Speckturm.
12 x 5 Intonationen zu Gedichten von Charles
Baudelaire von Oskar
Pastior (2007, Edition Engeler).
Besprechung von Carsten Schwedes aus dem titel-magazin,
2007:
Ideen-Echo aus achtzehntausend Entsprechungen
Oskar Pastiors posthum erschienener Speckturm
ist aus dem
knisternden Spannungsfeld von Sprachspiel und Erinnerung erwachsen und führt
noch einmal die ganze Bandbreite des Werkes des letztjährigen
Büchnerpreisträgers
vor Augen.
Wie weit trägt die Methode? - Diese Frage stellt sich unwillkürlich bei
jedem neuen Gedichtband von Oskar Pastior, denn ein Großteil seiner Buchveröffentlichungen
ist geprägt vom Durchexerzieren je eines dichterischen Verfahrens, von
Eigenschöpfungen wie den Gedichtgedichten und Wechselbälgern bis zu
tradierten, aber gemeinhin eher als abseitig betrachteten Formen wie Sestine,
Palindrom, Villanella oder Pantum. Dieser Vorliebe für ein poetisches
Regelwerk, das er so virtuos auszufüllen verstand, dass die so entstandenen
Gedichte eine Leichtigkeit vermitteln, die den oft langwierigen und komplexen
Schreibprozess vergessen machen, verdankt Pastior seinen Ruf als
Sprachspieler.
Und auf den ersten Blick scheint auch Speckturm, ein von Pastior vor
seinem Tod noch nahezu vollständig vorbereiteter und jetzt von Klaus Ramm
herausgegebener Band, dieses Bild zu bestätigen. Zwölf Gedichte aus
Baudelaires Fleurs du Mal werden darin unter Anwendung fünf
verschiedener Verfahren neu gestaltet; nachdem Pastior sich vor fünf Jahren
in o du roher iasmin in 43 Intonationen einem Baudelaire-Gedicht genährt
hatte, verbreitert er nun also die textliche Ausgangsbasis und reduziert die
Anzahl der literarischen Methoden. So beschränkt er sich auf Anagramme, auf
sich am Sprachklang der Vorlage orientierende Oberflächenübersetzungen und
auf buchstabengewichtete Gedichte, denen Pastior bereits sein letztes Buch, Gewichtete
Gedichte, gewidmet hat. Daneben stehen Texte, die in Prosa oder
Gedichtform assoziativ auf das mittels dieser Verfahren gewonnene Wortmaterial
Bezug nehmen.
Vielfältiges Sprachmaterial
Nun ist Anagramm nicht gleich Anagramm, wie auch ein Sonett Trakls nicht einem
Rilke-Sonett gleicht. Die verwendete Methode ist lediglich der Anstoß zum
poetischen Sprechen; ein Gedicht wird durch die gewählte Form mit
hervorgebracht, sei es nun durch Reim und festen Rhythmus oder durch
Umstellung der Buchstaben. Entscheidend ist das Ergebnis, nicht das Verfahren.
Und Pastiors Ergebnisse sind atemberaubend, schon allein dadurch, dass sie
jeden Leser an die Grenzen seines Wortschatzes führen. Er verwendet ohne Rücksicht
auf Sprach- oder Stilgrenzen alles, was sich im Lauf seines Lebens an
Sprachmaterial angesammelt hat. Darüber hinaus kreiert Pastior auch eigene
Ausdrücke, die nur lose an verschiedene europäische Sprachen andocken und
deren Bedeutung in der Schwebe bleibt zwischen dem, was im Wortmaterial
angelegt ist, und dem, was der Leser aus ihnen heraushört.
Aber nicht nur Sprachmaterial hat sich abgelagert in Pastiors Kopf, auch eine
Fülle von Personen- und Ortsnamen sowie diverse Kulturerzeugnisse findet sich
in Speckturm. Von Heines „Asra“ und
Goethes „West-östlichem
Divan“ geht es über Sonja Henie und dem von Pastior geschwänzten
Langemarckmarsch hin zu Schwägerin Dollys Ikre. So wird die Lektüre seiner
Gedichte zu einem wahrhaft enzyklopädischen Vergnügen für Leser, die solche
Anstiftungen zu ausschweifendem Herumstöbern lieben. Auch dies kennt man aus
Pastiors früheren Büchern, die kaum je ein abgeschlossenes Universum
bildeten, sondern Assoziationsräume öffneten. Also alles wie gehabt?
