So sind wir von Gila Lustiger, 2005, Berlin1.) - 2.)

So sind wir.
Roman von Gila Lustiger (2005, Berlin-Verlag).
Besprechung von Beatrix Langner aus der Neue Zürcher Zeitung vom 13.1.2002:

Die neue Leichtigkeit des Jüdischseins
Gila Lustigers Familienroman «So sind wir»

Aharon Appelfeld hat vor nicht langer Zeit in «Le Monde diplomatique» diejenigen seiner jüdischen Schriftstellerkollegen verteidigt, die den Genozid in deutschen Lagern als Kinder oder Jugendliche erlebten und darüber in einer subjektiv gefärbten, deutlich fiktionalisierten Weise berichten, auch wenn ihre Erzählungen der offiziellen jüdischen Geschichtsschreibung nicht unbedingt zuverlässig erscheinen. Denn sechzig Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager steht die Sicherung der historischen Faktenlage noch immer im Vordergrund der jüdischen Narration. Für viele Juden bleibt die gemeinsame Holocaust-Erfahrung das Fundament des Jüdischseins. Die Deutungshoheit über jüdische Identität und Geschichte liegt bei jenen, meint Appelfeld, die den Genozid überlebt haben. Das aber kommt in der Tat einem Sprachverbot für ihre Kinder gleich, die heutigen jüdischen Schriftsteller. Sie können nicht mitreden. Das Sprachverbot ist ein faktisches Bilderverbot: Auschwitz kann sich niemand ausdenken, der nicht selbst durch die Hölle gegangen ist.

Zu Besuch bei Lustigers

Was kann man also tun, wenn man Gila Lustiger heisst, einen jüdischen Historiker zum Vater hat und jüdische Geschichten erzählen will, ohne die Shoah auszublenden? Man kann dagegen anrennen, mit Heftigkeit. Man kann einen Familienroman schreiben, unbekümmert um die feinen Unterschiede zwischen Autofiktion und purer Autobiografie. Man kann mittels einer «genauestens ausgeklügelten Erzählstruktur» das Bilderverbot mit Frivolität und die vorsichtigen Ansätze zu einem neuen europäisch-jüdischen Selbstbewusstsein durch ein Privatissimum über die eigene Familie umgehen. Man kann sich aber auch verrennen in innerjüdischen Diskursen. Man kann so tun, als müsste man die jüdische Welt neu erfinden. Beides ist hier der Fall.

Wir sind zu Besuch bei Lustigers. Der Vater, Arno Lustiger, Jahrgang 1924, hat sich in den neunziger Jahren mit mehreren Büchern einen Namen als Historiker der jüdischen Résistance gemacht; er lebt in Frankfurt am Main. Die Tochter Gila Lustiger, Jahrgang 1963, hat zwei Bücher geschrieben und lebt mit Mann und Kindern in Frankreich. Wir werden auf ein (imaginäres) Sofa gesetzt und wohnen einer familiären Szene bei. Der Vater schweigend über seinen Zeitungen. Die beiden heranwachsenden Töchter pubertierend und selbstbezogen. Die Mutter energisch und praktisch. Eine ganz normale jüdische Familie am Ende des 20. Jahrhunderts? In jüdischen Familien, erklärt uns die Erzählerin, gibt es nur Überlebende und Nachgeborene. Dazwischen gibt es nichts. Eine jüdische Kindheit am Ende des 20. Jahrhunderts, das sind die unerklärlichen Fluchten des Vaters in Bücher, die Ferien bei den Grosseltern in Israel, die noch jiddisch sprechen, zwei, drei Familienerbstücke, die Gutenachtgeschichten der Mutter über Pioniertaten der ersten Palästina-Einwanderer und ihr israelischer Patriotismus. Nur eines fehlt in dieser Kindheit: Geschichten vom Krieg und von den Lagern. Der Holocaust kam bei Lustigers zu Hause nicht vor.

«Mein Vater hat uns immer vor sich selbst beschützen wollen», sagt die Tochter im Roman, «nicht vor den Deutschen, nur vor sich selbst.» Erst aus einem zufällig gekauften Buch erfährt sie, dass ihr Vater ein Überlebender von Auschwitz ist. Diese Entdeckung stürzt sie in überschäumende Ressentiments.

