gegen rückt nun das Hadern mit der Erinnerung in den Mittelpunkt des neuen Romans „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“, der am Montag erscheint.

Die Autorin, die in diesem Buch nicht nur „ich“ sagt, sondern sich auch hin und wieder mit „du“ anredet (wie im „Kindheitsmuster“), ähnelt in vielem Christa Wolf. Auch sie sprach am 4. November 1989 bei der Demo auf dem Alexanderplatz, auch sie brachte Anfang der 90er-Jahre etliche Monate im warmen, pulsierenden Los Angeles zu. Währenddessen brannten in Deutschland die Asylantenheime und manche Feuilletons nahmen den IM-Aktendeckel der prominentesten und intelligentesten DDR-Autorin als dankbaren Vorwand für eine Generalabrechnung mit der angeblichen „Staatsdichterin“ und der „Gesinnungsästhetik“.

Selten aber ist ein Roman von Christa Wolf so entspannt, so lässig angelaufen, mit Anflügen von Ironie und Scherzen wie dem alten DDR-Pass, den sie einem verwirrten Grenzbeamten reicht. Die US-Westküste tut dem Roman gut, nicht nur atmosphärisch. Sie stellt eine gesunde Distanz zum Geschehen in Deutschland her, und der Pazifik relativiert immer wieder das Skrupelbad der Autorin, die sich zu erklären versucht, warum sie bis zuletzt in der DDR geblieben ist, obwohl sie nur zu genau um die Schattenseiten des SED-Regimes wusste.

Psychosomatischer Katastrophenalarm

Und weil Los Angeles für die von den Nazis ins Exil gejagten Intellektuellen wie Thomas Mann, Brecht, Adorno und Schönberg auch das „Weimar unter Palmen“ war, schlägt der Roman einen gelungenen Bogen vom Ende zum Beginn des 20. Jahrhunderts. So kann er, so kann die Autorin, die drei deutsche Staatsformen erlebte, der Geschichte des Landes sorgfältig auf den Grund gehen. Das alles bleibt indes nicht frei von allzu dick aufgetragener Symbolik, argen Zufällen und manchem Klischee.

Vordergründig sucht die Autorin nach Spuren von L., einer Exilantin, die ihrer Freundin Emma Briefe nach Berlin, Ost schrieb. Vordergründig auch arrangiert sie sich mit der amerikanischen Alltagskultur, bis hin zum Besuch eines Gospel-Gottesdienstes, in dem sie sich hinreißen lässt, zum ersten Mal nach vierzig Jahren wieder am Abendmahl teilzunehmen. Überhaupt lernt sie die Leichtigkeit des Lebensgefühls schätzen, während ihr Körper auf die Angriffe aus Deutschland mit einem psychosomatischen Katastrophenalarm reagiert. Das will man vielleicht nicht unbedingt alles wissen. Aber es ist der Reflex des Nichts-mehr-Vergessen-Wollens.

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Stadt ohne Engel oder The Overcoat of Dr. Freud von Christa Wolf, 2010, Suhrkamp2.)

Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud.
Roman von Christa Wolf (2010, Suhrkamp)
Besprechung von Jobst-Ulrich Brand aus dem FOCUS, 18.6.2010:

Alles so schön ostig hier
In ihrem neuen Roman reflektiert die große alte Dame Christa Wolf die Debatte um ihre Stasi-Verstrickungen – ein seltsam unscharfes Buch.

Es war ein Heimspiel für Christa Wolf, als sie am vergangenen Mittwoch in der überfüllten Berliner Akademie der Künste ihren neuen Roman „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ vorstellte (Suhrkamp Verlag, 416 Seiten, 24,80 Euro). Es seien ja wohl viele Ostleute gekommen, sagte die 81-Jährige, sichtlich erfreut, wenn ihre Anspielungen auf alte DDR-Zeiten im Publikum Anklang fanden. Der Akademie- und Schriftstellerkollege Ingo Schulze, der diesen denkwürdig ostalgischen Abend moderierte, war gnädig zur einstigen „Staatsdichterin“, wie Marcel Reich-Ranicki Christa Wolf einmal geschmäht hatte. Ihr Buch komme zur rechten Zeit, weil man sich vor zehn Jahren leichter mit der Vergangenheit auseinandergesetzt habe als heute, behauptete Schulze.

Merkwürdige Vergangenheitsbewältigung

Es ist eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, dieses Buch. Aber eine höchst merkwürdige. Wolf erzählt von einem neunmonatigen Aufenthalt als Stipendiatin des Getty Centers in Los Angeles 1992. Sie ist begeistert vom American Way of Life, über weite Teile hinweg beschreibt sie den Alltag an der Westküste – ein für weniger an biografischen Details Interessierte quälend zähes Leseerlebnis.

