So und nicht anders von Günter Kunert, 2002, HanserSo und nicht anders.
Gedichte von Günter Kunert (2002, Hanser).
Besprechung von Jürgen Verdofsky in der Frankfurter Rundschau, 14.11.2002:

Entfesseltes Gedächtnis
Kaddisch für gestorbene Wörter: Ein Band mit neuen und altbewährten Gedichten von Günter Kunert

Günter Kunert kann nicht anders, er schreibt über deutsche Vergangenheit, auch wenn der Vers zerbirst: "Bevor die Feierlichkeit beginnt / steigt ein Herr im grauen Dreß / aufs Dach und streut ein paar Körnchen / Ewigkeit durch den Schornstein / Dann reißt der Film / und überläßt uns unserem Schicksal / das im Verstummen besteht." Nach dem Mord, treten sie wieder auf die Straße, grüßen freundlich die Überlebenden. Der Mord bleibt in der Welt und die Mörder auch. Und alle haben nichts gesehen, nichts gehört und schon bald ist das Reden über den Mord eine Zumutung. Was Moral-Keulen sind, wissen auch Barbaren und das BGB ist für Massenmord nicht ausgelegt, alles führt zurück in die Ordnung. Was bleibt einem Dichter, der seine Nächsten nach Theresienstadt verabschieden musste? "Gewißheit besteht / über einige Knöpfe: die / sind fest angenäht / über Kreuz mit schwarzem Zwirn / vom linken Revers halb verdeckt / ein gelber Stern // das ist alles."

Günter Kunert, 1929 in Berlin geboren, "da wo es am berlinischsten ist: in der Chausseestraße", muss sich in den Anblick dieses Lebens finden. In seinen Gedichten sieht er die Welt des Willens von ihren Enden her - "und dennoch würde ich gern einmal / meinen Eltern wiederbegegnen." Wenn Kunert jetzt nach über fünfzigjährigem Schreiben mit So und nicht anders die Sammlung ausgewählter und neuer Gedichte vorlegt, lässt sich sagen: Seine skeptische Sicht ist beständig. Die Hingabe an ein "Neu-Beginnen" in dem Kostüm Stalins war kurz und nie vollkommen. Auch den Aufklärungs-Gestus von Brecht oder den dunklen Habitus Benns hat Kunert mehr gestreift als angenommen. Schon als er noch ein "Sucher eines Weges / Für mehr / Als mich" ist, hält er bereits Abstand, der es ermöglicht, kühlen Kopf zu bewahren. Sehr früh ist das Eis zu dünn, auf dem er seine Kreise dreht. "So rasen wir / Mit dem Pferdeschlitten über das Eis und / Um die Wette mit dem was / Rasend unter uns / Zergeht."

Es sind nicht nur die Zumutungen von Parteigerichten, sondern namentlich die Denunziationen der Zeitgenossen, die Kunerts letztes Weltvertrauen schwinden lassen. Dieses deutliche Gefühl der Fremdheit, diese zweifelnde Reserve lässt sich nicht mit Lebensangst verwechseln. Wenn in Kunerts poetischem Kosmos die Erlösung keinen Raum gewinnt, "mit Gott sind wir quitt", heißt das noch nicht, man könne den Dichter als tiefschwarzen Fatalisten eingeordnet halten. Das Wort kommt bei ihm weder aus einer Grundverzweiflung noch aus versenkter Betrachtung, es hat einfach etwas gekostet im Leben. Doch Kunert "droht" uns in den Gedichten nie mit "seiner" Geschichte. Auch nicht, wenn er den Golem, das Fabelwesen der Kabbalisten, umgehen hört. "Der Verfolger / ist ein Koloß / seine Ferse rostiger Schorf / sein Gesicht abwesend / sein Gang unaufhaltsam / besonders an manchen Tagen." Der gefallene Angelus novus der Geschichte zwingt den Dichter einfach, ohne glanzvollen Weltentwurf weiterzuleben. Über Clio, die Muse der Geschichte, schreibt er: "Begegnet bin ich nur / einem kleinen Tier / angstvoll und momentweise / wie aus Träumen erschaffen / die man besser vorm Erwachen / vergißt." Auch wenn Kunert als Einzelner ein Frieren im Heideggerschen Sinne verspürt, ist er kein Schmerzensmann. Melancholiker bestimmt, aber doch nicht so, dass sich daraus eine poetische Depression rezensieren ließe, wie es immer wieder geschieht. In der Not gibt es zwar dunkle Lieder für das Singen im Keller. Aber wer genauer hinsieht, wird bei Kunert auch die Kunst der Kontextglosse entdecken. Von Anfang an und selbst bei den ernstesten Dingen. Schon als die Davongekommenen aus den Trümmern kriechen und sagen: "Nie wieder. // Jedenfalls nicht gleich." Und wenn die wiederbewaffnete Gesinnungs-Polizei den "Belagerungszustand" ausruft, höhnt Kunert mit sehr heller Stimme: "und vorm Hause drei Autos / Stunde um Stunde / im Fonds Marx Engels Lenin Stalin / ad usum Delphini // Sie kommen direkt aus dem Hauptquartier / der Utopie in Berlin-Lichtenberg." Es ist der Zeitpunkt, an dem andere ihre Verpflichtungs-Erklärung unterschreiben; heute ist ihr Lamento groß. Nicht so bei Kunert. Er sucht keinen Seeweg nach Indien zum Pfefferpreis. Sein Autonomie-Begehren ist nicht teilbar mit der Schattenwelt. Die Skepsis bleibt kompromisslos, als er in der Windrose der holsteinischen Heide "fremd daheim" sein wird. "Im blinden Auge des Orkans / schweigt schreibt und bleibt / das eingefleischte fremde Ich / selbst unberührt."

