1.) - 2.)
Sprachversagen.
Essay von Dorothea
Dieckmann (2002, Droschl).
Besprechung von Sabine
Peters in Freitag 52, 20.12.2002:
Erinnerung an ein Anderes
DISTANZIERTER
BLICK
Dorothea Dieckmanns Roman "Damen und
Herren" und ihr Essayband "Sprachversagen"
In der Gaststätte "Waidmannsruh"
findet ein Klassentreffen von inzwischen mehr oder weniger gutsituierten Damen
und Herren statt. Es führt die ehemaligen Schülerinnen und Schüler, vor allem
aber die Ich-Erzählerin Marie zurück in die siebziger Jahre. Das Treffen berührt
aber nicht nur diese Jugendjahre, es dreht "Zeit" überhaupt im
Kreise, in einen Strudel. Und so trifft man nicht nur auf frühere Mitschüler,
man begegnet auch Varianten seiner selbst.
Dorothea Dieckmann, Jahrgang 1957, Autorin und Literaturkritikerin, schreibt
geschliffen, illusionslos und dabei engagiert; sie vertritt unorthodoxe
Positionen, es sei hier nur an Bücher wie Unter Müttern. Eine Schmähschrift
oder an Belice im Männerland erinnert. Im neuen Roman macht sich die
Protagonistin Marie mit ziemlichen Zweifeln zu dem Klassentreffen auf, und ihre
Frage ist die Frage des ganzen Romans: Vielfach verzwiebelt, geht es um Formen
von Entstellung; und es geht darum, ob man Vergangenes, ob man Entwicklungen
verstehen kann. "Antworten" sind nicht einfach zu haben, denn der
Versuch, zu verstehen, ist verstellt durch die Selbstinszenierungen der Damen
und Herren.
Es ist formal konsequent und einleuchtend, dass Dorothea Dieckmann den Roman
entsprechend aufgebaut hat, als gehe es um ein Bühnenstück: "Maske",
"Auftritte", "Zwischen den Zeiten", "Abgänge",
"Retusche" heißen die fünf Kapitel des Romans. Bis auf Erdmute, die
sich noch als Schülerin umbrachte, sind fast alle inzwischen "etwas
geworden", und das hat mit den früheren "Indianerträumen" kaum
mehr zu tun. Diese heutigen Erwachsenen sind fast alle ziemlich gleichgültig,
selbstironisch; sie wirken so oder so ermüdet, jedenfalls reiben sich nicht
sonderlich an Gegend und Gegenwart; "anything goes". Marie selbst hütet
sich, von ihrem "verschwiegenen Nebenjob" zu berichten, für den man
sie teeren und federn würde. Aus mehreren kleinen Anspielungen lässt sich
vermuten, dass sie eben nicht nur Lyrikerin ist und im Kulturbetrieb arbeitet,
sondern dass sie vielleicht auch einmal eine Art Edelnutte war. Während ein
Mitschüler ihr gesteht, wie gern er eine "kuschelige Affaire" hätte,
wie mühsam und aufwändig so etwas aber doch auch sei, weiß sie: Wer für Sex
bezahlt, macht kein schlechtes Geschäft, und ein Ehrliches obendrein. Sie hat
ihr eigenes Klassifizierungssystem, unterscheidet zwischen Männern mit und ohne
Zahlungsmoral, und die Schrecken der Warengesellschaft nimmt sie, das spricht
aus ihren Reflexionen, durchaus nicht nur im Bereich der Prostitution wahr.
Das Kapitel "Abgänge" - es ist spät geworden, die Versammlung löst
sich langsam auf - führt dann in mehrfacher Hinsicht "abwärts".
Marie, die als Schülerin in Richard verliebt war, weiß von Beginn des Abends
an, es gibt noch etwas nachzuholen, Liebe oder Rache oder beides zugleich. Jetzt
trifft sie sich mit Richard im Keller, vor den "Damen und Herren", vor
dem Lokus. Eine bizarre Szene im Frauenklo folgt; schließlich wünscht sich
Richard, dass Marie ihm einen bläst. Die Sprache, in der das geschildert wird,
ist äußerst präzis, auf kühle Weise anmutig; sie hat einen leisen Witz, den
man sehr selten findet - aber dann bleibt einem plötzlich das Lachen im Hals
stecken. Obwohl die ganze Szene nur wenige Seiten in diesem umfangreichen Buch
einnimmt, hat die Rezensentin deren grausiges Ende nicht verstanden.