Dabei kocht, während sie fern der Heimat Reisefreiheit genießt, in Deutschland die Debatte über ihre Stasi-Vergangenheit hoch. Als Christa Wolf kurz nach der Wende in der damaligen Gauck-Behörde ihre Akte einsieht – ein Großkonvolut mit detaillierten Beschreibungen ihrer Lebensumstände und Kontakte – drückt ihr eine der Mitarbeiterinnen dort plötzlich einen schmalen Ordner in die Hand, entgegen der offiziellen Mitteilungspraxis: Christa Wolfs Täterakte aus den später 50er-Jahren.

Autorin mit Erinnerungslücken

Nicht viel ist darin zu lesen, schon gar nichts Brisantes. Die Tätigkeit der Autorin als IM war kurz und wenig ergiebig. Das Merkwürdige aber, so erzählt es Christa Wolf bis heute, sei, dass sie sich an ihre Stasi-Tätigkeit nicht erinnern konnte. Wie kann dem eigenen Gedächtnis ein so relevanter Vorgang schlichtweg entfallen sein? Wie funktioniert Verdrängung? Mit solchen Fragen hatte sie sich fortan auseinanderzusetzen.

Es sind auch die zentralen Fragen des neuen Buches, das die Debatte im Rückblick Revue passieren lässt. Allerdings eben in fiktionalisierter Form. Die Figur, von der im Roman die Rede ist, teilt viele Wesenszüge mit der Autorin selbst, aber die beiden seien nicht deckungsgleich, betont Wolf immer wieder. Ein merkwürdiger Schachzug, der dieses Buch so diffus und die Erinnerungsarbeit so prekär macht. Denn am Ende bleibt Christa Wolf auf diese Weise immer die Möglichkeit eines Auswegs: Ich erzähle doch eigentlich gar nicht von mir. Insofern ist dieser Roman ein ärgerliches Buch, denn er klärt wenig, sondern liefert am ehesten den vielen Gegnern Wolfs Munition, die ihr schon immer Selbstgerechtigkeit und Larmoyanz vorgeworfen haben.

Aber all das mochte ihr bei der Buchpremiere niemand zumuten, zu einig war man sich an diesem Altberliner Heimatabend. Christa Wolf erklärte dann noch, warum sie eigentlich die DDR nie verlassen habe. „Ich hatte das Gefühl, ich wurde dort mehr gebraucht als im Westen.“ Damit könnte sie durchaus recht haben.

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Stadt ohne Engel oder The Overcoat of Dr. Freud von Christa Wolf, 2010, Suhrkamp3.)

Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud.
Roman von Christa Wolf (2010, Suhrkamp)
Besprechung von Simone Dattenberger im Münchner Merkur, 19.6.2010:

Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit
Nach 14 Jahren, seit „Medea: Stimmen“, wieder ein Roman von Christa Wolf – und noch dazu ein ausgesprochen persönliches Buch. An „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ schrieb sie über zehn Jahre.

Das ist zunächst ein Reise- und Erlebnisbericht vom neunmonatigen Aufenthalt als Stipendiatin des Getty-Zentrums in Santa Monica bei Los Angeles. Die Dichterin, einst die Grande Dame der unangepassten DDR-Literaturszene sowie Ikone der gesamtdeutschen Poesie, blickt damit zurück in die Jahre 1992/93. Und so wird ihr auch die Erinnerung samt deren psychologischer Kapriolen zum Thema: daher der zweite Teil des Titels. Freuds Mantel taucht in einer Anekdote eines amerikanischen Bekannten auf und wird zum Signal-Begriff für die geheime Seelenarbeit, die das Bewusstsein nicht immer nachvollziehen kann.

Wolf, Jahrgang 1929, schlägt also elegant den Mantel um ihre Gedächtnislücke (sehr dünne IM-Akte aus den 60ern) und um die deutschsprachigen Exilanten, die Nazi-Deutschland verlassen mussten. Erinnern, Erzählen, Schreiben sind die Größen, mit deren Hilfe sich Christa Wolf der Wahrheit, auch der Wahrheit über die eigene Handlungsweise, annähern möchte. Kann ich mich richtig erinnern? Wie kann es passieren, dass ich etwas vergesse? Wie eben den verhängnisvollen Stasi-Kontakt, der der Autorin gerade in jenen Monaten der 90er extreme und unfaire Kritik eingebracht hatte. Neben dem Reisebericht und dem Erinnerungsbuch wollte sie als drittes ein Deutschlandbuch verfassen.