Selbst wenn Kunert der Erinnerung die vertraute Umgebung entzieht, das Menetekel bleibt bis zum letzten Gedicht. "Sterne droben. Und an Jacken genäht. / Die Geschichte ein Mordfall. Lamento der Täter. / Die Armbanduhr zeigt: Ein Jahrtausend vergeht. / Und Söhne werden wie ihre Väter. (...) Die Schrift an der Wand, das Gedicht verrät, / die Zukunft wird keinen verschonen." Aus diesem Zwang zur Selbstirritation entsteht weiter sein Schreiben. Es ist, als ob er sich noch einmal alles, was er verloren und aufgegeben hat, in seine Verse holt. Auch das Vergessene der Literatur. Jakob van Hoddis' "Weltende" habe ein fahles Erinnern in Einfalt verkehrt. "Längst ist alles vermerkt und vergessen. / Denkmale entsprießen den Büchern wie Gras. (...) und den Rest entsorgt der Ablauf der Zeit: / Sie meint es mit dem Bürger gut. / Denn keinem fliegt vom spitzen Kopf der Hut."

Sogar sein Metropolis wird Kunert nicht los: Berlin. "Als Schlüsselwort / Als Versprechen Als Täuschung / Als unversöhnliche Erinnerung (...) Beizeiten und doch zu spät / entsprungen dieser verstörten versteinerten / Matrone / durch die ich von Jugend an / Opfer meiner fünf Sinne / geworden bin." Allem Innovations-Begehren an seine Dichtung entzieht sich Kunert. Auch die in den letzten drei Jahren entstandenen Gedichte, gut zwanzig sind hier neu für den Leser, müssen sich von der Vergangenheit immer wieder emanzipieren. Nicht zuletzt was unsagbar scheint, bleibt gegenwärtig. Das Gedicht ist Kunert ein "Kaddisch für gestorbene Wörter. / Es spricht gelehrt das Idiom / des Mißverstehens. Genügsam / von Frühe an, reichen ihm / ein paar Zeilen, damit du / dir selber begreiflicher wirst. / Meint das Gedicht." Günter Kunert befreit sich unentwegt von seinem leicht entfessselbaren Gedächtnis. Mit seinem Verstummen kann nur rechnen, wer ihm vorschnell die letzte Altersstufe als Fatalist zuschreibt. Günter Kunert ist davon weit entfernt. Die benachbarte Sarah Kirsch erfährt den Dichterfreund alltäglich und entlastet uns von aller Fatalisten-Furcht. "Machen Sie sich bitte um Kunert gar keinen Kopp, wenn seine Exkurse und Alexandriner auch so gänzlich hoffnungslos scheinen, führt er ein geselliges Leben und reist mit Marianne und den eigenen Pferden." Bei allem Zerstörungswissen in der poetischen Bilanz von So und nicht anders, immer hat es Günter Kunert gewusst, das Leben ist schön.

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