Spieltrieb von Juli Zeh, 2004, SchöfflingSpieltrieb.
Roman von Juli Zeh (2004, Schöffling-Verlag).
Besprechung von Rainer Moritz in Neue Zürcher Zeitung vom 05.01.2005:

Die Obdachlosigkeit einer Langstreckenläuferin
Ambitioniert und überfrachtet - Juli Zehs «Spieltrieb»

Juli Zeh ist eine couragierte Autorin, die mit ihren Essays («Die Stille ist ein Geräusch») und ihrem Romandébut («Adler und Engel») zu Recht für Furore sorgte und mit Preisen überhäuft wurde. Und sie verzichtet dankenswerterweise darauf, ihr Talent nur in kleinteiligen Kurzgeschichten zu erproben. «Spieltrieb», ihr neuer, umfänglicher Roman, wurde von der deutschen Kritik in höchsten Tönen gelobt und in Grund und Boden verdammt, ja sogar als pornolastiges Hanni-und-Nanni-Remake denunziert.

Die Heftigkeit dieser Reaktionen hat in erster Linie mit Juli Zehs Anspruch zu tun. Die Versuchsanordnung, die sie in «Spieltrieb» aufstellt, verfolgt das Ziel, das Wertesystem der Gegenwart zu durchleuchten und ihr eine umfassende Diagnose zu stellen. Als Schaubühne dient das von privaten Mitteln getragene Ernst-Bloch-Gymnasium in Bonn, das sich insbesondere auf «schwierige Fälle» versteht. Dorthin hat es, im Jahr 2002, die 14-jährige Ada verschlagen, einen frühreifen Teenager, der die Zeit nicht mit Alcopops in Diskotheken verbringt, sondern literarische und philosophische Schriften liest.

«Überlebende der Postmoderne»

Ada rechnet sich zu den «Urenkeln der Nihilisten». Als «Zeitgeistdestillat» soll sie das Lebensgefühl einer Generation spiegeln, die mit moralischen Begriffen nichts mehr anzufangen weiss und deshalb nicht in die traditionellen Urteilsschemata ihrer Lehrer und Eltern passt. Adas (nicht selten altkluge) Kommentierungen des Weltenlaufs finden einen idealen Widerpart, als der Halbägypter Alev El Qamar an die Schule kommt. Auch er hat weitgehend «mit dem sozialen Leben abgeschlossen» und lädt seine Mitschülerin dazu ein, alles als ein Spiel zu sehen und dessen Regeln an einer von ihnen selbst geschaffenen Konstellation zu studieren. Als Opfer dieser Strategie wird der aus Polen stammende Deutsch- und Sportlehrer Smutek auserkoren, der Ada auf der Aschenbahn zur Langstreckenläuferin machen will.

Mit Geschick hat sich Juli Zeh diese Spielfigur ausgedacht. Der Pole Smutek hat nicht persönlich miterlebt, wie sich Jugendliche im Westen nach und nach ein «Visier der Blasiertheit» anlegten, um ihre «innere Obdachlosigkeit» (Georg Lukács lässt grüssen!) zu kaschieren. Der zynische, vermeintlich moralfreie Pragmatismus, den diese «Überlebenden der Postmoderne» an den Tag legen, ist Smutek fremd, und so ist er prädestiniert dafür, in Alevs Intrigenspiel hin- und hergeschoben zu werden. Man stellt dem sympathischen Lehrer eine Falle, und Alev schiesst heimlich Fotos, als es zwischen Ada und Smutek zum Turnhallenbeischlaf kommt.

Die ersten Spielzüge sind damit getan. Eine Erpressung schliesst sich an und lässt die Beteiligten ihren freitäglichen Ménage à trois fortsetzen. Mit einem kraftvollen Showdown endet das fürchterliche Treiben, und alle Beteiligten sehen sich vor Gericht wieder, unter den Augen einer versierten Richterin, die diese Mixtur aus Liebe, Gewalt und Nötigung nicht mit herkömmlichen juristischen Mitteln bestrafen kann und will. Die klassischen Werteordnungen der Gesellschaft und auch die Erklärungsversuche von Psychologie und Soziologie greifen nicht mehr, und es bleibt unentschieden, ob es je neue tragfähige Massstäbe geben wird, die die alten Regeln ersetzen und ein Gemeinschaftsleben nicht zum fortwährenden Terror machen.

