Sommer vor den Mauern von Nora Bossong, 2011, HanserSommer vor den Mauern.
Roman von Nora Bossong (2011, Hanser).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 18.5.2011:

Beide eher Beatles als Stones
Nora Bossong und Judith Zander lesen Gedichte: Bei Zander tritt ein bekanntes Problem auf: Sie kann besser schreiben als vorlesen. In mehrere thematische Komplexe ist Nora Bossongs neuer Band „Sommer vor den Mauern“ unterteilt, wobei der Katholizismus stets präsent zu sein scheint.

Lyrik war und ist kein Massenprodukt. Wird auch keines mehr werden. Insofern war die Entscheidung, die Lesung drei junger Dichterinnen in das Beltz-Zimmer des Literaturhauses zu verlegen, kein Risiko – dort herrschte eine Art von Salon-Atmosphäre. Nora Bossong und Judith Zander, die eine in Bremen, die andere in Anklam (unterhalb von Usedom) geboren, sind auch als Romanautorinnen in Erscheinung getreten, beide hoch gelobt, Judith Zander für ihr Debüt im vergangenen Jahr sogar für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Katharina Schultens, die Dritte im Bunde, fehlte krankheitsbedingt, doch ihr Verleger Christian Lux, einer jener sympathischen Menschen, die tatsächlich noch das Risiko eingehen, Gedichte in Buchform zu drucken, trug stellvertretend Schultens Produktionen vor, in denen, wie Moderator Hans-Jürgen Balmes es formulierte, die Sprache selbst „auf einen Objektträger gelegt und mikroskopisch untersucht“ würde. Man staunt vor Bewunderung über solche Formulierungen.

In mehrere thematische Komplexe ist Nora Bossongs neuer Band „Sommer vor den Mauern“ unterteilt, wobei der Katholizismus als anregende Strömung stets präsent zu sein scheint. Sie sei, so erzählt Bossong, als Katholikin im streng protestantischen Bremen aufgewachsen und habe mithin die Rolle der Außenseiterin zu schätzen gelernt. Der titelgebende Zyklus ist inspiriert von den 265 Mosaikporträts der bisherigen Päpste, die in der Basilika San Paolo fuori le Mura in Rom zu betrachten sind. Doch Bossongs Gedichte sind keine Bildbeschreibungen, sondern Seitenblicke und Reflexionen über den Betrachter selbst. Ein anderer Zyklus vollzieht anhand einer Fahrt durch das Stadtgebiet von Bremen die Lebensphasen von der Geburt bis zum Tod nach.

Bei Judith Zander trat ein bekanntes Problem auf: Sie kann besser schreiben als vorlesen, was kein Vorwurf, aber eine Tatsache ist. Insofern ging ihr recht langer Vortrag aus dem kürzlich erschienenen Band „oder tau“ ein wenig unter; deutlich wurde allerdings die Genauigkeit, mit der Zander an Rhythmus, Motiven und Formen arbeitet, wie sie ganze fremde Gedichte in Form von Palimpsesten überschreibt und variiert (Rolf Dieter Brinkmanns „Westwärts“ ist eines davon); wie Zitate aus Popmusik und Literaturgeschichte wie in einen Flickenteppich in ihr Werk eingewoben sind. Bei aller Verschiedenheit sind Zander und Bossong sich in einem einig – in ihrer Nähe zu den „Beatles“. Vielleicht, sagt Bossong, sei das eine Generationenfrage: „Wir sind eben eher Beatles als Stones.“

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