Sprachspeicher.
200 Gedichte von Thomas Kling als Herausgeber (2001, DuMont).
Besprechung von Cornelia Jentzsch in der Frankfurter Rundschau, 25.6.2002:

Hermes in der Mailbox
Poesiemodule: Thomas Kling betreibt in seiner spannenden Gedichtanthologie "Sprachspeicher" eine Spurensuche der sprachlichen und menschlichen Präsenzmomente

Ist eine Poesieanthologie nicht in erster Linie eine Probebohrung durch die Dichtungsschichtungen verschiedener Zeitepochen? Eine in einem bestimmten zeitlichen Moment vorgenommene Auswahl, ein originelles Angebot? So möchte wohl auch Thomas Kling seine Anthologie verstanden wissen, darauf verweist nicht zuletzt der Titel Sprachspeicher. Denn wie Kling im Nachwort schreibt, ist ein Speicher zwar ein "Aufbewahrungsort vor allem für Korn, ein Getreidespeicher, ein geschützter Platz für Grundnahrungsmittel, die dort gespeichert und aufgehoben werden" - und was sind Gedichte anderes als Grundnahrungsmittel? Ein Speicher bildet ferner einen "Raum unterm Dach für Dinge, die nicht mehr oder selten gebraucht werden, die ohne rechten Nutzen sind und ausrangiert werden können" - denkt man an die schrumpfenden Lyrikregale in den Buchläden, muss man wohl dieser Definition schweren Herzens beipflichten. Aber vor allem ist ein "Sprachspeicher" eines: Modul in dem permanent mit Klingelzeichen auf sich aufmerksam machenden mobilen Kommunikationsmittel Telefon. Ein Bauteil, das der vorübergehenden Aufbewahrung von Nachrichten dient. Die Betonung liegt auf "vorübergehenden", also zeitlich eingebundenen Informationen, und sie liegt auf "Kommunikationsmittel", also Rüstzeug, das sichert, dass man miteinander in Kontakt tritt und Nachrichten, Neuigkeiten, Fakten austauscht. Thomas Klings zuletzt erschienener Band, die Essaysammlung Botenstoffe, weist bereits daraufhin, dass Kling im Austausch von Informationen einen wesentlichen Bestandteil der Poesie begreift. Hermes, der "Botenstoffe verteilt" und dabei als "geistesgegenwärtiger Grenzüberschreiter" gilt, spielt eine zentrale Rolle im poetischen Gelände Klings.

Am unbedingten Gebrauchswert orientiert auch die Aufmachung der von DuMont herausgebrachten Gedichtanthologie, die "200 Gedichte auf deutsch vom achten bis zum zwanzigsten Jahrhundert" enthält und dazu anregt, das über dreihundert Seiten starke Bändchen und seinen Inhalt unkonventionell zu handhaben. Der mehr einer Schulheftfolie ähnelnde Schmutzumschlag und das handtaschenkompatible Format animieren den Leser, den Band lieber flexibel einzusetzen als ihn an repräsentativer Stelle im Bücherregal zu lagern. Ursprünglich bedeutete das Wort Anthologie ja "Blumenlese", abgeleitet vom griechischen Wort "anthos" für Blume oder Blüte und dem Wort "légein" für auflesen oder sammeln. Im Deutschen wird dieser Begriff etwa seit dem 18. Jahrhundert verwendet, bis heute scheint jedem Gebrauch der trügerisch verführende Duft einer kontemplativen Blütenlese quer durch den üppigen Garten der Poesie anzuhaften. Insofern ist es überdenkenswert, ob man die beschauliche Bezeichnung Anthologie nicht generell durch die aktivere Bezeichnung "Sprachspeicher" ersetzen sollte. Es gäbe noch ein paar Argumente mehr für diesen Wortwechsel. Ein mobiles Telefon hat zwangsläufig etwas mit gesprochener Sprache zu tun, Thomas Kling fordert seine Leser dazu auf, die Gedichte des "Sprachspeichers" laut zu lesen und "sie sprechend zu entziffern", "jedes Gedicht ist eine Sprachpartitur". Gedichte können auch, wie die auf dem Modul gelagerten Nachrichten, mehrfach abgerufen werden. Ja, sollten sie sogar unbedingt; "will man vom Gedicht etwas erfahren, muß man es mehrfach befragen", schreibt Kling im Nachwort, "es soll die Fähigkeit der Wandelbarkeit in sich haben . . . , dann wird es ein Wahrnehmungsinstrument."

