Späte Reise.
Roman von Joochen
Laabs (2006, Steidl)
Besprechung von Mario Scalla in freitag
vom
21.7.2006:
Ankunft und Abschied
Erdig. In
Joochen Laabs' Roman "Späte Reise" steckt der Erzähler zwischen zwei
Welten
Lange ist es her, dass die Eisenbahn eine
relevante Rolle in der Literatur spielte. Ende des 19. Jahrhunderts war eine Blütezeit
dieses Motivs, nicht nur um Themen wie die Beschleunigung des Lebens und seine
Durchdringung mit technischen Apparaten zu beschreiben. Der Amerikaner Frank
Norris demonstrierte, wieweit die Bahn und mit ihr die Organisation der
nationalen Mobilität das ökonomische und politische Leben beeinflusst. In
seinem Werk Oktopus gruppierte sich das Big Business um diesen Industriezweig
und betrieb en passant den Ruin kleinerer, untergeordneter Industriezweige.
Schnell sickerte das Motiv in den Unterhaltungsbetrieb, und ist über Hitchcock
und Agatha Christies Orientexpress im Mainstream des Blockbuster-Kinos
angekommen. In Steven Spielbergs Krieg der Welten rast ein brennender
Hochgeschwindigkeitszug durch die amerikanische Gemeinde. Womöglich ist das ein
Bild für den Kasinokapitalismus und die Brandherde, die er überall auf der
Welt verursacht. So genau ist das nicht zu sagen.
Jedenfalls ist mit der Bahn literarisch kein Staat mehr zu machen. Mobil sind
wir erstens sowieso, und zweitens müssen wir es gar nicht mehr sein, weil es ja
das Internet gibt. Nun kommt aber der 1937 in Dresden geborene Joochen Laabs und
schreibt einen Roman, in dem die gute alte Straßenbahn eine tragende Rolle
spielt. Klar, denkt man, die DDR und die Langsamkeit, vom Westen überrollt, wo
einst die Straßenbahn bedächtig klingelte, rauschen heute die Limousinen
vorbei.
Aber ganz so einfach ist es nicht. Der in Dresden aufgewachsene Ich-Erzähler
wird nach dem Untergang der DDR in eine kleine Gemeinde namens Kaisersaschern
beordert. Als ausgebildeter Ingenieur und ehemaliger Straßenbahnfahrer soll er
überprüfen, welche Straßenbahnen ökonomisch überflüssig sind. Im Zuge
seiner Ermittlungen muss er allerdings herausfinden, dass das, was ökonomisch
zweifelsfrei sinnlos ist, bezogen auf das Leben einer kleinen Gemeinde geradezu
unentbehrlich sein kann. Der Erzähler erlebt, was passiert, wenn distanzierte
Einschätzungen mit gelebten Erfahrungen kollidieren.
Wie kann es nun sein, dass ausgerechnet dieser Erzähler in der Lage ist, seine
Wahrnehmung und sein Denken den Verhältnissen anzupassen, also so etwas
Altmodisches zu tun, wie zu lernen oder sich überzeugen zu lassen?
In Rückblenden wird das Leben in der DDR erzählt, erste Liebe, erste
Schwierigkeiten mit der Bürokratie, Sympathie für den Sozialismus mit
menschlichem Gesicht und ansonsten viel Alltag, gemischt aus Erfolg und
Frustration - das klingt, außer in der Episode mit den Panzern in Prag nicht
aufregend, und Diktion und Sprachrhythmus leiten bedächtig von einem Satz zum nächsten.
Wenn der Erzähler durch die Landschaften streift, ähnelt er fast ein wenig
Georg Forster, der zwei Jahrhunderte zuvor den Niederrhein durchschreitet, die
Beschaffenheit des Bodens und die Besonderheiten der Natur sondiert.
Landschaften und Straßenbahnen sind seine Sache, und beides sorgt dafür, dass
die Passagen, die vom Leben in der DDR berichten, einen dezidiert erdgebundenen,
solide handwerklichen, zuweilen sogar erdigen Grundton bekommen.
