Spiele von Ulrike Draesner, 2005, LuchterhandSpiele.
Roman von Ulrike Draesner (2005, Luchterhand).
Besprechung von Birgit Nüchterlein in den Nürnberger Nachrichten vom 24.08.2005:

Ein Gefühl von Heimat
„Spiele“: Autorin Ulrike Draesner liest in Erlangen

In ihrem jüngsten Roman „Spiele“ verknüpft Ulrike Draesner die ganz private Geschichte ihrer Protagonistin mit einem welterschütternden deutschen Polit-Ereignis. Die Autorin liest am 28. August um 14.30 Uhr im Erlanger Schlossgarten.

Die Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte scheint jüngeren Roman-Autoren am Herzen zu liegen. Und so mancher Kritiker sieht die Besinnung auf die eigenen Wurzeln der Tatsache geschuldet, dass der Schriftsteller-Nachwuchs nichts mehr von sich zu erzählen weiß. Von Ulrike Draesner kann man das nicht behaupten. Auch die 1962 in München geborene Wahlberlinerin macht sich in ihrem Roman „Spiele“ daran, die Begriffe „Herkunft“ und „Heimat“ mit Inhalten zu füllen. Erzählstoff steht ihr dafür reichlich zur Verfügung — wenigstens für den größten Teil ihres fast 500 Seiten starken Buches.

Im Mittelpunkt ihrer kompakten Geschichte steht die erfolgreiche und welterfahrene Fotojournalistin Katja Berewski, die sich, ermüdet vom Job, eine Auszeit gönnt. Katja, Anfang vierzig, kehrt nach München zurück, in die Stadt, in der sie aufgewachsen ist, in der ihr Vater noch lebt. In München hofft die Unbehauste nicht nur eine Ahnung von Heimat zu finden, es gilt auch eine Herzensangelegenheit geradezurücken, die vor 30 Jahren in extreme Schieflage geraten ist. Die persönlichen Erfahrungen sind aufs Engste verwoben mit dem Geiseldrama, das während der Olympischen Sommerspiele 1972 die Welt bewegte.

Geschickt und spannungsfördernd, in bildreicher, immer dem Tempo der Ereignisse angemessener Sprache, changiert Ulrike Draesner zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Einfühlsam und in sicherer Kenntnis der damaligen Umstände und Befindlichkeiten — der erste Farbfernseher wird angeschafft, man spricht von den Sportlern der „Ostzone“ — lässt sie ihre Protagonistin als staunenden Teenager auf die bunte, aufgeregte und internationale Atmosphäre der Spiele reagieren. Dass zugleich Schicht um Schicht die Geschichte der polnischen Flüchtlingsfamilie Berewski freigelegt wird, verdichtet die Erzähl-Atmosphäre zusätzlich.

Katjas schmerzhafter Abschied von einer unbedarften Kindheit wird dazwischen nicht unterschlagen: Während des desaströsen Showdowns der Geiselnahme wird Katjas Freund Max, ein junger Polizist, schwer verletzt — und Katja fühlt sich schuldig.

Das tut sie noch als erwachsene Frau. Zurück in München, verbeißt sich die Journalistin in die Recherche, vergeblich bemüht, Max’ Rolle in der Katastrophe zu erhellen. Leider, möchte man fast sagen, lässt Ulrike Draesner sie dabei mit dem Bibliothekar Paul anbandeln. Denn fortan gerät die nur zäh sich festigende Beziehung zwischen zwei Menschen mit diametral unterschiedlichen Lebenserfahrungen in den Fokus, was die Geschichte insgesamt entschleunigt und unnötig längt. Ihre Berechtigung hat die spröde, manchmal betuliche Lovestory dennoch: Durch sie bekommt die umtriebige Hauptdarstellerin immerhin eine Ahnung davon, was es heißt, heimzukommen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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