Sommergewitter von Erich Loest, 2005, Steidl

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Sommergewitter.
Roman von Erich Loest (2005, Steidl).
Besprechung von Udo Scheer in der Frankfurter Rundschau, 14.9.2005:

Alles noch viel schlimmer
Erich Loests "Sommergewitter" ist der erste gültige Roman über den 17. Juni 1953

"Drei Scheiben Blutwurst, zwei Stück Leberwurst, eine kleine, scharf geräucherte Knackwurst", Käse und echte Butter zum Vollstopfen. Das ist "nur die Ouvertüre". Während das Volk Margarinebrot und Rübensirup isst, malt Erich Loest zu Beginn seines Sommergewitters eine Tagung der Genossen in ihrer ganzen Opulenz aus. Wir schreiben das Frühjahr 1953 in der mitteldeutschen Provinz. Draußen herrschen Wut und Verzweiflung angesichts des radikalen Aufbaus des Sozialismus unter Zuhilfenahme von Enteignungen und Bauernlegen, Norm- und Preis-Erhöhungen.

Es wird gelebt, deftig und prüde

In mehreren Handlungssträngen erzählt Erich Loest, lebensprall und mit verblüffender Detailfülle, von sehr unterschiedlichen Menschen, die allesamt in den Strudel des Volksaufstandes vom 17. Juni geraten. Bei aller Dramatik dieser Wochen, es wird gelebt und geliebt, deftig und prüde, wie die Zeit eben war. Loest führt seine Leser in das Milieu der Arbeiter und Kleinunternehmer und das der Funktionäre und ihres Apparats, Milieus, die er bestens kennt. Da gibt es die Geschichte des sozialdemokratischen Urgesteins Alfred Mannschatz. Aus Protest gegen Zentralismus und permanente Verschlechterung der Situation im Land erklärt er seinen Austritt aus der SED. Die Reaktion: Parteiausschluss wegen Verleumdung. Oder der Fall des privaten Bauschlossers Schmolka. Fünf Monaten ziehen seine Vernehmer alle Register, um ihn wegen "Wirtschaftsvergehen" für einen Schauprozess zu brechen.

Erich Loest, der vier Jahre später selbst im berüchtigten "Roten Ochsen" von Halle in U-Haft saß, weiß, wovon er erzählt, wenn er beschreibt, wie Kübel stinken. Er kennt sich aus mit der Taktik der Vernehmer und mit Zellenspitzeln.

Die Dynamik des Aufbegehrens in jenen heißen Tagen wird fokussiert im Metallarbeiter Hartmut Brücken. Nach dem RIAS-Aufruf, überall im Land ihre Strausberger Plätze aufzusuchen, findet er sich spontan im Streikkomitee seines Betriebes wieder. Sprechchöre skandieren: "HO macht uns K.o." und "Der Spitzbart muss weg". Volkspolizisten werden entwaffnet und genötigt, ihre Uniformjacken auszuziehen, gehören wieder zum Volk, oder sie werden verprügelt. Brücken spricht vor 20 000 Leuten in Bitterfeld, gehört zu den Besetzern des Rathauses und fordert vom sowjetischen Hochkommissar, die Ulbricht-Regierung abzusetzen.

Bemüht um Brückenschlag zu anderen Streikkomitees, begreift er die Niederlage noch bevor die Panzer kommen: "Niemand hält die Fäden zusammen." Am nächsten Morgen beginnen auch in Halle und Bitterfeld massenhafte Verhaftungen von "Provokateuren" und "Rädelsführern". Steckbrieflich gesucht bleibt ihm nur eine mehrtägige, abenteuerliche Flucht nach Westberlin. Statt seiner wird seine schwangere Frau in Sippenhaft genommen und verurteilt.

Bei aller eruptiven Wucht der Ereignisse verzichtet Loest auf jede Wertung aus historischer Distanz. Seine Figuren agieren mit dem Blick und im Wissen ihrer Zeit. Anders als in Stefan Heyms Unterhaltungsroman Fünf Tage im Juni haben wir es hier mit einem packenden Stück Zeitgeschichte zu tun. Zugleich steckt in manchen der Geschichten wohl auch ein gutes Stück eigenen Erlebens. Erich Loest, am 17. Juni 1953 zu einer Aussprache in den Schriftstellerverband Berlin geladen, war dabei, als sich die drückende Schwüle über der Stadt in einem heftigen Gewitter entlud und es die Demonstranten gleich einem bösen Omen zeitweilig von der Straße trieb.

Er stand daneben, als provozierende Westberliner einen Zeitungskiosk niederbrannten. Hier zeichnet er die Rolle westlicher Geheimdienste und der KgU (Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit), der Organisation ehemaliger politischer DDR-Häftlinge, weit drastischer, als in der Forschung bislang zu lesen.

Und Loest, 1950 für sein Romandebüt Jungen die übrigblieben als Zeitungsredakteur geschasst und seither "freier Schriftsteller wider Willen", versteckt in diesem Roman einiges vom eigenen Selbstverständnis aus jener Zeit. Die Karriere des kritischen Parteiagitators Melchior Anetzperg - wie Loest SED-Genosse mit dem Makel bürgerlicher Herkunft - endet abrupt, als der seine Partei und ihre Presse kritisiert, sie verschweige ihre Fehler aufs Neue, weise alle Schuld ab und betreibe weiter Schönfärberei. Wie Anetzperg fand auch sein Autor sich nach seiner sehr ähnlichen Analyse "Elfenbeinturm und Rote Fahne", abgedruckt in der Juli-Ausgabe des Jahres 1953 des Börsenblattes für den deutschen Buchhandel, wieder als "Handlanger der Konterrevolution".

