Solitud von Víctor Catalá, 2007, SchirmerGrafSolitud.
Roman von Víctor Catalá (2007, SchirmerGraf - Übertragung Petra Zickmann).
Besprechung von Christoph Schröder in Die Zeit, 4.10.2007:

Die vielen Einsamkeiten
Eine erfreuliche Wiederentdeckung: Víctor Catalás Roman "Solitud" aus dem Jahr 1905

Am Anfang gibt es keine Fragen. Man steht vor der monumental-erhabenen Kulisse einer undurchdringlichen Bergwelt. Man sieht einen Mann und seine junge Frau, die sich einen steilen Pfad hinaufquälen, hin zu einer Einsiedelei, die ihr neues Zuhause werden soll. Mila, die Frau, aus deren gedanklicher Perspektive man den Weg mitverfolgt, fügt sich den Gegebenheiten, zunächst. Víctor Catalàs Roman Solitud erzählt einen inneren Wandel - er zeigt, wie eine Frau zu Beginn des 20.

Jahrhunderts in einer abgeschiedenen Welt sich diesen Gegebenheiten widersetzt und welchen Preis sie dafür zu bezahlen hat.

Solitud erschien erstmals in den Jahren 1904 und 1905 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Joventut - der Autorenname ist das Pseudonym der 1966 im Alter von 97 Jahren verstorbenen Schriftstellerin Caterina Albert i Paradís, die im Franco-Regime und aufgrund der damit einhergehenden Unterdrückung der katalanischen Sprache zum Schweigen gezwungen war. Solitud war mehr als vierzig Jahre lang verboten - es ist einer jener unerwarteten Glücksfälle, dass der Buchmessenschwerpunkt Katalonien das Werk nun auch in neuer Übersetzung auf den deutschen Markt gespült hat.

Solitud ist mehr als nur ein Frauenroman aus einer dunklen Gegend und einer fernen Zeit. Auf beeindruckende Weise baut Víctor Català (der Einfachheit halber soll es bei diesem Namen bleiben) in den ersten Kapiteln eine Landschaftsbühne auf, in der sich Schönheit und Düsternis, Verzauberung und Schrecken die Waage halten. Die Einsiedelei, die Mila und ihr Mann Matias schließlich am späten Abend erreichen, ist heruntergewirtschaftet, doch zu dem Schäfer, der ihnen das Tor öffnet, fasst Mila umgehend Vertrauen, wohingegen die Ehe mit Matias schon jetzt in einer unüberwindlichen Krise zu stecken scheint.

Mila bringt das Haus in Ordnung, und gleichzeitig mit der Wiederauferstehung des Gebäudes erwacht in Mila ein Gefühl, das immer stärker wird: »Ich bin richtig hübsch so! dachte sie, hob spontan das Metallbecken an die Lippen und küsste ihr eigenes Spiegelbild.«

Während Gaietàs, der Schäfer, Vergangenheit und Gegenwart des Ortes mit einem Netz von Mythen und Legenden überzieht, schwankt Mila zwischen Hochstimmung und Depression, zwischen unerfüllter körperlicher Begierde, der Scham ob derselben und der winterlichen Einsamkeit. Matias, ein Taugenichts ohnehin, hat sich in der Zwischenzeit mit dem Wilderer nima eingelassen, eine unheilvolle Verbindung, die in die Katastrophe führt.

Víctor Català gelingt in ihrem Roman ein sinnliches Sittengemälde des Landlebens um die Jahrhundertwende und das Psychogramm eines Menschen, der vor der eigenen Liebesfähigkeit erschrickt. Geschrieben ist Solitud in einer bild- und vokabelreichen Sprache, der nichts Anachronistisches anhaftet und deren Übersetzung sich äußerst geschmeidig liest.

Am Ende verlässt Mila die Einsiedelei. Sie droht ihrem Mann, ihn umzubringen, falls er versuchen sollte, ihr zu folgen, und wagt den Abstieg vom Berg in eine ungewisse Zukunft: »Die vielen Einsamkeiten des Lebens hatten sich zur Bitterkeit kristallisiert.«

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