Sommer des Lebens von J.M.Coetzee, 2010, S. FischerSommer des Lebens.
Roman von J. M. Coetzee (2008, S. Fischer - Übertragung Reinhild Böhnke).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 9.2.2010:

J.M. Coetzee schreibt seine Erinnerungen fort

Es war einmal in Afrika. In bestechend präziser Sprache lässt hier einer aus unterschiedlichen Blickwinkeln von sich reden. Nobelpreisträger J.M. Coetzee schreibt seine Erinnerungen fort . Lauter einprägsame Geschichten ordnen sich um ein Ich, dem man immer näher kommt, ohne es zu enträtseln. Genau das macht die Faszination dieses Buches aus und ordnet es ins Gesamtwerk eines der besten Autoren unserer Zeit.

Es ist keine Koketterie, wenn der Nobelpreisträger J.M. Coetzee in seinen Erinnerungen mit dem britischen Literaturwissenschaftler Mr. Vincent einen fiktiven Biographen auf seine Lebensspur schickt. Vielmehr geschieht das aus der tiefen Überzeugung heraus, dass es nicht einmal im Blick auf das eigene Dasein eine objektive Wahrheit geben kann: Ich ist ein anderer. Gewissheiten kann es nicht geben.

Hatte Coetzee es in „Der Junge“ (1997) und „Die jungen Jahre“ (2002), den beiden vorangegangenen Bänden seiner Autobiographie, noch beim objektivierenden „Er“ bewenden lassen, als er von sich sprach, geht er nun noch einen Schritt weiter. Er ruft verschiedene Stimmen auf Erzählfragmente, Interviews und Notizbücher werden montiert.

Doch ist es die große Kunst dieses außergewöhnlichen Schriftstellers, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, wieder aus disparatem Material ein äußerst lesenswertes, ja kurzweiliges Buch gepuzzelt zu haben. Es kreist um die Jahre von 1972 bis 1975, um jene Lehrjahre kurz vorm Einsetzen seiner ersten Popularität. John Coetzee hat die Dreißig überschritten, war aus Südafrika weggegangen, um der Armee zu entkommen, ist nun aber aus Amerika ausgewiesen unter dubiosen Umständen, die wohl mit Aktivitäten gegen den Vietnamkrieg zusammenhängen. Nun ist er wieder im Alltag seines Herkunftslandes angekommen.

Es ist genau die Gegend, die Coetzee eindrucksvoll zu einem Ort der Weltliteratur gemacht hat. Großvater Coetzee hatte in Südafrika Land gekauft, das nie profitabel genutzt werden konnte. Hier am Ende der Welt heimisch werden zu wollen, war von Anfang an schlecht durchdacht. Es regnet kaum. Die Farmer kämpfen ums Überleben des Viehs und die Ethnien gegeneinander. Die Anwesenheit der wenigen Weißen gründet sich auf die Verbrechen der kolonialen Eroberung, die durch die Apartheid zementiert werden. Hier steht Coetzees schäbiges kleines Elternhaus, in dem nur noch sein Vater lebt.

Dorthin also kehrt einer zurück. Schlecht gekleidet, mit unvorteilhafter Frisur und schütterem Bart, kinderlos und ohne Frau ist der zurückgeworfen auf seine Existenz als Sohn. Überqualifiziert und unterbeschäftigt will er nicht im Schatten sitzen, während die Schwarzen arbeiten. Linkisch beginnt er den Hof zu betonieren, wobei er sich nach einem Leben als Schriftsteller sehnt. Noch linkischer nimmt er Kontakt zur engeren Umgebung auf. Ohne Plan, doch voller Wunschträume. Ungesprächig ist er, fast bis zum Autismus. Das lässt ihn in den Augen der anderen hochnäsig, kalt und weltfremd erscheinen. Die anderen sind vor allem Frauen, denen er sich ungeschickt nähert.

Einer der besten Autoren unserer Zeit

Sie sprechen dem Biographen aus dem Heute heraus ihre Erinnerungen an den Sonderling von einst aufs Band. Im Bett der gebürtigen Ungarin Julia war er wohl vor allem gelandet, weil sie sich langweilte und an ihrem fremdgehenden Gatten rächen wollte. Die Beziehung zur Französin Sophie scheitert, weil sie Pläne hatte und er alles lassen wollte, wie es war. Lauter Missverständnisse und diese umfassende „Inkompetenz in Herzensangelegenheiten“. Am nächsten fühlte sich der Fatalist wohl seiner kinderlosen Cousine Margot.

Es war einmal in Afrika. In bestechend präziser Sprache lässt hier einer aus unterschiedlichen Blickwinkeln von sich reden. Lauter einprägsame Geschichten ordnen sich um ein Ich, dem man immer näher kommt, ohne es zu enträtseln. Genau das macht die Faszination dieses Buches aus und ordnet es ins Gesamtwerk eines der besten Autoren unserer Zeit.

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