Wie schon in früheren Büchern, exemplarisch in seiner süffisant auf den Leseschock zulaufenden Innensicht in Gute Genossen (1999), führt Loest auch in Sommergewitter die andere Seite, die Normalität des Absurden, hier in Gestalt des Bruno Pfefferkorn, überzeugend realistisch vor. Einst kommunistischer Junganarchist, nun Bezirkschef der Staatssicherheit Halle, erscheint der im privaten Umgang bemerkenswert menschlich, zugleich rastlos und scharf in der Sache.

Wejen Propaganda

Die Staatssicherheit, für das Versagen im Vorfeld des 17. Juni verantwortlich gemacht, braucht zwingend Erfolge, "Beweise", um die SED-Propaganda vom faschistischen, westlich gesteuerten Putschversuch zu untermauern. Pfefferkorn, als einstiger Funktionshäftling und Verantwortlicher für das Lagerbordell im KZ Buchenwald leicht erpressbar, zeigt die notwendigen Instinkte im Schuldzuweisungskarussell. In der pathologischen Hochstaplerin Erna Dorn findet er das ideale Opfer für den von der Führung geforderten Schauprozess. In ihren naiv-verschlagenen, frech-ehrlichen Monologen - einem literarischen Meisterstück - wird sie bis zum Schluss nicht an den Ernst ihrer Lage glauben: "Ich jeb alles zu, was wirklich war und was ich erzählt hab, aber nie war ich an diesem Tag aufm Hallmarkt. Bei mir stimmt ieberhaupt nuscht. Nich mit der Kommandeuse und schon jar nich mit der Rede aufm Hallmarkt. Die brauchten eben das Urteil wejen Propaganda, und wenn sie die Propaganda nich mehr brauchen, hebt Pieck das Urteil auf."

Auf der letzten Seite fasst der Roman die ganze Dimension der frühen SED in einen einzigen, frösteln machenden Nachsatz: "Erna Dorn wurde am 1. Oktober 1953 in Dresden geköpft." Zehn Jahre nach Nikolaikirche, seiner Hommage an die friedliche Revolution von 1989, widmet Erich Loest mit Sommergewitter dem Volksaufstand von 1953 einen großen und den ersten überzeugenden Roman.

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Sommergewitter von Erich Loest, 2005, Steidl2.)

Sommergewitter.
Roman von Erich Loest (2005, Steidl).
Besprechung von Thilo Castner aus den Nürnberger Nachrichten vom 15.09.2005:

Chronik des Aufstands
Erich Loests kritischer DDR-Roman „Sommergewitter“

Schon in den Tagen vor dem Aufstand war es 1953 in vielen DDR-Betrieben zu Unruhen gekommen. Man war unzufrieden mit der Versorgung, schimpfte über die Arroganz der Funktionäre, misstraute den vagen Versprechungen auf Besserung. Die Lage spitzte sich zu, als von der SED-Leitung weitere Normerhöhungen beschlossen wurden. Spontan gingen ganze Belegschaften auf die Straße, stellten politische Forderungen, die im Ruf nach Rücktritt der Regierenden und der Durchführung freier Wahlen gipfelten. Die Volkspolizei leistete kaum Widerstand. Kreisleitungen wurden überrumpelt und abgesetzt, Strafgefangene aus den Gefängnissen geholt, Streiks und Großdemonstrationen organisiert. Der SED-Staat stand kurz vor dem Kollaps. Erst mit dem Einsatz russischer Panzer brach der Aufstand in sich zusammen. Seitens der SED begann die Suche nach den vermeintlichen Schuldigen.

Die Ereignisse des 17. Juni

Erich Loest, 1957 wegen kritischer Zeitungsartikel zu einer siebenjährigen Zuchthausstrafe verurteilt, hat die Ereignisse vor und nach dem 17. Juni in seinem neuen Roman „Sommergewitter“ an Hand konkreter Personen packend nacherzählt. Im Mittelpunkt steht Hartmut Brücken, ein selbstbewusster Werktätiger, den die Funktionäre gern in ihrem Kader gehabt hätten. Auf einer der Massenkundgebungen drücken ihm Kollegen das Mikrofon in die Hand. Er findet die richtigen Worte, wird zu einer der zentralen Figuren in Bitterfeld.

Fortan gilt er den SED-Genossen als Rädelsführer des „faschistischen Putschversuchs“, und da ihm die Flucht in den Westen gelingt, wird seine schwangere Frau verhaftet und zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Da nützt es auch nichts, dass ihr Vater, ein überzeugter Sozialdemokrat, seinen ehemaligen Genossen Bruno Pfefferkorn um Hilfe bittet. Denn der fürchtet um seine eigene Reputation als Bezirksleiter in Halle und greift rücksichtslos durch, überzeugt davon, dass das Ehepaar Brücken mit Westagenten unter einer Decke steckt.

Wie in einigen seiner früheren Romane erweist sich Erich Loest als unbestechlicher Chronist der Zeitgeschichte. Im Roman tauchen auch historische Personen auf wie der spätere Volkskammerpräsident Horst Sindermann und die Kleinkriminelle Erna Dorn, die während des Volksaufstands inhaftiert war und dennoch wegen angeblicher Hetzreden im Oktober 1953 in Dresden geköpft wurde. Die Zustände in den Zuchthäusern der DDR werden von Loest ebenso detailliert geschildert wie der realsozialistische Alltag der DDR-Bürger.

Wer also wissen will, was am 17. Juni tatsächlich geschah, warum es zu den Massendemonstrationen kam und wie die SED-Führung die Unruhen anschließend verarbeitet hatte, findet dazu in Loests Roman schockierende Details.

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