Wie weit geht denn Maries Bereitschaft, sich auf Richard einzulassen? Wie lang lässt
sich denn ihre analytische Distanz halten, zumal wenn, während sie
"unten" mit ihm beschäftigt ist, "oben" aus seinem Mund
unvermittelt eine Rede fällt, die man nur als verbale Vergewaltigung bezeichnen
kann? Geht es einmal mehr darum, zu zeigen, wie indifferent diese vierzigjährigen
Damen und Herren sich in allen Lebenslagen verhalten? Wie auch immer, es soll
hier ausdrücklich betont werden: Wer Dieckmanns Buch nun in erster Linie mit
voyeuristischem Interesse liest, liest an dem Text vorbei. Wenn man dieser
Arbeit einigermaßen gerecht werden will, muss man sich Zeit nehmen für die
Widersprüche, für das Ungelöste. Unüberhörbar ist die Wahrnehmung, dass
"Bewusstwerdung" ein schmerzhafter Prozess sein kann, der in die
Verbitterung und (Selbst)Verachtung führt.
Die Ich-Erzählerin beobachtet ihre Klassenkameraden über weite Strecken
schonungslos, erst spät kommt etwas wie Erbarmen dazu; und diese Haltung macht
sie selbst nicht unbedingt zu einer "Sympathiefigur", zumal Marie in
ihrer selbstkritischen Fähigkeit eben über die anderen Figuren hinausgehoben
wird. Als Ich-Erzählerin bleibt sie, wahrscheinlich ist das unvermeidbar, in
allen Selbstzweifeln "Sieger".
"Sympathiefiguren" also, oder gar "Identifikationsangebote"
gibt es hier allenfalls für diejenigen Leser, die nicht davor zurückschrecken,
in die Wüste hineinzusehen, die "ich" ja wohl auch ist. Wer war
"ich" früher, wie ist es zum "jetzt" gekommen? Die
Rezensentin ist sich nicht sicher, ob man Dorothea Dieckmanns Roman ausschließlich
als Portrait einer Generation lesen muss. Es gibt zwar eine Fülle haarscharf
gezeichneter Details, die auf die Jugend in den siebziger Jahren der heute um
40-Jährigen verweist, aber warum wird eigentlich die "Generation" in
sämtlichen Feuilletons permanent zur letzten gültigen und verbindlichen
Kategorie hochstilisiert? Als wären die 68er heute nicht ebenso konsumfreudig
gewesen wie nachfolgende Generationen; als sei "Politisierung" in der
Jugend die Errungenschaft einiger ausgewählter Jahrgänge; als gebe es nicht
immer Verbindendes zwischen Einzelnen aus einzelnen Generationen.
Auf Dieckmanns Roman bezogen heißt das: Wenn auch hier nach
"Vergangenem", nach "Entwicklungen" gefragt wird, dann sitzt
der Ich-Erzählerin noch etwas anderes, ganz Grundlegendes unter der Haut.
"Integrität", Unbescholtenheit, Unverletztheit - gab es so etwas
einmal? Kann es das in irgendeiner Lebensphase geben? Dorothea Dieckmann hütet
sich, auch nur in die Nähe von Sentimentalität oder Emphase zu kommen; ihre
Protagonistin bleibt fast durchgängig spröde und nüchtern, sie will sich kein
X für ein U vormachen. Aber es gab den Moment, als die Schülerin Marie das Rad
durch die schöne leere Fläche der Turnhalle schlug. Einmal war sie auch,
zusammen mit Richard, ein "Doppelwesen", unterm Parka im Regen ein
Rumpf auf vier Beinen. Wie "beiseite gesprochen" und unvermittelt auch
der Satz, dass man vielleicht ganz gern für immer elfjährig geblieben wäre,
rollschuhlaufend mit der Freundin.
Marie und ihre Autorin tippen das nur an, an eine "Heimat" in der
Kindheit glauben sie lieber nicht. Wenn es für sie eine Sicherheit gibt, dann
die des distanzierten, analytischen Blicks. Er richtet sich wiederholt auf die männliche
und weibliche Sozialisation: Die Mädchen lernen, jein zu sagen, die Jungen
trainieren sich "weibliche" Eigenschaften ab. Bei dem Klassentreffen
wird deutlich, egal, wie sehr sich jeder gepanzert hat, keiner ist unverletzt,
unversehrt, integer geblieben. Vielleicht war man es nie. Integrität, das würde
auch eine eigene unverstellte Sprechweise bedeuten, aber Marie bleibt skeptisch.
Die Schulhofgespräche über Camus, der ihr doch beistand auf dem "Weg ins
Exil", scheinen ihr im Nachhinein wenig glaubwürdig; "die
Klugscheisserei war unsere intime Sprache." "Hätten wir auf andere
Weise ausdrücken können, was uns bewegte?" Damen und Herren ist,
abgesehen von einigen sprachlichen Ungenauigkeiten - man kann hier sowohl banale
wie allzu bemühte Sätze finden - formal und inhaltlich ein wagemutiges Buch,
über das man lang nachdenken kann und das sich auf vielen Ebenen diskutieren lässt.
Zur gleichen Zeit hat Dorothea Dieckmann einen Essayband veröffentlicht, Sprachversagen
heißt er. Ein anderes Genre, ein ganz anderer Grad von Abstraktion. Die Literaturen
wie die FAZ urteilten in ihren Besprechungen sinngemäß, die beiden Bücher
Dieckmanns verhielten sich wie "Theorie" und "Ausführung"
zueinander. Wehe, wer sich theoretisch so weit aus dem Fenster hänge wie
Dieckmann, ohne die eigenen Ansprüche dann einlösen zu können. Es ist
sicherlich verführerisch, solche Rechnung aufzumachen. Nur, sie führt nicht
weit, sie verkennt letztlich beide Arbeiten in ihrer Eigenart. Man konnte beim
Lesen der beiden Kritiken den Eindruck gewinnen, die Autorin werde abgestraft
dafür, dass sie als Essayistin die Meßlatte für Literatur sehr hoch hängt
und dann noch wagt, gleichzeitig ihren Roman zu veröffentlichen, ohne selbst
eine Ikone wie Ingeborg
Bachmann oder Franz
Kafka zu sein.
Dieckmanns Essay Sprachversagen ist diszipliniert bei allem Furor; präzis
aggressiv und dabei sensibel geht er der Frage nach, welche Berührungspunkte es
zwischen Sprechen, Sprache und Schreiben gibt. Kann Sprache Integrität
bewahren? Kann sie sie gewinnen? Und welche Art Sprache wäre das? Der Text
zeigt, welchen Anteil die mündliche öffentliche (käufliche) Rede am
"Sprachversagen" hat; etwa, wenn noch jede poetische Formulierung zum
Designeraccessoire verkommen kann. In schönem Zorn plädiert Dieckmann für die
Wiedereinführung des Begriffs der Trivialliteratur, sie beharrt aller
zeitgeistigen Indifferenz, allem Antiintellektualismus der Intellektuellen zum
Trotz darauf, dass Literatur, die diesen Namen verdient, sich doch auf einer
anderen Ebene bewegt als etwa der neueste Roman aus der Reihe der "Fräuleinwunder",
der mehr oder weniger einfach den Imperativen des Markts gehorcht.
Dem literarischen Schreiben ginge es darum, zu bewahren, was das Reden verrät,
es ginge um eine Abstinenz in der Sinngebung und darum, sich immer neu "ins
Fremde" aufzumachen, oder, nach Sartre, "man spricht in seiner eigenen
Sprache, doch man schreibt in einer fremden." Das literarische Schreiben,
dem Dieckmanns Text nachgeht, wäre wohl auch nicht vom gelungenen, gar
erfolgreichen, verkäuflichen "Endprodukt" her zu denken, es ist
vielmehr ein unabschließbarer Prozess des Suchens.