Tatsache ist, dass wir, die Nachgeborenen, von der Angst verfolgt werden, wir könnten uns als unwürdig erweisen, ja als der letzte Jammerlappen, wenn wir unseren Sorgen und Wünschen Luft machen. Dass also jeder Nachgeborene glaubt, er müsse das Erbe der Geretteten und Ermordeten antreten, indem er selbst den dümmsten Alltag meistert. Was sind, bitte schön, Alltagssorgen und ein paar Wünsche im Angesicht von Auschwitz?

Im kontrollierten Überschwang der Gefühle skizziert Gila Lustiger den Entwicklungsroman einer jungen, lebenslustigen Jüdin, die sich erst im Nachhinein, und nicht a priori, der Voraussetzungen ihrer Existenz nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts bewusst wird. Der Wunsch, dem Status der Nachgeborenen und damit der Opfergeschichte zu entkommen, hat in ihren Augen zugleich etwas Obszönes. Das Obszöne liegt im Regelverstoss. Die Regel ist, dass die Geschichte immer noch die Deutungsmacht über die Gegenwart besitzt.

Provokation

Bei Gila Lustiger geht es auch andersherum. In einem Strassenbistro mit ihrem Kind, zwischen Flipperkästen und Coca-Cola, in einer Nachtbar mit der lesbischen Freundin Dominique, angemacht von Männern, mit Drinks und Zigaretten gegen erotische Übergriffe bewaffnet, rekapituliert die jüdische Tochter im deutlich abgesetzten zweiten Teil dieses Romans die Überlebensgeschichte des Vaters in allen Details - die Todesmärsche, die Flucht aus dem Lager, die Gefühlsstarre der Nachkriegsjahre - und hält sie sich damit, erzähltechnisch betrachtet, vom eigenen, leidunerfahrenen Leib. Ein guter Einfall. In Frankreich nennt man das Dekonstruktion. Das Unvorstellbare wird dekontextualisiert, das erinnernde Gedächtnis entritualisiert. Am Ende ist zwischen Vater und Tochter die Distanz klar abgesteckt. «Diese Geschichte gehörte mir nicht.»

Auf die Frage, wie sie denn nun sind, die Juden, hat Gila Lustiger am Ende nur eine Handvoll Klischees aus der folkloristischen Mottenkiste zu bieten. «Bei uns verdeckt man sein Unglücksgesicht mit einem Lächeln und seine Schwermut mit einem saftigen jüdischen Witz. Man könnte es auch so formulieren: Dieses Arschloch von Hitler hat uns ausrotten wollen. Aber seht nur, uns gibt es noch. Ja, uns gibt es noch, trotz Massakern, Deportationen, Todesmärschen und Endlösungs-Planung.» Das ist enttäuschend. Doch auch wenn der übertrieben forsche Gestus und die einfallsreichen Versuche, einen längst verklungenen jüdischen Erzählton wieder hörbar zu machen, in deutschen Ohren überhaupt nicht witzig, sondern einfach nur bitter klingen: Dieser vehemente rhetorische Versuch des Ausbruchs aus dem übernommenen jüdischen Gemeinschaftssinn ist ein mitreissendes stilistisches Bravourstück aus Selbstironie, Sprachwitz und diskursiver Geschichtsdarstellung. Es will provozieren, es erzählt die Shoah aus dem modernen jüdischen Alltag weg (falls es so etwas gibt), mitsamt ihrer monströsen Grausamkeit, ohne sich aus der Geschichte davonzustehlen. Es bekennt sich zur obszönen Banalität des Glücks, Gila Lustiger zu heissen und ein jüdischer Schriftsteller von heute zu sein. Das ist seine Botschaft.

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So sind wir von Gila Lustiger, 2005, Berlin2.)

So sind wir.
Roman von Gila Lustiger (2005, Berlin-Verlag).
Besprechung von Karl Robert Brachtel aus dem Münchner Merkur, 5.5.2005:

Tapferkeit und Pflichtbewusstsein
"So sind wir" - Ein Familienroman von Gila Lustiger

Sicher könnte man aus dem, was dieser Familie zugestoßen ist, einen Roman machen. Es wurde aber weit eher eine genaue, auch intime Familien-Historie in teilweise ausschmückender Romanhaftigkeit (die sich für den Außenstehenden kaum erkennen lässt). Ganz abgesehen davon, dass Form und Inhalt nicht die Kriterien erfüllen, die gemeinhin an das Genre gestellt werden. Gila Lustiger schrieb eine Familienchronik mit den Schwerpunkten Frankfurt am Main, wo sie 1963 geboren wurde und aufwuchs, Israel - ihre zweite Heimat, wo sie studierte - und Paris, wo sie lebt.

