1.) - 2.)

Das Sonnenkind.
Roman von Detlev Meyer (2001, Aufbau-Verlag).
Besprechung von Tilman Krause aus Die Welt vom 3.3.2001

Damals in Neukölln
Detlev Meyers Kindheit um 1960 - Eine wehmütige Rückkehr zu den eigenen behüteten Anfängen

Zunächst einmal muss der Rezensent ein Geständnis ablegen: Er war mit dem Autor befreundet. Er hat vor 20 Jahren sein Debüt, den Gedichtband "Heute Nacht im Dschungel", rezensiert. Damit begann es, und im Zeichen dieses schmalen Bandes, der mal ein Kultbuch, ja das Manifest einer neuen Lebensfreude war, verblieb diese Freundschaft bis zum Tod des Autors vor zwei Jahren. Leiden an Berlin könnte man hochtrabend nennen, was sie ausmachte, wenn dabei nicht der andere Aspekt, das lustvolle Erleben Berlins, unterschlagen würde. Und um diese Ambivalenz zu erklären, muss jetzt ein Exkurs über das Berlin der frühen achtziger Jahre folgen.

Berlin war auch damals schon eine Verheißung. Doch wer dann hinging, erlebte die sprichwörtliche kalte Dusche. Die Stadt war wirklich von überwältigender Piefigkeit. Würstchenbuden und Bestattungsunternehmen an jeder Ecke, Hundehaufen und stinkende Gullis, wo man ging und stand. Die Intellektuellen an den Universitäten oder in den Schmuddelbuden des Literaturbetriebs unfroh und ungelüftet. Gelesen wurde der "Tagesspiegel", bis zur Blattreform 1991 eine Zeitung von geradezu lachhafter Provinzialität. Noch größerer Beliebtheit erfreute sich das lokale Fernsehprogramm, in dem Serien wie "Drei Damen vom Grill" den Currywurst-Berliner feierten und der Nachrichtensprecher der "Abendschau" Tag für Tag die Zuschauer mit seinem triefäugigen "Macht's gut, Nachbarn" in die Nachtruhe entließ. Sonntagvormittag saßen dann alle vor dem Radio und lauschten der "Stimme der Kritik", wo sich der alte Friedrich Luft durch die Theaterpremieren der vergangenen Woche röchelte, ein rührend hilfloser Versuch, Berlins große Zeit, die seit dem Mauerbau zu Ende war, fortleben zu lassen....Fortsetzung

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2.)

Das Sonnenkind.
Roman von Detlev Meyer (2001, Aufbau-Verlag).
Besprechung von Dirk Fuhrig aus der Frankfurter Rundschau vom 21.6.2001


Die Freuden der Unschuld
Ein Idyll: Detlev Meyers letzter Roman "Das Sonnenkind"

Mit seinem letzten Roman ist Detlev Meyer in die früheste Kindheit zurückgegangen, in die Welt eines Jungen, dem das Leben noch bevorsteht. Der dabei ist, Erfahrung aus zweiter Hand zu sammeln, Flüsse und Hauptstädte auswendig zu lernen, in Opas Bibliothek zu blättern, Erwachsenen-Rituale zu imitieren, vielleicht sogar ein bisschen altklug ist. Ein Sonnenkind eben, dieser Carsten: "Schon jetzt ist es höchst erstaunlich, was er alles weiß und wie er schön redet für sein Alter. Das sagt die Großmutter, das sagen die Eltern, das gibt - ungern - selbst der große Bruder zu, und im ganzen Truseweg ist bekannt, dass Scholzes Jüngster ein kleines Genie ist." Ein Kind, wie alle Mittelstands-Eltern es sich wünschen: Dasjenige aus der Klasse, das als eines der wenigen die höhere Schule besuchen, danach womöglich studieren wird.

Wir befinden uns am Ende der 50er Jahre in Berlin-Neukölln, Kleinstadt in der Großstadt. Ein kurze Straße am Schiffahrtskanal, nicht weit von der Sonnenallee im Übrigen, gutbürgerliche Insel inmitten des proletarisch geprägten Bezirks: "Herr Wollin, heißt es allenthalben, sei ein Gentleman, ein Mann von Welt, ein Kavalier, der letzte Kavalier, einer der alten Schule, ein Bonvivant und, seit neuestem, ein Grandseigneur."

Herr Wollin ist Carstens Großvater und sein Idol: Mit ihm weht ein Hauch von Mondänität durch den Truseweg, wo im Allgemeinen bereits ein Ausflug ins benachbarte Kreuzberg als kleines Abenteuer gilt. Der Großvater nimmt den Achtjährigen sogar mit zum weit entfernten Kurfürstendamm, wo er Stammgast im Cafe Kranzler ist und sich regelmäßig den dekadenten Luxus eines nachmittäglichen Weinbrands gönnt, eines Cognacs gar.