Es gibt in Sprachversagen ein paar Momente, in denen der Text, so
brillant und entsprechend hart und geschliffen er ist, plötzlich aufbricht,
sich öffnet. Er wird in aller Diskretion persönlich, denn es geht um die
Schreibexistenz eines "Ich", das gleichzeitig völlig anonym und ganz
subjektiv ist: "Wer schreibt, kennt die Scham - nicht nur als
Korrekturmechanismus in der Arbeit, sondern als (armes, unheroisches)
Bewusstsein vom eigenen Versagen am und im Leben."
Scham? Armes Bewusstsein? Versagen am und im Leben? Man hört diverse
Leitfiguren des Kulturbetriebs schon lachen, deren Schwierigkeiten sind das
nicht.
Die erbitternde, empörende oder niederdrückende Erfahrung von Versagen bei
hohen Ansprüchen ist das, was beide Bücher verbindet, und vielleicht erklärt
sich daraus der seltsame Ärger, mit dem teilweise auf Dieckmann reagiert wird;
denn hier wird ja offensiv an Glücks- und Erfolgsgeboten gerüttelt.
Dorothea Dieckmanns sprach- und kulturkritische Überlegungen sowie ihre
Auslotung der Schreibexistenz stehen nicht im leeren Raum, sie sind nicht völlig
neu, sofern sie sich an immer wieder totgesagten Begriffen und Werten der
"klassischen" Avantgarde orientieren; man kann sie in so oder so
verwandter Form etwa bei Jurek
Becker (Warnung vor dem Schriftsteller) oder bei Anne
Duden (Zungengewahrsam) finden. Trotzdem war die Lektüre von
Dieckmanns Essays eine Freude für die Rezensentin: Der Text kann nur so harsch
mit der Phrasenrede, mit der obszönen Zweifellosigkeit von Pseudoliteratur ins
Gericht gehen, weil er ganz offensichtlich immer noch die Erinnerung an ein
"Anderes" hat. Er weiß von der Schönheit und Integrität, die bei
der Arbeit mit Sprache aufscheinen kann.
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0904 LYRIKwelt © Freitag/Sabine Peters
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2.)
Sprachversagen.
Essay von Dorothea
Dieckmann (2002, Droschl).
Besprechung von Reinhard
Baumgart in Die Zeit:
Noch eine verlorene Generation
Mit Dorothea Dieckmann auf einem Trip durch die
Vergangenheit von Vierzigjährigen
Bekannte Gesichter, trüb und explosiv gemischte Gefühle. Eingefangen in einer Erzählsprache, die Satz um Satz mit nicht nachlassender Energie um höchste Präzision, gnadenlose Schärfe des Blicks und um eine Diagnose dieser Gruppe von Damen & Herren kämpft, allesamt vierzig, hoffnungsvoll immer noch aneinander gebunden, hoffnungslos längst auseinander gedriftet. Ein Zauberberg wird nicht aus diesem Treffen junger alter Gespenster dort oben in Waidmannsruh, eher eine neue, noch trostlosere, destruktivere éducation sentimentale, die Ausnüchterung von über Jahrzehnte gestauten Illusionen, Hoffnungen, Lebenslügen.
Nur ein einziger Fremder, ein dicker, beflissen freundlicher Kellner ist zugelassen in dieser geschlossenen Gesellschaft der dahingealterten Exabiturienten. 16 haben sich versammelt zum Klassentreffen, doch auch die drei Abwesenden sind gespenstisch präsent. Alle unermüdlich taxiert und sortiert von der Ich-Erzählerin Marie, Schriftstellerin natürlich, Großbürger- und Einzelkind, seitdem trotzig und wirr auf der Flucht vor ihrer Herkunft, aus allen frühen Prägungen und einer üblichen Serie von leidlich überstandenen Affären. Sie sieht die Welt durch eine Brille, überscharf, versucht sich auch selbst nicht zu verschonen, sondern rücksichtslos hineinzukopieren in dieses Gruppenbild mit Dame, und macht den Leser zum Komplizen ihres auf Erbärmlichkeiten spezialisierten Scharfblicks.