Die überaus diffizile Integration dieser „Bücher“ in eines ist Wolf gelungen: faszinierend, bewegend, zum Nachdenken, auch zum Widerspruch anregend und vor allem unterhaltsam. Die Schriftstellerin entführt mit inniger Sympathie und fröhlicher Offenheit – bis hin zu vielen englischen Worten – in jene Welt am Pazifik: hingerissen von der Natur, amüsiert von ihrem schrulligen Domizil namens „Ms. Victoria“ mit den neugierigen Waschbären im Garten und den netten Gästen aus aller Welt in den Apartments, neugierig auf die touristischen Ecken und die Exil-Künstlerhäuser, aber auch auf die Slums. Christa Wolf nimmt die Leser auf angenehmste, weil lockerste Art mit auf ihre Ausflüge und Erkundungen. Schnelle Eindrücke, flüchtige Begegnungen, nie ausgewalzt, jedoch nie oberflächlich. Die Obdachlose am Straßenrand ist genauso wichtig wie die verzweifelte, vom Mann verlassene Freundin oder der ebenfalls, jedoch anders Liebes-verzweifelte Philosoph Peter Gutman ein Stockwerk über ihr. Auch die Liebesgeschichten spielen in „Stadt der Engel“ eine mächtige Rolle – Liebe zwischen Menschen und zu Utopien.

Margaritas und „Star-Trek“-Schauen

Die Suche nach einer geheimnisvollen L. ist der offizielle Anlass des Aufenthalts des Roman-Ichs. Emma, eine alte Freundin und überzeugte Kommunistin, hatte der Erzählerin den Briefwechsel mit jener L. hinterlassen, der sich von 1945 bis 1979 hinzog. Sie war mit „meinem lieben Herrn“ vor dem NS-Terror in die USA geflohen, der Liebe klaren Herzens alles opfernd – obwohl der Philosoph bei seiner Frau blieb. Emma, die von den Nazis wie von den Kommunisten gequält worden war, blieb bis zum Tod in Berlin, in der DDR. Natürlich ist es völlig aussichtslos zu hoffen, mit fast Null-Informationen L. identifizieren zu können, aber Wolf lässt am Ende sogar diese Unwahrscheinlichkeit zu. Nicht nur diese.

Die Dichterin erlaubt sich Spiritualität, ja selbst so etwas wie naive Frömmigkeit: Immerhin lacht sich das Ich am Ende des Aufenthalts einen frechen, nützlichen Schutzengel an, Angelina mit Namen. In der Tat, Christa Wolf lässt in der „Stadt der Engel“ vieles zu. Auch eine Selbstbefragung, die zwischen Selbstzerfleischung und Selbstreparatur pendelt. Wozu verständnisvolle Gespräche gehören, eine Margarita und „Star-Trek“-Schauen im Fernsehen. Larmoyanz versucht die Autorin gar nicht erst aufkommen zu lassen. Freilich: Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten sieht sie als Verlust. Die historische Chance, aus der großartigen unblutigen Revolution einen wahrhaft menschlichen Staat zu schaffen, sei unwiederbringlich verflogen, kaum sei der erste Begrüßungsgeld-Hunderter geflattert.

Verbindungen zu Mann und Kopelew

Zwei Diktaturen und ein ungeliebtes Deutschland: Danach wird die Erzählerin in den USA bei fast jeder Party gefragt, insbesondere bei den Treffen mit Juden der ersten und zweiten Shoa-Generation. Solche Szenen mit Alt und Jung führen in die eigene Jugend zurück: das Erleben von Hitlers Ideologie, danach die Bewunderung für die kommunistischen Kämpfer, die Hoffnung auf ein segensreiches alternatives Deutschland, das in der DDR-Enttäuschung mündete, weil die Menschlichkeit erstickt wurde.

In diesem historischen Feld zieht Wolf ihre Verbindungslinien zu Thomas Mann und Lew Kopelew, zu McCarthys Antikommunismus-Hysterie und dem Bombardement von Bagdad, zur mütterlichen Erziehung und dem eigenen Untadelig-sein-Wollen. Und immer wieder – gerade bei den Emigranten – taucht die Frage auf, warum man geblieben sei? „Es war die Hoffnung, dass diejenigen, die vielen, die, wie ich glaubte, so dachten wie ich, sich mit der Zeit durchsetzen würden. Weil es nicht anders sein konnte... Weil es für uns keine Alternative gab. – Ich wußte: Die Frage würde über die Jahre mit mir gehen.“

Christa Wolf hat uns mit dem Buch einen Bildungsroman des 21. Jahrhunderts geschenkt: tiefschürfend und schwebeleicht Mensch und Geschichte vereinend – und jenen als ein Wesen betrachtend, das sich trotz Rückschläge weiterbildet, weiterentwickelt. Mit oder ohne Engel, mit oder ohne Freud.

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