Sommerloch.
Erzählungen von Anna Katharina Hahn (2002, Suhrkamp).
Besprechung von kid in der Frankfurter Rundschau, 15.6.2002:
Gnadenlos
Also, eines will er doch mal klarstellen: Dass er das Katzen-Vieh vom Nachbarn gepackt und heimlich hat kastrieren lassen, das war reine Notwehr, jawohl! Der Bastard ist schließlich seinen Siam-Kätzinnen hinterhergestiegen, und sein Schnösel-Herrchen hat die schöne Sharon aus dem vierten Stock rumgekriegt - im Gegensatz zu ihm. Kein Wunder. Der Typ, der das erzählt, ist ein Ekelpaket: ein typischer Held für Anna Katharina Hahns Kurzgeschichten. "Es sind keine Rebellen, sondern Leute, die die Arschkarte gezogen haben. Auch wenn sie es nicht merken", sagt die junge Autorin über ihre Anti-Helden. Und zwölf davon lässt sie in Sommerloch zu Wort kommen, einem schmalen Band, der jetzt als Taschenbuch erschienen ist. Da ist die Abiturientin, die ihr Geld in der schwäbischen Dorf-Idylle mit Quickies und perversen Doktor-Spielen verdient. Da ist die Alkoholikerin, die in edlen Vierteln Rassehunde klaut und Lösegeld kassiert. Und da ist der Yuppie, der nur noch allein erziehende Mütter anbaggert, weil die so "dankbar für Selbstverständlichkeiten" sind und so erstaunt, dass überhaupt noch einer etwas von ihnen will. Hahns Beobachtungen sind gnadenlos, ihre Sprache ist derb, doch stilistisch raffiniert. Begegnen will man ihren Helden nicht - aber lesen will man von ihnen unbedingt.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0602 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau