Sozusagen Paris von Navid Kermani, 2016, HanserSozusagen Paris.
Roman von Navid Kermani, (2016, Hanser).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 29.9.2016:

Navid Kermani und die Liebe als Gedankenspiel
Navid Kermanis neuer Roman „Sozusagen Paris“ erzählt die Geschichte einer Schulhofliebe, 30 Jahre später: Das ist klug konstruiert, aber leider blutarm.

Bevor Navid Kermani als Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels eine mitreißende Rede hielt, bevor er mit seinem „Ungläubigen Staunen“ über das Christentum einen Sachbuchbestseller landete und bevor er als geheimer, parteiübergreifender Bundespräsidentenkandidat gehandelt wurde, kurz: bevor er der öffentliche Denker und Versöhner wurde, dem man schier alles zutraut – schrieb er einen kleinen Roman mit dem Titel „Große Liebe“. Es ging um einen 15-Jährigen und die „Schönste des Schulhofs“, es ging um Anti-Atom-Demos, Wohngemeinschaften, Räucherstäbchen, das alles in einer bundesrepublikanischen Stadt, die Kermanis Heimatstadt Siegen ähnelte.

Eines Tages liest Kermani aus diesem Roman, im Publikum: die Schulhofliebe. Man spricht, trinkt Wein, er begleitet sie nach Hause – in ein Heim, in dem leere Chipstüten von Kindern zeugen und der Ehemann oben im Büro sitzt (beleidigt). So beginnt eine lange Nacht und Navid Kermanis neuer Roman „Sozusagen Paris“, von dem der Ich-Erzähler im Roman stets spricht als „der Roman, den ich schreiben werde“: Die Gegenwart ist zugleich Vergangenheit, die Wirklichkeit nur erzählt, und ewig funkt der Lektor dazwischen. Was für eine ungewöhnliche, ja tollkühne Konstruktion!

Und was passiert? Nichts. Denn es geht gar nicht um die Liebe nach 30 Jahren, sondern um die Liebe in 30 Jahren: um die Ehe der Schulhofschönsten. In dieser betrunken, bekifften, zerredeten Nacht schüttet sie dem Erzähler ihr Herz aus. Hinter ihr im Regal stehen zufällig jene französischen Liebesromane des 19. Jahrhunderts, die als literarischer Bezugsrahmen dienen – so, wie einst die Schulhofliebe mit islamischen Liebesmystikern erblühte. Das führt zu interessanten Erkenntnissen, etwa über das Motiv der Sehnsucht bei Proust oder das traurige Schicksal von Berthe Bovary, Madames vergessener Tochter. Die Vergleichsgrößen aber verdeutlichen, wie blutarm Kermanis eigene Fiktion daherkommt (nein, da hilft auch der Tantra-Sex nicht, von dem die Jugendliebe schwärmt). Dies ist kein Roman über die Ehe, sondern ein Roman über Eheromane, ein kluges Gedankenspiel. Nur leider zu verkopft, um zu berühren.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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