Bewunderswert der erzähltechnische Aufwand, mit dem Dieckmann alle Handicaps dieses auf die Einheit von Ort und Zeit eingeschworenen Romans angeht und meistert, wie sie anderthalb Dutzend aufflackernde Gesichter und Lebensläufe in Regie nimmt, diese Trieb- und Schicksalsbündel vor die Erzählkamera rückt, ranzoomt, wegschneidet, wieder erfasst, bis sie auch für uns unterscheidbar werden, mit ihren Haartrachten, gestischen Ticks, Redeweisen, Pullovern, Hosenträgern, Seelenschmerzen. Und unaufhörlich glitscht Vergangenheit hinein in diese Gegenwart auf Waidmannsruh, eine Schulzeit zwischen Pausenhof und Eduscho, die Turnstunde, das Kinodunkel, die ersten Kiffereien und Knutschereien. Man wollte immer schon anders sein als die anderen und doch genauso wie sie.
Überlebende Scheintote
Denn sie alle lebten schon damals - das ist so genau kaum je registriert worden in einem anderen Roman aus dieser nahen fernen Zeit, den mittleren und späten siebziger Jahren - lebten vom kulturellen Abfall der nächstälteren Generation, eingesponnen immer noch in eine sekundäre Welt aus Camus, Sergio Leone, Jim Morrison und Verena Stefan, aus I can't get no satisfaction oder Das kann doch nicht alles gewesen sein und She loves you, and you know you should be glad, aus Hasch und Ho Chi Minh. Leben aus zweiter, dritter Hand, doch hautnah nacherlebt, wie ganz echt. Zwischen den schon unerreichbaren 68ern und der nicht einmal ahnbaren Generation Golf ein paar Jahrgänge im Niemandsland.
Das alles ergibt sich kunstvoll wie nebenbei, denn der Roman und seine Erzählerin denken gar nicht daran, ihre Befunde hochzurechnen zu einer Psychosoziologie der kurz vor 1960 geborenen Jungintelligenzija. Beide haften immer nur an den herausgeschnittenen Gesichtern dieser Inas und Renates und Helgas und Hotschis, beobachten neue und alte Paarbildungen und unterscheiden scharf Männer- und Frauenrollen: die einen ewige Junggesellen, ob mit oder ohne Bindung, "softe Machos", die anderen schuftend in Karrieren oder Sozialfürsorge, versackt in Kinderglück, späten Notehen oder entschlossen feministisch. Zwischen allen Optionen, scheinbar in splendid isolation, Marie, eine schöne, zu allem und zu nichts entschlossene Erzählposition.
Splendid isolation? Solange der Roman in wilder Präzision wie auf der Stelle tanzt, in immer neuen Kameraschwenks das Gruppenbild abweidet, kann dieser Eindruck täuschen. Aber immer wieder rückt er eine seit über zwei Jahrzehnten abwesende Person ins Zentrum: Erdmute, die sich rechtzeitig, mit einem spektakulären Selbstmord verabschiedet hat aus ihrer Klasse, der Wirklichkeit und ihrer Generation, damit das Erwachsenwerden und Ende aller Traumtänzerei verweigernd. War sie beispielhaft mutig, konsequent oder nur hochmütig und feige? Es ist diese Frage, die mit den Überlebenden überlebt hat und sie immer noch aneinander bindet, weil keiner auf sie eine Antwort findet. Auch Marie, die Erzählerin, nicht: "Sie war die Erste, die mir gezeigt hat, wie man stirbt."
Denn da ist eine andere, fast abwesende, geistesabwesende Figur, der Schönste, der Unerreichbarste, mit dem die Erzählerin seit 20, 25 Jahren eine Rechnung offen hat: Richard, Objekt einer Liebesprojektion, die er damals nicht einmal wahrgenommen hat, die an ihm spurenlos abgeglitten ist. Das muss wiedergutgemacht, das muss abgegolten und gerächt werden. Es ist diese eigensinnige, fast unglaubwürdige Obsession, die Maries Erzählen und Dieckmanns Roman offenbar in Gang gesetzt hat und ihn über alle seine Beschreibungsorgien hinweg in Spannung hält, die seinen Zeittakt, den immer wieder abgezählten Countdown, von halbzehn bis elf, bis Mitternacht, dann ein und schließlich drei Uhr, auflädt mit Erwartung, bis zum jämmerlichen Finale.
