Sonne auf halebm Weg von E.Sevgi Özdemar, 2006, KiWi

Sonne auf halbem Weg.
Istanbul-Berlin-Triologie von Emine Sevgi Özdamar (2006, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Astrid Hackel im Goon-Magazin, 13.10.2006:

Fisch aus Ostberlin
Emine Sevgi Özdamars Tagebuch ist Chronik und komplex verschachtelte Dichtung gleichermaßen

»Texte vergessen – das war, als ob eine Trapezartistin in der Luft nicht die Hand ihres Partners erreicht und herunterfällt. Die Menschen aber liebten die, die zwischen Tod und Leben ihre Berufe ausübten.«
Dieser Satz aus »Die Brücke zum Goldenen Horn« mag nicht nur für die junge Schauspielerin Emine Sevgi Özdamar gelten, sondern für das gesamte Leben und Werk einer wagemutigen Frau, die es geschafft hat, Vergangenes und Gegenwärtiges, Reales und Märchenhaftes auf einzigartige Weise unlösbar miteinander zu verknüpfen.

Eine Welt aus Wörtern

Mit ihrer unvergleichlichen Schreibkunst hat Emine Sevgi Özdamar etwas wie ein neues Genre in der Literatur begründet – oder, um nicht allzu weit auszuholen, jenseits bestehender Kategorien eine eigenwillige Welt ganz aus Wörtern erschaffen, die ständig neue Formen und Farben annimmt. Vor diesem Hintergrund ist es nicht weiter verwunderlich, dass ausgerechnet Else Lasker-Schüler zu Özdamars Lieblingsautorinnen zählt.
Ihre drei erfolgreichsten Romane, von denen der letzte vor drei Jahren erschien, liegen nun in einem dicken Band vor. Die Berlin-Istanbul-Trilogie fasst mit »Das Leben ist eine Karawanserei hat zwei Türen aus einer kam ich rein aus der anderen ging ich raus«, »Die Brücke vom Goldenen Horn« und »Seltsame Sterne starren zur Erde« Özdamars Kindheit in der Türkei, ihre erste Zeit in Deutschland 1966 und ihren Aufenthalt an der Ostberliner Volksbühne zehn Jahre später zusammen, wo sie mit Benno Besson und Fritz Marquardt, Heiner Müller und Matthias Langhoff arbeitete.

Bild- und blumenreiche Chronik

Das Vorhaben überzeugt vor allem, weil die biografisch gefärbten Texte sich gegenseitig bedingen, durch wiederholte Motive und Episoden aufeinander verweisen und deshalb nicht unbedingt chronologisch gelesen werden wollen. »Sonne auf halbem Weg« ist trotz seiner Romanstruktur ein Lesebuch, in dem man blättern, stöbern und das man anschauen kann. »Seltsame Sterne starren zur Erde« wurde reichlich mit Özdamars Probeaufzeichnungen an der Volksbühne illustriert. Dank der Archivaufnahmen und der tagebuchartigen Reflexion der damaligen Ereignisse spiegelt der letzte Teil der Trilogie individuell betrachtete Zeitgeschichte wieder: 1976/77, das war die Zeit der Biermannausbürgerung, der RAF und der Gründung der ersten feministischen Zeitschrift in der BRD. Durch Zeitungsschlagzeilen wie: »Ein DDR-Forscher warf sich vor den Zug.« oder »Alarm im Kreml. Breschnew tobt.« wird die Vergangenheit plastisch. Man meint, die morgendliche Einsamkeit in der S-Bahn zum Grenzübergang Friedrichstraße zu spüren und den in Zeitungspapier eingeschlagenen Fisch oder den Ostberliner Kohleofenwinter zu riechen. Özdamar fängt Atmosphären ein und schildert durch sie hindurch ihre zahlreichen Begegnungen mit Menschen wie dem sozio-philosophischen Staatskritiker Rudolph Bahro, der damaligen Volksbühnenschauspielerin Gabriele Gysi und dem jungen Frank Castorf. Aber nicht nur das Selbsterlebte, auch das Erzählte spielt eine Rolle: Man mag ihnen Glauben schenken oder nicht – die eingeflossenen Anekdoten, diese kleinen, in der Theaterkantine vor- und weitergetragenen Geschichten sind besonders unterhaltsam zu lesen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.goon-magazine.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1006 LYRIKwelt © Astrid Hackel/Goon-Magazin