So offen die Welt von Ulla Hahn, 2004, DVA

So offen die Welt.
Gedichte von Ulla Hahn (2004, DVA).
Besprechung von Hans Christian Kosler in Neue Zürcher Zeitung vom 15.12.2003:

Zellkern im Maienkleide
Ulla Hahns Gedichte «So offen die Welt»

Wolf Biermann wusste es: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu. Ulla Hahn, dialektisch geschult, hat sich diese Maxime früh zu eigen gemacht. Seit dem Erfolg ihres ersten Gedichtbandes, «Herz über Kopf» (1981), suchte sie nach immer wieder neuen Ausdrucksformen, und dies unbeirrt von dem grossen Echo und den zahlreichen Kontroversen, die ihre Bücher ausgelöst haben. Mit ihrem ersten Roman, «Ein Mann im Haus», von der Kritik zwiespältig aufgenommen, wagte sie sich vorsichtig an die epische Form heran, um dann doch wieder zu einer freilich veränderten Form von Lyrik zurückzukehren. Es folgten der grosse autobiografische Roman «Das verborgene Wort» und im letzten Jahr «Unscharfe Bilder», ein beinahe lehrstückhafter Zeit- und Themenroman, der sich mit den Nachwirkungen der Wehrmachtsausstellung auf den Dialog zwischen den Generationen beschäftigte.

Nun also wieder Gedichte, «Neue Gedichte», wie die um den schmalen Band angebrachte Banderole hervorhebt, als spielten Verkaufsstrategie und Autorin gemeinsam auf Rilkes berühmte Sammlung an, mit der er die Abkehr vom früheren Preziosentum und die Hinwendung zum Dinggedicht ankündigte. Rilke ist denn auch eines der Gedichte gewidmet, das auf die «Duineser Elegien» Bezug nimmt. Von den «Wolkengaffern» ist darin die Rede, die das Krachen der Engelsflügel nicht hören, «bei ihrem Sturzflug auf die arme Erde / sie fallen mit verneinender Gebärde / wie Laub vom Baum der längst geschrieben ist».

Säkularisierter Rilke - so könnte man einen Teil der hier versammelten Gedichte umschreiben. «So offen die Welt» ist - man kann sie nur noch elegisch zu fassen versuchen. Schon immer waren Sehnsucht und die Suche nach dem Glück wichtige Bestandteile im Gedankenkosmos der Ulla Hahn, nun prägen sie geradezu ihre Gedichte. Auch der erreichte Glückszustand rückt in den Vordergrund, teilweise so ins Mythische überhöht, dass er schon in ewige Ferne gerückt zu sein scheint. Keine Vergegenwärtigung des Glücks ohne den bangen Gedanken an das Ende, kein Gedanke an das Ende ohne die Beschwörung des Augenblicks:

Ach bleib               doch stehen diesen einen Augenblick nur ohne Druck auf diesen Knopf oder jenen. Halt ein überwältigt vom Ansturm unscharfer Bilder

und schöpfe ein wenig Mut aus dieser Quelle in der sich unsere Hände berühren.

Keine Frage - Ulla Hahns Lyrik ist offener und ungeschützter, verletzlicher und privater geworden. Sie bevorzugt weiterhin die Anspielungen (Weimarer Klassik, Hofmannsthal und Rilke mit Vorliebe) und Mehrdeutigkeiten, reist nach wie vor mit einem beträchtlichen Gepäck an Bildung und Wissen, die sie als einen virtuosen poeta doctus ausweisen. Liebe, Vergänglichkeit, das emotionale Zurechtfinden in einer technisierten Welt sind ihre Themen geblieben, auch die schwärmerische Anrede des Geliebten, der nicht die Rolle des Partners spielen, sondern den «Mond zwischen die kahlen Bäume» hängen soll. Zurückgedrängt ist der spielerische Umgang mit den Klischees des Alltags, die plötzliche Wendung ins Banale, die kesse Lippe, die sie einst gegen jeden Anflug von Weihe - der eigenen nicht ausgeschlossen - riskierte. Nicht mehr die ironische Brechung, sondern das Frappierende eines lakonischen Realismus entzaubert.

Dein Haar               wird weniger               und meines weiss

Du siehst mich immer öfter an wie eine Rarität

Du fasst nach meiner Hand als wüsste ich den Ausweg

Gedanken über das Altern, unbarmherzig gegenüber sich selbst, aber keine Alterslyrik. Man wird das wohl noch tun dürfen in Zeiten des Jugendwahns, zumal wenn man so gekonnt und perfekt gereimt mit einem «Liebeslied neueren Datums» aufwarten kann:

Wo Zellkern sich mit Zellkern paart im Maienkleide Mein DNA dein DNA Auf immergrüner Heide

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