Kaum ein deutschsprachiger Roman der letzten Jahre dürfte von so hoch gesteckter Ambition wie Juli Zehs «Spieltrieb» getragen sein. Hier geht es um nahezu alles, was die westliche Gesellschaft zuletzt bewegte, um die Anschläge auf die New Yorker Zwillingstürme, um das Erfurter Schulmassaker, um das «verletzte Herz» Osteuropas, um den Irak-Krieg und nicht zuletzt um den Versuch, diesen Zusammenbruch moralisch-politischer Konstruktionen intellektuell zu erfassen. «Spieltrieb» steht auf den ersten Blick in der Linie deutscher Schulleidensgeschichten, wie wir sie von Musils «Törless» oder Torbergs «Der Schüler Gerber» her kennen. Darüber hinaus verarbeiten Juli Zehs Protagonisten - bald offen, bald untergründig - Machiavelli, Nietzsche oder Derrida und breiten ein Netz aus Anspielungen aus, das an Alberto Moravias Roman «Die Gleichgültigen» und verwandte Ausformungen des europäischen Skeptizismus und Nihilismus erinnert.

Auslöser für Alevs Experimente sind spieltheoretische Überlegungen, die Robert Axelrod in seinem Buch «Die Evolution der Kooperation» dargestellt hat, und auch an Friedrich Schillers Formel vom befreienden Spieltrieb darf man getrost denken, wenn Alev behauptet, dass nur im Spiel «dem Menschen echte Freiheit möglich» sei. Übergrosser Lehrmeister für alle Gedankenübungen, die Juli Zeh und ihre jungen Helden machen, ist Robert Musil, dessen «Mann ohne Eigenschaften» sich Smutek kühnerweise als Klassenlektüre ausgesucht hat (und das in Zeiten, da «Ganztexte» im Unterricht kaum noch gelesen werden). Musils Romanfragment übt auf Juli Zeh offenkundig so mächtigen Einfluss aus, dass sie dessen zeitdiagnostischem Ehrgeiz nachzueifern sucht. Dialoge werden inszeniert, um Weltanschauungen miteinander zu konfrontieren, und immer wieder muss Adas «elaborierte Ausdrucksweise» dafür herhalten, den Antrieben ihrer auf Konsum fixierten Generation nachzuspüren.

Sprachballast

Es lässt sich nicht anders sagen: Die Liebe zu Robert Musils Romankoloss ist «Spieltrieb» nicht bekommen. So beeindruckend es auch ist, wie Juli Zeh alte und neue Ideologien in eine mit zahlreichen Klischeebausteinen bestückte Romanhandlung zu integrieren versucht, so nachhaltig einem die Figur der trotzig liebenden Ada in Erinnerung bleibt, so schrill tönt der sprachliche Aufwand, den Juli Zeh betreibt. «Spieltrieb» ist gespickt mit grauenvollen Metaphern und funktionslosen Personifizierungen, die nicht musilisch, sondern oft nur kapriziös und überladen wirken. Da erfährt die (14-jährige!) Ada eine «optische Divination», der sie mit «Augurenlächeln» begegnet; da erleiden wir die «Einmischung eines Hortensienbusches» und Sätze Adas, die «mit gesteigerter Feierlichkeit an der Aufrechterhaltung ihrer äusseren Persönlichkeit» mitwirken.

Obwohl sich Sprachballast dieser Art auf jeder zweiten Seite findet, lässt sich immer noch erahnen, welches Potenzial diese Schülertragödie in sich birgt und welche Gestalt sie ohne ein Musil-Zwangskorsett hätte annehmen können. Mit Juli Zeh über den Zustand der westlichen Gesellschaft zu streiten, wäre fraglos ein intellektuelles Vergnügen. Als Romanautorin jedoch bleibt sie hinter ihren Möglichkeiten zurück. Langstreckenläufern, die sich ihr Rennen falsch einteilen, geht auf der Zielgeraden die Luft aus - ein Schicksal, das mitunter auch Schriftsteller ereilt.

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