Sommerfreuden von Hermann Bang, 2007, ManesseSommerfreuden.
Erzählungen von Hermann Bang (2007, Manesse - Übertragung Ingeborg und Aldo Keel)
Besprechung von Renate Wiggershaus in der Frankfurter Rundschau, 18.4.2007:

Die große Kunst der Andeutung
Der dänische Schriftsteller Herman Bang sollte anlässlich seines 150. Geburtstags neu gelesen und entdeckt werden

Am 3. Oktober 1884 brach auf Schloss Christiansborg in Kopenhagen ein Brand aus, der das Hauptgebäude bis auf die Grundmauern zerstörte. Noch während der Funkenregen niederging und das Knistern und Bersten in den brennenden Trümmern zu hören war, schrieb im gegenüberliegenden Gebäude der Tageszeitung Nationaltidende der dänische Schriftsteller und Journalist Herman Bang seine grandiose Reportage Der Brand. Das Prasseln des Feuers, Gluthitze und Rauchschwaden, das wilde Durcheinander und lähmende Entsetzen werden so eindrücklich und atmosphärisch dicht geschildert, dass der Leser miterlebt, wie die Flammen das königliche Schloss in eine verkohlte, zerklüftete Ruine verwandeln.

Dieser Bericht war Bangs letzter Beitrag für die Nationaltidende. Jahrelang hatte er als Kolumnist für diese Zeitung gearbeitet. Dann wurde ihm, unter anderem wegen seiner antibürgerlichen Haltung, gekündigt. 1880 war sein erster Roman Hoffnungslose Geschlechter wegen "Unzüchtigkeit" verboten worden. In Satireblättern wurde er immer wieder wegen seiner von ihm nie verleugneten Homosexualität verhöhnt. Dass er ebenfalls als Schauspieler auftrat, rückte ihn in den Augen seines Verlegers in die Ecke von Gauklern und fahrendem Volk. Auch seine Sozialreportagen über Marginalisierte in den Elendsvierteln der Großstädte oder über Randexistenzen in der provinziellen Enge konservativen ländlichen Lebens trugen nicht dazu bei, seinen Ruf zu heben. Einige dieser aus heutiger Sicht bahnbrechenden Beispiele teilnehmender Journalistik, darunter eben Der Brand, sind nun anlässlich von Bangs 150. Geburtstag am 20. April 2007 zusammen mit einer Reihe seiner Erzählungen erstmals oder in neuer Übersetzung auf deutsch erschienen.

Glückliche Kindheit

Herman Joachim Bang wurde 1857 in Asserballe auf der dänischen Insel Alsen im kleinen Belt als Sohn eines Pfarrers geboren. Seine Kindheit voller Geborgenheit schildert er in Das weiße Haus. Im Zentrum dieses Romans, dessen Handlung ein Jahr unbeschwerten Lebens auf dem Land umschließt, steht die heitere und liebende Mutter inmitten ihrer Kinder. Wie seine großen Vorbilder - Jens Peter Jacobsen, Iwan Turgenjew und der norwegische Dichter Jonas Lie - besticht Bang durch stimmungsvolle Landschaftsschilderungen und einfühlsame Frauenporträts. Der Roman ist nun zusammen mit seinem Gegenstück, dem an einem trüben Großstadt-Wintertag spielenden Roman Das graue Haus, in der kongenialen Übersetzung von Walter Boehlich als Insel-Taschenbuch wiederaufgelegt worden.

Nach dem frühen Tod der Eltern ging der Achtzehnjährige zu seinem Großvater nach Kopenhagen. Auf dessen Wunsch hin studierte er zunächst Staatswissenschaften. Doch nach dem Tod des Großvaters wandte er sich der Schriftstellerei und dem Theater zu. Da er die Schauspielprüfung nicht bestand, wurde er Journalist.

