Silbepfeile von Walter Kappacher,2000, Deuticke

Silberpfeile.
Roman von Walter Kappacher (2000, Deuticke).
Besprechung von Klemens Renoldner aus Rezensionen-online, *LuK*, 2000:

Der Rennfahrer im Werk Schlier
Walter Kappachers neuer Roman "Silberpfeile"

Mitsi, die eigentlich Mitsuko heißt, ist eine erfolgreiche Fotografin. Zu Beginn von Walter Kappachers neuem Roman »Silberpfeile« ist sie für einen, der sie vermißt, nicht da. Ihr Vater ist krank, sie ist bei ihm, in Oregon, drüben in den Staaten. Mitsis Freund heißt Mautner, hat keinen Vornamen und lebt in Eggelsberg, nahe Salzburg. Mautner hat seine Schulzeit in Linz verbracht, sein Vater war Lehrer. Nun wurschtelt sich der Sohn als geübter Melancholiker, vielmehr als kleiner Journalist durchs Leben, was der Vater nicht grandios findet. Mautner hat schon ein bißchen Sehnsucht nach seiner japanisch-amerikanischen Mitsi aber auch nicht zu sehr. Jetzt, da sie so weit weg ist, denkt er nach, über all diese kleinen Mißverständnisse, die er mit ihr erlebt hat. Schade, irgendwas spießt sich mit Mitsi. Ob die beiden sich jemals richtig geliebt hatten? Sie fand ja immer, daß er zu wenig Zeit für sie hatte. Die Verständigung klappte einfach nicht. Und jetzt: Mitsi ruft fünf Wochen lang nicht an, sie schreibt auch keine Briefe aus den USA. Dabei wollte sie doch nur zwei Wochen ausbleiben. Das ist kein gutes Zeichen, spürt Mautner. Ob sie überhaupt wieder heimkehrt, fragt er sich?

Es kommt, wie es kommen muß: der freiberufliche Mitarbeiter der 'Rennsport-Woche“ ist flink in Gedanken bei einer anderen, einer sommersprossigen Krankenschwester namens Johanna. Sie hat hübsche Stirnfransen und trägt bezeichnenderweise keinen Ehering, was diesem Mautner sofort auffällt. Für ein Gespräch oder gar ein amouröses date reicht es dann aber doch nicht, denn am Abend ruft Mitsi endlich, endlich an: »Meine Freundin rief spätabends an aus den Vereinigten Staaten, meldete ihre Rückkehr, und mir ist nachher etwas ganz klar geworden, was ich eigentlich schon lange wußte.« Was begriff Mautner, so fragen wir uns.

Auf nur drei Seiten, einer sehr minimalistischen Ouvertüre, gelingt es Kappacher, das filigrane Netz eines Spannungsrahmens zu skizzieren. Mitsi aber dürfen wir, so filigran ist diese Klammer nämlich, gar nicht kennenlernen, was höchst bedauerlich ist. Überhaupt sind die Liebesgeschichten in diesem Buch so vital wie der letzte Hauch eines müden Entsagungskünstlers. Mit Mitsi dürfte es jedenfalls endgültig passé sein. Freilich, oft ist man in diesem Roman auf Vermutungen angewiesen…

Trauriger als das Ende dieser höchst fragilen Leidenschaft ist, daß sich auch zwei andere Träume Mautners in Luft auflösen. Erstens wird das Projekt, ein bisher fehlendes Buch über die Silberpfeile, diese legendären Rennautos der dreißiger Jahre, zu schreiben, notgedrungen aufgegeben, aber auch für die anderen Recherchen, die die Arbeit an jenem Buch beiseite gedrängt haben, die Unterhaltungen mit dem ehemaligen Autokonstrukteur Paul Windisch, der nach seiner sportlichen Karriere in den Jahren von 1943 bis 1945 in einem Stollen bei Redl-Zipf an der Entwicklung der V2-Rakete arbeitete, scheint sich niemand zu interessieren.

Anstelle des erwünschten Aufstiegs aus dem brotlosen Journalistendasein zum geldverdienenden Buchautor, statt einer politischen Dokumentation zur oberösterreichischen Geschichte während des Zweiten Weltkriegs und statt eines neuen Anfangs mit Mitsi, Johanna oder sonstwem, überall nur Verlust, Entsagung und Selbstaufgabe.