Als Leser und Nutznießer einer Anthologie erwartet man nicht Vollständigkeit bei der Auswahl, auch nicht zwangsläufig die Bestätigung eines bereits vorhandenen Kanons, möchte also keinesfalls sein Bücherregal um eine demoskopische Statistik in Sachen Literatur erweitern. Warum sollten nicht auch Anthologien untereinander Zwiesprache halten, sich in Rede und Gegenrede infragestellen, mit Wertungsverschiebungen andere Sichten provozieren? So mag in Thomas Klings Auswahl für viele Leser das eine oder andere gewichtige Gedicht "vergessen", der eine oder andere Dichter ungenügend gewürdigt worden sein. Aber eines hat Thomas Kling auf alle Fälle vermocht: mit einer subtilen, präzisen Auswahl die energetischen Hochfrequenzen von Dichtung quer durch verschiedene Jahrhunderte spürbar werden zu lassen. Es gibt wenige Anthologien, die - ausgehend von den unterschiedlichsten Dichtern, ihren differierenden Tonlagen, weit auseinanderliegenden Ansätzen und den Bedingungen verschiedener Zeiten, in denen sie wirkten und wirken - ein solch homogenes, gleichwertiges Kraftfeld an Worten und Versen anbieten. Mitunter ist es fast unwesentlich, von welchem Autor die Gedichte stammen, klingen die einzelnen Stimmen doch paritätisch in diesem poetischen Chorwerk, für das man sich unbedingt die Zeit nehmen sollte, um es als ganzes anzuhören und einzuspeichern. Generös und der Absicht des gebrauchsorientierten Sprachpeichers entgegen klingt nur die Verlagsformulierung auf dem Buchrücken "Welche deutschsprachigen Gedichte brauchen wir für unser beginnendes Jahrhundert?" Thomas Klings Auswahl beginnt beim ersten der beiden überlieferten "Merseburger Zaubersprüche", einem der frühen schriftlichen Zeugnisse althochdeutscher Literatur. Die auf dem leeren Vorsatzblatt eines lateinischen Sakraments erhaltenen Notizen wurden zwar nachweislich im 10. Jahrhundert erst aufgezeichnet, stammen vermutlich aber aus heidnisch-germanischer Zeit. Die darin erwähnten "idisi" sind sowohl mit Walküren als auch mit Hexen oder Matronen eines Mutterkultes übersetzt worden. Kling überträgt dieses Wort ganz einfach mit "Frauen". Sprache wird in diesen ersten Zeugnissen deutschsprachiger Literatur noch pur geschätzt, sie ist das Unbegreifliche, das in ein wenig Schwarz auf Weiß gegossen wird und dennoch die Welt samt ihrer Bewohner zu beschwören und bannen vermag.

Die Auswahl des Herausgebers reicht über - natürlich - Walther von der Vogelweide, Gryphius, Schiller, Goethe, Hölderlin, Eichendorff, Heine, George, Rilke, Benn, Trakl, Brecht, Celan, Jandl, Mayröcker, Grünbein usw. usf. Aber Kling nimmt ebenso unbedingt Dichter aus den Randlagen des offiziellen poetischen Kanons in die anthologische Mitte: Oswald von Wolkenstein, Johann Michael Moscherosch, Kaspar Stieler, Quirinius Kuhlmann, Annette von Droste-Hülshoff, Ernst Blass, Christine Lavant, Johannes Bobrowski oder auch Bert Papenfuß. Kling ist als bekannter Provokateur nicht nur dazu quasi verpflichtet, sondern er beschäftigte sich ausführlich mit dem Werk dieser Autoren oder verwies zumindest auf diese Dichter in verschiedenen seiner Arbeiten.