An den Höhepunkten erreicht ihre Sprache literarische Intensität, in manchen Vorlieben wirkt sie leicht maniriert; beispielsweise, wenn sie rüde oder despektierlich formuliert. Als ob sie sich gegen allzu viel Gefühl wappnen müsste. Protagonist im Reigen der Verwandtschaft ist der Vater, zunächst in der gehoben bürgerlichen Frankfurter Wohnung, liebevoll spöttisch geschildert als Dauerleser von Zeitungen (in acht Sprachen).

Via Fernsehen hatten wir kürzlich Gelegenheit, ihm zu begegnen: Arno Lustiger, Redner beim offiziellen Auschwitz-Gedenken.

Dort lag die harte Wirklichkeit vor der Frankfurter Familien-Idylle: Vaters KZ-Haft, von der er nie etwas preisgab, weil er die Kinder "vor der Grausamkeit und dem deutschen Wahnsinn" schützen wollte. Eine Fotografie, die ihn mit einem amerikanischen Soldaten nach seiner Befreiung zeigt, durchzieht das Buch als ein Erzählmotiv.

Die Mutter erscheint als eine Art Gegenpol: als israelische Offizierin, die zu einem kontinental erzogenen Kosmopoliten eigentlich nicht gepasst hat. Dass der Vater übrigens als "ein Überlebender" herumgereicht wurde (und sie selbst als dessen Tochter) mag sie verständlicherweise nicht akzeptieren.

Gegen den Elfenbeinturm

Ihre Großeltern mütterlicherseits waren 1924, im Geburtsjahr ihres Vaters, aus Polen in Palästina eingewandert, aus einfacher Herkunft, vom Zionismus überzeugt; Großvater stellte sich einen säkularen "Staat ohne Frömmigkeit" vor. In den zitierten Aussprüchen der Großeltern kommt immer wieder - als willkommene Abwechslung - das Jiddische vor. Gila war bei ihren Besuchen in Israel nicht frei von Angst, sie bewundert Tapferkeit und Pflichtbewusstsein bei der Mutter und den Großeltern; nicht ohne ein schlechtes Gewissen aus der europäischen Geborgenheit heraus.

Interessant sind Gedanken und Folgerungen aus ihrer Israel-Zeit. Zum Unverständnis der Araber gegenüber der von den Juden übertragenen mitteleuropäischen Kultur etwa. Oder, aus anderer Sicht: "Kann man denn ein anderes Volk 50 Jahre lang nicht sehen? Ja, man kann es, wenn man statt in der Realität im Glauben verankert ist." Und zur Kibbuz-Bewegung, an der ihr Großvater von Anfang an teilgenommen hat: "Was ist jüdische Revolution? Aus einem im Denken verwurzelten Juden einen Bauern machen." Aufschlussreich ist auch die Erzählung der Mutter über die - entgegen ihrer Bedeutung - überaus schlichte Staatsgründung unter Ben Gurion. Gila lebte damals in Deutschland.

Erst in den letzten der acht Kapitel tritt eine nicht der Familie angehörende Figur ins Blickfeld: die ältere, katholische, lesbische Dominique. Sie wurde die Partnerin in teils dahinplätschernden, teils philosophisch oder kulturkritisch akzentuierten Dialogen. Gegen den literarischen Elfenbeinturm, in dem es der Autorin zu kalt sei; gegen die amerikanische Anmaßung, die die Französin gegen die europäische Kultur verteidigt.

Insgesamt viel Stoff zum Nachdenken, dem zuliebe man so manche platte, auch manchmal erzwungen wirkende, zotige Diktion in Kauf nimmt.

Die angekündigte Lesung der Autorin am 10. Mai im Kokon entfällt. Dafür ist Gila Lustiger am 8. Mai in der ARD bei Sabine Christiansen zu sehen.

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