Sprache
von einem anderen Holz.
Roman von Evelyn Schlag (2008,
Zsolnay).
Besprechung von Michaela
Schmitz, 19.11.2008 im Deutschlandfunk:
"Krankheit, Männer, Schreiben" gibt die österreichische Schriftstellerin Evelyn Schlag in einem Interview als zentrale Themen ihrer Erzählungen und Gedichte an. Diese Grundmotive ihres Schreibens findet man auch in ihrem neuen Gedichtband "Sprache von einem anderen Holz". Das für die unter anderem mit dem Anton-Wildgans-Preis ausgezeichnete Lyrikerin zentrale Geschlechterverhältnis spiegelt sich hier in Liebeserfahrungen, aber auch in Natur- und Erinnerungslandschaften, Reise- und Kunsterlebnissen wider. In ihren Gedichten geht es nicht immer harmonisch zu - wie in der Liebe eben. Es sind Verse mit Kanten und Spänen aus einer "Sprache von einem anderen Holz".
"Sprache von einem anderen Holz" verspricht Evelyn Schlags
neuer Gedichtband. Ihre "Holzsprache" erinnert an die Vision einer Schatten-,
Wasser-, Stein-, oder Blättersprache in
Ingeborg Bachmanns Prosatext "Alles". Die Autorin widmet Bachmann im neuen
Gedichtband den Zyklus "Liegt Böhmen am Meer". Sie formuliert damit den Titel
des berühmten letzten Bachmann-Gedichts
zur Frage um. Signal für ihre zwischen Bewunderung und Abgrenzung schwankende
Faszination. "Ingeborg: Es reicht", ruft sie ihrer Kollegin im gleichnamigen
Gedicht flapsig entgegen. Im Zyklus "Zögernde Fernsicht" erscheint
Bachmann dagegen als glorifizierte
Lichtgestalt:
Ein Vorbild das unseren Horizont überstieg
keine Frage das gleißende Plasma
eines menschlichen Wesens wie wir keine Frage
(...)
Wir mündeten seitwärts von der Sonne in einen Weg
Dort sucht die Sprecherin auf Nebenpfaden nach der ihr gemäßen lyrischen
"Sprache von einem anderen Holz".
Viele Gedichte im neuen Band lassen sich als lyrische Auseinandersetzung mit
Ingeborg Bachmann lesen. Zentrales Thema
hier wie dort ist Sprache und wie sie unser Denken, Fühlen und soziales Handeln
prägt. Sprache unterscheidet und ist damit Bedingung jeglicher Erkenntnis, aber
auch Grund schmerzhafter Entfremdung. Dieser Ur-Konflikt wird von beiden
Schriftstellerinnen exemplarisch in der Beziehung zwischen Mann und Frau erlebt
und dargestellt.
Das Grundmotiv der Liebe ist mehr als ein spezifisches Merkmal weiblicher
Weltsicht. Im Liebesverhältnis lässt sich nicht nur die grundlegende
antagonistische Spannung der menschlichen Existenz emotional am stärksten
vermitteln. In der Zerreißprobe der Liebesbeziehung werden auch die feinsten
Nuancen zwischen Anziehung und Abwendung fühlbar. Evelyn Schlag findet dafür
ihre ganz eigenen Bilder von poetischer Intimität; wie hier:
Bis in den Herbst hatten wir uns nie anvertraut.
(... )
Im Winter werden wir wieder glauben es sind wir
die kleiner werden. Es ist die Sonne die sich weit
zurücklehnt. (...)
(...) Jetzt kennen wir uns
an den Unterarmen wo sich die Haut nicht schämt
Letztendlich, so Evelyn Schlag im Titel eines ihrer Romane, steht doch hinter
allem "Die göttliche Ordnung der Begierden". Sogar die Kunst wird vom Begehren
geprägt. In "Juwelen Brasiliens", dem ersten Zyklus des Bandes, macht die
Lyrikerin genau das sichtbar. Dafür nimmt sich Evelyn Schlag einige der
bekanntesten Meisterwerke der Kunstgeschichte vor. Egal, ob es sich um das
berühmte Selbstporträt Dürers, ein beliebtes Gauguin-Gemälde mit
Südsee-Schönheiten oder um das Martyrium der Heiligen von Corregio handelt:
Hinter jedem Kunstwerk verbirgt sich das Begehren. Beim grausamen Massaker an
der heiligen Flavia und ihrem Bruder Placidus lenkt die Betrachterin den Blick
auf das geheime Zentrum dieses Bildes, wo "des Mörders / entblößte linke Brust
die pralle Beere der Erregung zeigt."
Im "St. Petersburg Poem" wird die "männliche Stadt" zum Geliebten
personifiziert. Leidenschaftliche Liebesverse widmet eine Reisende der, nach
Dostojewski, "erfundensten Stadt".
(..) Hörst du wie mich friert.
Du bist nicht meine erste Stadt - bloß die erste
kalte die lächelt. Wir gehen durch einander hindurch.
Ich drücke dir fünf Blätter in die Hand. Plötzlich
wird mir klar - wie verfallen ich deiner Nadel bin.
Als "Undine" ruft sie aus dem Wasser: "In deinen Armen möchte ich als Ganzes
untergehen". Aber die mythische Wasserjungfrau wird am Ende betrogen und
erkennt: "Wer sich zu tief einlässt mit dir (wie dieser junge / Himmel) ist
selbst schuld wenn er blutet." Als Symbol für ein von Männern fremdbestimmtes
Wesen spielt die Wassernymphe auch in
Bachmanns Poetologie eine zentrale Rolle.
Die Auseinandersetzung mit Krankheit wird im Zyklus "Pathosverbot" zum
Liebesdialog mit dem Tod. Verse an den Geliebten sprechen von der Angst vor dem
endgültigen Verstummen:
Mit einem Halbsatz bin ich in diesen Schlaf
gegangen mit einem Schweigen erwacht.
Es ist kalt. (...)
Mir fehlt ein Stück und mehr von mir.
(...) Kein Alphabet mir eingeschrieben lag ich
aufgebahrt in Weiß anstatt in Schwarz wie du
mich liebst lag ich im eigenen Vergessen.
Im Zyklus "Die verlorenen Gärten von Heligan" geht die Autorin dem Zusammenhang
von Geschlechterverhältnis und Gewalt nach. "Auch Gott ist eben nur ein Mann"
denkt man bei der Lektüre des Zyklus' "Conditio divina", eine Liebesklage an den
abwesenden Gott. Alle Lebensbereiche gehorchen letztlich der "göttlichen Ordnung
der Begierden". Einigen weiteren wie der Zeit, Sprache, Heimat oder Natur spürt
Evelyn Schlag in den übrigen Zyklen des Bandes nach.
Ihre mal leidenschaftlich-poetischen, mal zornig-widerborstigen Liebesdialoge
sind vieles: poetologischer Diskurs und künstlerische Standortbestimmung,
Selbstgespräch und Identitätssuche, aber genauso Sprach- und
Gesellschaftskritik. Eins sind sie aber nicht: leicht zu lesen. Evelyn Schlag
zeigt die Gedichte als Werkstücke mit Kanten und Spänen in der ihr eigenen
"Sprache von einem anderen Holz".
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie auf der homepage von Michaela Schmitz und unter www.deutschlandradio.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0109 LYRIKwelt © Michaela Schmitz