Dem Herausgeber kommt es in den ausgewählten Gedichten nicht so sehr auf die weltumspannende, erklärende, ins Große zielende Geste an, sondern auf jenes Hervorpulsende, das sich in einer bedingungslosen sprachlichen und damit menschlichen Anwesenheit niederschlägt. Womöglich vermissen wird der Leser ein zu authentischer Zeitzeugenschaft gern aufgerufenes Gedicht wie Jandls "schtzngrmm", aber dafür wird er mit Jandls schön knallderbem Lobgesang auf die Gattung Mensch, "die scheißmaschine", entschädigt. Goethe sinniert nicht in großen Gedankenkaskaden, sondern er schleudert seinen Bannfluch "Aus Byrons Manfred", der die magische Urgewalt von Sprache hell und unheimlich phosphoreszieren lässt. Wenn Rilke in der zweiten Duineser Elegie fragt "Schmeckt denn der Weltraum, in den wir uns lösen, nach uns?", so kann man angesichts des in dieser Anthologie gespeicherten und fast körperlich spürbaren Zugegenseins von Poesie nur sagen, ja, auf alle Fälle. Thomas Kling besitzt ein feinnerviges Gespür für die Unterkellerungen der Sprache, dem tief in ihr Schürfenden, Atmenden, Brodelnden. Nicht von ungefähr zitiert er Stefan George: "tiefster eindruck, stärkstes empfinden sind noch keine bürgschaft für ein gutes gedicht. Beide müssen sich erst umsetzen in die klangliche stimmung die eine gewisse ruhe, ja freudigkeit erfordert." Dichtung erfordert nicht nur die Arbeit an der Sprache, sondern in jedem Fall mit der Sprache. "Ich wußte nicht, wie mir geschah, // Und wie das wurde, was ich sah", schrieb Novalis. Genauer lässt sich nicht in Sprache fassen, worüber sich nicht sprechen lässt. Dass Dichtung nahtlos an den Körper, an die Stimmbänder gebunden ist, ist als These so neu bei Kling nicht und durchzieht auch seine Auswahl. Die Sinnesfreunde und stimmliche Präsenz wird besonders in der frühen Dichtung sichtbar, ein Grund für Kling, sie ausführlich aufzunehmen; nicht unbedingt zum Platzvorteil späterer Dichter, unbedingt aber zum Vorteil der Anthologie.

Einige Zugeständnisse an einen allgemeinen Konsens macht Thomas Kling dennoch, und zwar dann, wenn er Gedichte aus dem Alt- und Mittelhochdeutschen übersetzt. Oder warum wird aus der "wolgetânen" Frau, die Heinrich von Morungen besingt, flapsig eine "supertolle" und aus Walther von der Vogelweides "mîn nâhgebûren" dann "die Szene"? Einleuchtend wird diese Drehung in die Aktualität eher bei "und gewinne künde", dass durch das "informiert", dem bezeichnenden Kommunikationsslogan der Moderne, ersetzt wird. Aber nicht nur Kling, auch andere Übersetzer wie Peter Wapnewski verfahren bisweilen recht frei, aus "ein kleinez vogellîn" schlüpft "die liebe Nachtigall". Ein wenig nachvollziehen kann man als Nichtfachmann das Original doch, und Zeiten lassen sich auch im eigenen Kopf und nicht nur im Wort davor transformieren.

"Der du dies liest gib acht; / Denn sieh, du blätterst einen Menschen um", schreibt Gertrud Kolmar auf Seite zweihundertdreiundfünfzig, diese Zeilen könnten ebensogut den Untertitel der Anthologie bilden. Gedichte sind noch immer und bleiben auch weiterhin Zaubersprüche, sie sind Sprachmagie von beschwörender Kraft, einzigartige Zeugnisse, von welchen Zeitepochen auch immer eingefärbt. Das zumindest wird in Thomas Klings Auswahl deutlich, und mehr kann eine Anthologie, bei allem für und wider, eigentlich nicht erreichen.

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