Später Spagat von Robert Gernhardt, 2006, S. FischerSpäter Spagat.
Gedichte von Robert Gernhardt (2006, S. Fischer).
Besprechung von
Martin Krumbholz in Neue Zürcher Zeitung vom 16.08.2006:

Kunst des Ausgleichs
Robert Gernhardts «Später Spagat»

Ein letztes Mal übt Robert Gernhardt in diesem postum erschienenen Band – der Dichter starb am 30. Juni – den Spagat mit Stand- und Spielbein; die Versöhnung von tödlichem Ernst, heiterer Zerknirschung und tolldreistem Jux. Noch einmal macht er sich frotzelnd über seine Kollegen her («Querüberntisch Durs Grünerbein / nagt still an seinem Hühnerbein») und schaut gelassen dem krankheitsbedingt sich nahenden Ende entgegen, wie in dem Achtzeiler «Vom Gewicht»: «Trägst den Tod in dir? / Trägst schwer. / Tod ist nicht irgendwer: / Wiegt. // Stirbst wie nur je ein Tier? / Nimms leicht. / Tod wird durch nichts erweicht: / Siegt.»

Diese Verse sind in ihrer lapidaren Art kaum zu überbieten. Das Gewicht ihres Sujets wiegen sie durch die Eleganz ihrer Form auf, als könne die filigrane Textur die Wucht der Aussage bremsen. Und so ist es ja auch: Nie fühlt der Leser sich durch ein Gernhardt-Gedicht «erschlagen» oder subtil beschämt; er behält alle Freiheit, ohne sich je unterfordert zu wissen. Denn artistisch zieht dieser Autor alle Register. Und wenn Humor eine Gabe der richtigen Mischung aus hellen und dunklen Empfindungen ist, eine Kunst des Ausgleichs, ist Gernhardt ein Humorist von Gnaden.

Es kommt ihm nicht darauf an, das Bewusstsein von der Schwere der Existenz zu verdrängen, sondern es anzureichern mit einer befreienden Leichtigkeit der Wahrnehmung und der Gestaltung. Der spielende Mensch, den Schiller feiert, triumphiert auch hier. Der Reim ist dabei nur eines von vielen Mitteln – vielleicht das prominenteste –, Sprache zu gestalten. Den Umgang mit ihm führt der Dichter souverän vor, mit allen Freiheiten der Abweichung vom erwarteten Schema: Wo der Reim sich nicht flugs fügt, wird er mit ein paar festen Tritten in die Knie gezwungen. In dem vor bacchantischem Übermut förmlich aufjauchzenden Gedicht «Ein breiter Reiter», in dem der ewige Konflikt zwischen Trunksucht und Liebeslust durchgespielt wird, reimt sich auch einmal ein lexikalisch unbekanntes «runst» auf die besser bekannte «Brunst», während, offenbar aus Gründen der ausgleichenden Alliteration, der Braut vor dem Trunkenbold nicht «graut», sondern nur mehr «raut».

Ein anderes erquickendes Mittel, das Gernhardt liebte, ist die Vokalvertauschung. Was wir unter «Hilbso-Schlamm» zu verstehen haben, muss schon eine Fussnote erklären; gemeint sind also: die kühlenden Heilschlamm-Gruben «unweit des Städtchens Hilbso». Aber wo dieses wohl liegt? Vielleicht irgendwo im Dunstkreis des Olymps, wo Robert Gernhardt nun ausruht von den Mühen des Dichtens, im kühlenden Heilschlamm hoffentlich, und letztlich doch denkt: «Alles halb so schlimm!»

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0906 LYRIKwelt © NZZ