Als er trotz seiner durch Eleganz und Prägnanz Aufsehen erregenden Feuilletons bei der Zeitung rausgeworfen wurde, ging er auf Tournee, um mit Rezitationsabenden seinen Unterhalt zu verdienen. Die Stationen waren zunächst Norwegen, dann Berlin. Dort wurde er 1886 wegen Majestätsbeleidigung ausgewiesen. Über Meiningen reiste er nach Wien, wo er unter großen finanziellen Schwierigkeiten den Kurzroman Am Weg schrieb (der letztes Jahr in der Neuübersetzung von I. und A. Keel auf Deutsch erschien). Nach wie vor gilt die so unspektakuläre wie anrührende Geschichte der scheuen Katinka Bai aus der dänischen Provinz, deren Sehnsucht nach Liebe und Glück unerfüllt blieb, als die schönste Erzählung des dänischen Impressionismus. Von Wien ging Bang nach Prag, später lebte er längere Zeit in Paris. Es war ein unstetes, skandalumwittertes, von der Geheimpolizei wegen des Verdachts auf sozialistische Agitation bespitzeltes Reiseleben mit wiederholten Stationen in Kopenhagen. Bang starb schließlich sehr einsam auf einer Lesereise in den USA, zu der er 1911 aufgebrochen war.

Einsame, tapfere Gestalten

Der 54jährige hinterließ ein umfangreiches Œuvre: zehn Romane, eine Vielzahl von Erzählungen, Reportagen und Feuilletons, Dramen und Gedichte. Hesse, Rilke und Thomas Mann kannten und bewunderten sein von Samuel Fischer verlegtes Werk. 1902 schrieb Mann einem Freund, er lese "beständig" Herman Bang, dem er sich "tief verwandt fühle". Und kurz vor seinem Tod bekannte er, "alles" von ihm gelesen und "viel gelernt" zu haben.

Der Zauber von Bangs stimmungsvollen Milieuschilderungen und sensiblen Charakterzeichnungen begegnet dem Leser nun aufs Neue in all seinem Glanz in siebzehn von Ulrich Sonnenberg übersetzten Erzählungen und Reportagen, vereinigt unter dem Titel Exzentrische Existenzen, und drei von I. und A. Keel übersetzten Erzählungen, präsentiert als Sommerfreuden. Ergänzt werden die gleichermaßen gelungenen Übersetzungen durch kenntnisreiche Nachworte der Übersetzer.

Im Zentrum von Bangs Geschichten stehen zumeist die Schwachen und Stillen, deren Traum von ein wenig Glück, deren Sehnsucht nach Liebe am Kältestrom einer nach Wohlstand und Prestige strebenden Gesellschaft zerbricht. Doch so verletzt und einsam viele der Bangschen Gestalten sind, sie kämpfen tapfer weiter, ohne dass auch nur eine Klage über das Ungemach ihres Schicksals, die Aussichtslosigkeit ihrer Lage über ihre Lippen käme.

Es ist das Ungesagte und Verschwiegene, das nur gestisch Angedeutete, das beim Lesen tiefste Wirkung erzielt: die Hände, mit denen die überforderte Frau Brasen "wieder und wieder über die Schürze streicht"; die Augen, "schwarz, so schwarz wie die Glut der Sonne", mit denen Fräulein Ingeborg in Erinnerung an eine Zeit, in der das ganze Leben noch glückverheißend vor ihr zu liegen schien, "lange über das grüne Feld und den Strand schaut"; die zitternde Hand der jungen Pernille, die den Brief fallen lässt - "ein grauer Fleck in all dem Schwarz"-, in dem als Spaß bezeichnet wird, was sie für Liebe hielt.

Der impressionistische Stil, so Bang einmal, gründe in der Tiefe alles dessen, was ungesagt bleibe. Es gibt bei ihm keine Erklärungen, kein Werten, kein Psychologisieren. Er überlässt seinen Figuren das Feld und dem Leser die Leerstellen zum Weiterdichten. So tragisch - von trauriger Wahrheit erfüllt - seine Geschichten oft sind, so liegt über dem Erzählten doch der Schimmer eines Lächelns, keines zuversichtlichen, wohl aber eines von Verstehen und Zuneigung zeugenden Lächelns. Bangs immer wieder aufblitzender Humor, seine satirischen Einsprengsel, sein Sinn fürs Komische, Burleske, Groteske legen sich gleichsam begütigend auf die Bitternis und den Schmerz des Lebens.

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