Wir Leser ahnen längst, wenn auch nicht die hoffnungslos kluge Marie, dass diese kranke Liebe und verschleppte Rache ohne Genugtuung und Triumph, dass sie böse enden werden. Doch auf die schmuddelige Orgie zwischen Kloschüssel und Klorolle, mit der Dieckmann ihre Heldin schließlich abstraft, sind wir trotzdem nicht gefasst. Weder die Liebe noch die Rache noch eine zunächst lustvoll betriebene Fellatio gelingen, und Richard, der Schöne, Schlaffe, Unnahbare, wird dabei programmatisch in zwei Teile zerrissen, in einen bewusstlos agierenden Unterleib und einen egoman vor sich hindelirierenden Kopf. Obwohl er wie auch Marie ihre doppelte Hinrichtung überleben.
Sie redet sogar weiter, hängt an den fünften noch einen sechsten Akt, im heraufdämmernden Wintermorgengrauen: "In scharfen, klaren Bruchstücken lag die Wirklichkeit um mich herum." Da bleibt nichts mehr zu kitten, zu träumen. Der Roman inszeniert sein Ende als perfekte Trostlosigkeit. Die verlorene Generation, die er im Gruppenbild porträtiert hat, scheint nicht nur zeitgemäß, sondern fundamental gescheitert: versunken in emotionalen Miseren, ersatzweise trainiert in sexuellen Fertigkeiten, haben sie offenbar alle mit Leib und Seele verspielt.
Das kann doch nicht alles gewesen sein, möchte nun auch der Leser seufzen. Ein lückenlos brillant durchgeschriebener Roman wird nun abgefertigt mit diesem aschgrauen Showdown, der Damen & Herren nur wie Scheintote überleben lässt und die selbstmörderische Erdmute unverhofft rechtfertigt: Das alles, dieses mühsame Erwachsen- und frühe Altwerden, war doch die Mühe kaum wert. Also Vorhang zu und keine Frage offen?
Verwirrenderweise hat Dorothea Dieckmann in diesem Frühjahr auch einen Essay publiziert, einen im Wortsinn fulminanten Text, der also mit Blitz und Donner die literarische Szene erschüttern und erhellen soll. Mit Kafka und einer zur existenziellen Ikone hochstilisierten Bachmann als Kronzeugen wird hier ein emphatischer Anspruch an Literatur fomuliert, der so radikal und hochfahrend nur in der Hochzeit der literarischen Moderne galt: Schreiben als Entwurf einer Gegenwelt aus Sprache, dem Alltag und bloßen Sprechen abgetrotzt durch Sendungsbewusstsein, Martyrium, Selbstopfer. Vorgetragen wird diese asketische Kunstreligion mit einer glanzvoll pamphletischen Wut auf die marktgeile, triviale Verkommenheit gegenwärtiger Schreibkonzepte und Schreibpraktiken.
Man nickt, man staunt, bewundert und bleibt doch verwirrt. Denn Dieckmanns eigener Roman spielt sicher nicht mit in dieser großartig weltverneinenden und zugleich eine Gegenwelt erschließenden Sprachkunst einer längst legendären Avantgarde. Eher in jener menschenfreundlicheren Region, in die sich auch Ingeborg Bachmann zuletzt hineingewagt hat, als sie in ihren Simultan-Geschichten statt von Todesarten von Lebensarten und Überlebenden zu erzählen begann. Ob Dorothea Dieckmann, hätte sie das eingesehen, einen weniger auftrumpfenden Essay und einen schlüssigeren Roman geschrieben hätte? Und doch beweist auch dieser, dass sie unter den übersehenen oder verkannten Autorinnen heute, neben so vielen überschätzten, zu den allerbesten gehört.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0405 LYRIKwelt © R.B./Die Zeit