Enorme innere Spannung
Völlig offene Assoziationsräume neigen dazu, konturenlos und beliebig zu
werden. Und bloße Ansammlungen aus dem gemeinsamen kulturellen Erbe bieten
dem Leser zwar einen kontextuell bzw. sprachmusikalisch mehr oder weniger
interessanten Spielplatz an, lassen ihn aber mit sich und den Enzyklopädien
in einer Art solipsistischen Niemandsland sitzen. Lyrik kann mehr. Und auch
Pastior kann mehr. Deutlich wurde dies besonders in dem (ebenfalls von Klaus
Ramm herausgegebenen) Sammelband Jalousien aufgemacht, in dem sich
Pastiors Texte, nebeneinander gestellt, gegenseitig kommentieren.
Ähnlich miteinander verstrickt, wenngleich nicht typographisch parallelgeführt,
sind auch die Texte in Speckturm: auf die Oberflächenübersetzung mit
dem Titel „karbon knie sud ovar“, deren letztes Wort „Ofenrohr“
lautet, folgt der Prosatext „Das Knie mit dem Ofenrohr“, in dem Pastior über
seine Erinnerungen an das Erdbeben 1941 in Rumänien schreibt. Der berühmte
„Albatros“ regt Pastior zu Überlegungen über den Spracherwerb an. Die
Neubildung „Spongientanz“, abgeleitet aus Baudelaires „Correspondances“,
führt über Khatschaturians „Säbeltanz“ zu Rückblicken auf die Zeit von
Pastiors Deportation als Zwangsarbeiter zum Bau des Schwarzmeerkanals und
deren Nachwirkungen.
An solchen Stellen wird besonders deutlich, welch enormer innerer Spannung das
Werk Oskar Pastiors abgetrotzt ist. Einen Spannungspol besetzen seine persönlichen
Erinnerungen, mit denen er nie hausieren gegangen ist (und es auch gar nicht
gekonnt hätte?). Den anderen Pol nehmen Pastiors „Poesiemaschinchen“ ein,
die Methoden, die solche Texte im charakteristischen Pastior-Sound, aber eben
auch Kindheits- und Deportationserlebnisse, erst aus ihm herauszuholen
scheinen. So etwa in dem Palindrom „gulagalug“ oder dem „weichbild mit
lazarettzug im karpaten-panorama 1942/1943“. Und die Passage „Asras
Vokalstruktur wandelte ja am Kanal. Und am Kanal hieß in den Fünfzigern für
immer – vom Kanal kam man nicht zurück; wer trotzdem am Kanal gewesen war,
schwieg wie ein wandelnder Leichnam“ zeigt in für Pastior ungewöhnlicher
Offenheit, wo der Grund für seine Zurückhaltung bei Äußerungen über seine
Vergangenheit zu suchen sein mag.
Wie weit reichen die Ohren?
Diese Spannung zwischen Verbergen und Offenbaren spiegelt sich auch in
Pastiors ambivalenter Haltung zum Begriff des „Sprachspiels“ wider:
verteidigte er ihn vehement im Nachwort des Bandes o du roher iasmin
von 2002, so lies er ihn in seiner Büchnerpreisrede, die er leider nicht mehr
selbst vortragen konnte, nur als Notbehelf gelten, der vieles ausblendet.
Neben denjenigen, die Pastiors Texte gemäß der Leitfrage der experimentellen
Literatur als Wege zum Verstehen des Verstehens ansahen, gab es immer auch
Leser, für die der Weltbezug dieser Gedichte relevant wurde, wie etwa die
Geburtstagsgrüße von Thomas Kling zu Pastiors Fünfundsiebzigsten zeigen.
Wie weit reichen die Ohren? Weit genug, um in diesen virtuosen Gedichten auch
die leise Stimme der Mnemosyne zu hören? In Speckturm hat Oskar
Pastior jedenfalls deutliche Markierungen gesetzt, um das gesamte Spektrum
seiner Poesie auszuhorchen.[...diese und weitere
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