So viel Euphrat zwischen uns.
Gedichte von Amal al-Jubouri (2003, Friedenauer Presse).
Besprechung von Carsten Hueck in Neue Zürcher Zeitung vom 27.04.2004:

Verführerische Trugbilder
Ein Gedichtband der Irakerin Amal al-Jubouri

Die Geschichte der modernen arabischen Lyrik ist gerade fünf Jahrzehnte alt, ihre Wahrnehmung im deutschen Sprachraum noch weitaus jünger. Joachim Sartorius, Lyriker und Herausgeber, war der Erste, der 1995 in den «Atlas der neuen Poesie» zeitgenössische arabische Dichter aufnahm. Er ist auch an der Auswahl der Gedichte der irakischen Lyrikerin Amal al-Jubouri beteiligt, die im kleinen Berliner Verlag Friedenauer Presse erschienen: «So viel Euphrat zwischen uns».

Antagonismen

In Bagdad geboren, studierte Amal al-Jubouri Anglistik - wie zuvor in den 1940er Jahren ihre Landsleute, die Begründer der modernen arabischen Lyrik, Nazik al-Mala'ika und Badr Shakir as-Sayyab. Den ersten Gedichtband veröffentlichte sie als Neunzehnjährige, 1986 in ihrer Heimatstadt. Im jordanischen Amman 1994 den zweiten. Drei Jahre später ging die Autorin ins Exil nach München. Wie viele junge Intellektuelle ihrer Generation wollte al-Jubouri, die im Fernsehen ein eigenes Kulturprogramm gestaltet hatte, unter den Beschränkungen der Diktatur und den Folgen zweier Kriege nicht mehr arbeiten. Ihr dritter Lyrikband, «Eheduanna, die Priesterin der Verbannung» (London 1999), erhielt auf der Beiruter Buchmesse den «Preis für das beste arabische Buch». Sechsundzwanzig Gedichte aus diesem und dem darauf folgenden Band «Schleier» (London 2003) liegen nun in deutscher Übersetzung vor. Sie sind zwischen drei Seiten und zwei Zeilen lang. Das jüngste datiert den Tag des Einmarsches amerikanischer Truppen in Bagdad: «Baghdad . . . Deine Leute haben dich barbarisch geliebt / Denn du bist Henker und Opfer / sie tauschen deinen Tod / gegen das Verschwinden des Tyrannen ein / (. . .) / Jetzt bist du für die Eroberer nicht weit / doch weit bist du, sehr weit für die Liebenden.»

Wie diese sind die meisten der Verse Amal al-Jubouris gekennzeichnet von Antagonismen. Sie thematisieren das Exil in der Heimat, später das in der Fremde. Deutlich sprechen sie von Kummer, Schande und Verlust. Aber auch von Hoffnung und Widerstand des lyrischen Ichs. Im Subtext spürbar immer die Zerrissenheit der Autorin. Ihr Wunsch nach Verschmelzung, ihre messerscharfe Skepsis. Ihre Selbsterhöhung gegen die Verzweiflung: «Ich sammelte in meinen Augen die Tränen derer, deren Liebste in Kriegen starben / und mein Gesicht verkündete die Wiederkehr der Sintflut.» Wie es um dieses grandiose Ich, das sich zumutet, die Tränen eines ganzen Volkes, der Menschheit gar zu weinen, tatsächlich bestellt ist, kann der Leser nur ahnen. Amal al-Jubouri bieten Länder und Menschen keine Gewähr für Heimat. Als Frau in einer patriarchalischen Kultur, als Intellektuelle in einer Diktatur, als Irakerin im Westen ist sie per se die Andere. So proklamiert sie Dichtung als möglichen Aufenthaltsort, das Wort als Befreier vom Fremdsein. Als Identitätsstifter. Die Autorin stilisiert sich zur Hohepriesterin, schreibt sich vom kultisch-religiösen Ursprung der Lyrik her. In einem der Gedichte tritt sie mit der Stimme der Enheduanna, Priesterin und erste namentlich überlieferte Dichterin überhaupt, in Dialog mit Goethe: «Ich bin eine Wilde, o Okzident / doch habe ich keine Furcht im Herzen. Ich bin die Priesterin des unermesslichen Schmerzes / (. . .) / Die Fremde in deinem Haus / Die Herrin der Klage in meinem.»

Selbstbewusst gibt sich hier das lyrische Ich, kämpferisch im Leid. Emanzipiert im Dialog der Kulturen. Es ist erhaben, weiblich und einsam. Auch durch die Geographie der Geschlechter. «Hier wie dort ist Liebe / ein wertloses Gut / das in der Lust Adams wächst / und im Herzen Evas vergeht.» Zwar schildert al-Jubouri fragile Momente des Glücks in Begegnungen von Mann und Frau, doch tragen sie immer die eigene Negation in sich. Sind verlässlich nur in ihrer Dialektik. «Vielleicht / sehne ich mich nach Ketten von dir / doch belebend ist die Freiheit von dir.»

Selbstbehauptung

Aus der Radikalisierung ihres Andersseins gewinnt al-Jubouri Stärke. In ihrer Poesie verbindet sie Tatkraft mit Sensibilität, Reichtum des Ausdrucks mit einem direkten Ton. Zur Selbstbehauptung eines Ichs, das stellvertretend für die Gattung leidet, liebt, klagt und kämpft. Auf Du und Du mit alten Göttern, im sufischen Verlangen nach dem Geliebten kann sie von menschlichen Defiziten und Zweifeln sprechen. Typisch für ihre Verse ist die Verbindung von Mystik und Intellektualität. Die Literatur des alten Mesopotamien inspiriert sie ebenso wie das Werk Goethes oder Tagesereignisse. Anthrax und Lotosbaum, das brennende Bagdad, Lottoscheine und das Reittier des Propheten Mohammed sind gleichermassen Elemente ihrer Dichtung.

Amal al-Jubouri schreibt sich zuletzt an deren Grenze. Zelebriert und dekonstruiert sie. Manchmal in nur einem Vers, mit trockener Härte. «Buchstaben vermischten sich mit mir / Worte sind meine Handschellen, mein Gefängnis.» Mit ihrer sprachlichen Kunst erschafft und widerruft Amal al-Jubouri die Hoffnung auf eine (bessere) Welt der Dichtung. «Mein Gedichtband ist ein Friedhof / die Gedichte Gräber in verschiedenen Körpern / auch Länder und Geschichten / Pfeile, gespitzt mit Phantasien, die wirklich scheinen / und mit Versprechen, die Trugbildern gleichen.»

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