Großvater Wollin besitzt aber noch weitere Eigenschaften, die ihn von der (schein-)heilen Bürgerwelt der Nachkriegsgesellschaft abheben: Der Lebemann, obschon solide verheiratet, ist seit Jahrzehnten mit einer viel jüngeren Geliebten liiert, für die ein Tag in der Woche fest reserviert ist. Das "Fräulein Reeskow" zählt zur Familie, wird mehr als nur geduldet und besitzt so etwas wie den Status einer offiziellen Mätresse.

Zum liebenswürdigen Personal dieses Berlin-Romans zählen außerdem eine arme, aber stets verwegen gekleidete Tante aus dem Osten (der zum Zeitpunkt der Handlung noch nicht abgemauert ist), ein kapriziöser Komponist sowie eine Hand voll netter Nachbarn. Eine echte Idylle, die Detlev Meyer hier skizziert. Das Sonnenkind stapft staunend-verständig durch die Neuköllner Straßen, von allen geliebt, von den Großeltern verwöhnt - eine glückliche Wirtschaftswunder-Kindheit, wie viele sie erlebt haben: behütet und doch nicht allzu spießig, sorglos und doch nicht allzu langweilig, die Eltern liberal mit gelegentlichem Faible fürs Unkonventionelle. Die Nazi-Vergangenheit ausgeblendet. Durch den Tod des leicht leichtlebigen Großvaters findet diese frühe Epoche der Bildung des kleinen Carsten ihren nahezu natürlichen Abschluss.

An dieser Stelle endet auch der Roman. Das Kind ist zehn Jahre alt und noch weit entfernt von der Pubertät mit ihren sexuellen Irrungen und Wirrungen. Genau dort beginnen die Bücher, die Detlev Meyer zuvor geschrieben hatte: Beim Eintritt des Knaben ins Mannesalter, mit ersten sexuellen Erfahrungen, in diesem Fall gleichgeschlechtlichen. In dem Roman-Dreiteiler Biografie der Bestürzung hatte Meyer Ende der 80er-Jahre begonnen, den Lebensweg eines jungen Homosexuellen zu schildern. Streifzüge durch Stadt und Land, Berlin und Paris, Spelunken und Badehäuser, stets auf der Suche nach Lust und vor allem Liebe. Dabei zählen seine Werke zu der Hand voll "schwuler Bücher" in Deutschland, die sich nicht in lauer Selbstverwirklichungs-Prosa erschöpfen, sondern stets lakonisch und heiter erzählen, voller Leichtigkeit bei gleichzeitiger Gedankentiefe; ein schwuler Intellektueller in den Swinging Seventies. Meyers ballastfreier, zur Pointe tendierender Stil verkraftete selbst einen Ausflug in die Comic-Welt, als er 1990 gemeinsam mit Ralf König den Strip Heiße Herzen dichtete.

Detlev Meyers Schreiben - neben Romanen und Erzählungen hat er auch mehrere Lyrikbände veröffentlicht, zuletzt Stern in Sicht - war stets auch ein Schreiben mit Aids. Das Virus, an dem der Autor 1999 im Alter von 49 Jahren starb, bestimmte als Movens seine literarische Produktion, nistete sich zwischen den Zeilen ein, ohne sich der Texte jemals zu bemächtigen. Trotz des hohen autobiografischen Anteils in den meisten seiner Werke und anders als bei Hervé Guibert in Frankreich, der die Krankheit radikal verschriftlichte und bis in klinische Details hinein verfolgte.

Das Sonnenkind ist noch frei von solcherlei Anfeindungen des Erwachsenenlebens. In dem nun postum erschienen Buch spielen weder Homosexualität noch Aids explizit eine Rolle. Wer es möchte, mag aus manchen Eigenschaften des kleinen Carsten Einschlägiges herauslesen, und die plötzliche Krebserkrankung des Großvaters mag als Parallele zu einer Aids-Infektion interpretiert werden.

Es scheint auch so, als habe sich Detlev Meyer in seinen letzten Lebensmonaten, als Sonnenkind entstand, in dieses unschuldige und sorgenfreie Kindheitsidyll geflüchtet, einschließlich einer Liebeserklärung an die Eltern, denen das Buch gewidmet ist. Doch darüber hinaus ist dem Autor ein ganz und gar unlarmoyanter, leichthändiger Roman gelungen, der voller sanftem Humor steckt und ein Sittenbild des Deutschlands der späten 50er Jahre so persönlich und alltäglich zugleich zeichnet, wie es schon lange keinem mehr gelungen ist.

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