Natürlich wird später der Fall der Mauer zentral. Aber Laabs wählt nicht das
Genre des Wenderoman, sondern begibt sich fluchtartig in die Vereinigten
Staaten. Im bürgerlichen Trauerspiel wäre ein deus ex machina erschienen, oder
ein von diesem ausgesandter Bote, der den rettenden Brief oder die nötige
Barschaft übergibt. Hier ist es Fred, Freund einer Cousine, der die Einladung
an eine Universität in Iowa vermittelt und dafür sorgt, dass der Erzähler den
heimischen Aufregungen entfliehen kann. Wenn schon Ankunft im Westen, dann auch
gleich im richtigen Westen, diese Konsequenz, mit der einer aus Dresden oder
Kaisersaschern direkt nach New York und dann weiter nach Iowa katapultiert wird,
lässt Späte Reise aus der literarischen Produktion der Gegenwart herausragen.
Der Flug in die Vereinigten Staaten, die neue Reisefreiheit sind die Erfüllung
eines schon als Kind gehegten Traumes - das ist Ost-Realität und Klischee
zugleich. Originell ist die Wendung, die dieses Motiv hier erhält. Ein
unabweisbares Gefühl ist das des Verlustes. Nie zuvor konnten die meisten Länder
besucht werden; doch auf einmal schleicht sich der Gedanke an den Erzähler
heran, ob darin nicht womöglich auch ein Vorteil liegen könnte. Auf diese
Weise hat er jetzt den ersten und dazu einen unverfälschten Blick auf ein gänzlich
neues Land. Die ersten Seiten des Romans, auf denen der Autor den Flug ins
Unbekannte beschreibt, gehören zu den besten Passagen des Buches.
Wie in diesem, so ist es auch in anderen Fällen: Es geht um die Herstellung
einer Gefühls-Balance. Überraschend gesellt sich der Trauer und der
Melancholie über das, was verpasst wurde, die Freude am Neuen bei. Man könnte
es die Entdeckung der Gegenwart nennen. Der Autor beschreibt auf überzeugende
Weise, wie sie von einander widerstreitenden Zeiterfahrungen durchzogen wird.
Die Erfahrungen in Amerika fügen etwas anderes hinzu. Ist die Situation in der
DDR durch eine stete Erdung, allein schon durch Beruf und Handwerk, gezeichnet,
kommt diese Dimension in den USA komplett abhanden. Es wird luftig auf dem
Campus. Der Erzähler mutiert zu einem Zeitzeugen, dem die amerikanischen
Gastgeber zuflüstern, was zu sagen günstig wäre, welche Metaphern über das
Gefühl, an einem Wendepunkt der Geschichte zu stehen, ankommen werden. Zwischen
DDR und USA gibt es keine Mitte mehr, das eine ist verloren, das andere nicht
recht wirklich, mehr eine Mischung aus realen Personen und Medienkonstruktionen.
Die Nebenfiguren sind nicht weniger seltsam als die Bewohner des
Staatssozialismus, lediglich auf andere Weise absonderlich.
Für den Erzähler ergibt sich nun die besondere Schwierigkeit, seine Position
zu bestimmen. Er steckt zwischen zwei Welten fest und ist nicht einmal mehr über
die Ereignisse in Deutschland auf dem Laufenden. Eine Stimmung des
Getriebenseins durchzieht dieses Buch; sie ist nicht einmal negativ konnotiert,
eher deutbar im Sinne von Überraschungen, die auf jeder Etappe des Lebens
warten. Laabs ist angetreten, die Reize einer späten Reise zu entdecken.
Ankunft in einem, Abschied von einem anderen Land, das alles wird zu einem
Klischee angesichts neuer Erfahrungen, die es jetzt möglich machen, neu über
die alten nachzudenken. In diesem Roman wechseln die Amerika-Kapitel sich mit
denen ab, in denen das Leben in der DDR erinnert wird. Beides gehört zusammen,
so wie die amerikanische Sicht auf die sozialen Umwälzungen in Deutschland und
frühe, zu Ulbrichts Zeiten gehegte Reiseträume miteinander kommunizieren.
Laabs kombiniert unterschiedliche Zeiten, verschiedene Zeiten zu einem
hervorragenden Roman, der vieles, was zum Klischee geronnen ist, wieder in
Bewegung versetzt.
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