Dennoch: dieser klägliche Liebesverlierer treibt über zweihundert Seiten eine ausufernde Geschichte aus sich heraus, die für die österreichische Literatur in den Zeiten der Schüssel-Politik ein kleiner Glücksfall ist. Das sage ich, obwohl der dokumentarische Teil des Romans – der Versuchsstand für die V2-Raketen im Stollen des Werkes Schlier bei Zipf; die Opfer unter den KZ-Häftlingen, die die Bauzeit erforderte; die Toten der Explosionen im Stollen; die Schindereien der SS-Leute – nicht unbekannt ist. (Kappacher erwähnt im Anhang einige Quellen, nicht jedoch den beeindruckenden und mehrfach ausgezeichneten Dokumentar-Film »Deckname Schlier« von Wilma Kiener und Dieter Matzka.)

Ein Problem dieses Buches ist, daß die beiden Hauptstränge des Romans etwas unvermittelt aufeinander folgen. Der Journalist Mautner findet nämlich erst auf Seite 155 über einen enormen Umweg zu seinem Stoff aus der Zeitgeschichte. Wir erleben das Glück beim Recherchieren in einem Automobilmuseum in Oberitalien, wo Mautner über die Erfolgsgeschichte der Silberpfeile Material sammelt. Wir erleben, Kappacher ist jetzt in seinem Element, die geradezu fanatische Begeisterung unseres Helden für alles, was mit Autos, Motorrädern, Rennwägen, Sportmaschinen, mit kühnen Motoren, ölverschmierten Spezialbastlern und risikobereiten Rennfahrern zu tun hat. Dann gibt es noch allerlei Anekdoten von Manövern, Ausfällen, Pannen und schrecklichen Unfällen zwischen Boxenstopp und Siegesfahne. 

Bei diesen Forschungen in Italien taucht immer wieder der Name des Rennwagenkonstrukteurs Paul Windisch auf. Der Journalist macht ihn schließlich in einem Salzburger Seniorenheim ausfindig. Aber die Geschichte, die dieser 85jährige Herr nun erzählt, ist eine ganz andere. Paul Windisch war zwar tatsächlich jener gesuchte Autobauer aus den dreißiger Jahren, aber die Erinnerungen an einen anderen Lebensabschnitt bedrängen den Alten wesentlich stärker. Als Techniker war er während des Krieges gemeinsam mit anderen Spezialisten sowie Häftlingen aus Wiener Neustadt und dem KZ Mauthausen im unterirdischen Stollen neben der Brauerei Zipf. Bei einer enormen Explosion im Herbst 1944 kommen viele Häftlinge und technische Experten ums Leben. 

Diese beiden Geschichten sind nur lose aneinandergesetzt, ein Problem, das wohl auch der Autor spürte, der mit einer Rahmengeschichte Halt gesucht hat. So richtig gelingt das nicht, die Figuren leben fast ausschließlich durch ihre Berichte, und Paul Windischs Monolog breitet sich ohne Unterbrechung über viele Seiten aus. So viel Material! 

Mit dem letzten Kapitel gelingt Kappacher allerdings noch eine raffinierte Wendung: Mitsi ist zwar zurück, Mautner verläßt sie jedoch im Morgengrauen. Er fährt nach Linz, zu seinem fürsorglichen Vater, der seinen Sohn, diesen allzu bedächtigen Looser, endlich in ein festes Arbeitsverhältnis bugsieren will. Und da passiert es: In Linz, auf der Promenade vor dem Stifter-Denkmal, versucht Mautner das eben erhaltene, eher trostlos zu bezeichnende Angebot zu verarbeiten – er könnte ein kleiner Mitarbeiter im Archiv einer Linzer Tageszeitung werden. Ein Gefühl stellt sich ein: »Etwas ist vorbei – aber was beginnt jetzt?« 

Da ist noch der Auftrag für einen Artikel in einer Zeitschrift – also einfach so freiberuflich weitermachen wie bisher? Nein, sagt sich Mautner, dieses Gespräch mit dem alten Techniker Paul Windisch werde ich aufschreiben. Auch wenn Mitsi immer meinte, es gäbe doch auch Autosport-Bücher zu schreiben, die mit SS, KZ und überhaupt der ganzen Nazi-Zeit nichts zu tun hätten. Wo sie nicht unrecht hat. Der Autor Walter Kappacher war jedoch anderer Meinung. Er hat die Arbeit seines geduldigen Helden erledigt, und hält damit die Erinnerung wach an all jene Geschundenen und Toten im Werk Schlier. Dafür muß man ihm danken.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter WOZ Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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