1.) - 2.)
Siegfried.
Roman von Harry
Mulisch (2001, Hanser).
Besprechung aus Herwig Weber, Kurier-Online, vom 11.9.2001:
Die Story
Der erfolgreiche niederländische Schriftsteller Rudolf Herter ist auf Besuch in Wien, um
aus seinem neuesten Roman vorzulesen. Auf der Suche nach der Persönlichkeit Hitlers in
dessen Heimatstadt, gerät Herter immer mehr in den Bann des Diktators. Als ihm ein altes
Ehepaar das bisher gehütete Geheimnis um den Sohn Adolf Hitlers und Eva Brauns,
Siegfried, enthüllt, geraten die Gedankenexperimente Herters außer Kontrolle und enden
im Fiasko.
Die Glaubwürdigkeit
In seinem dreizehnten Buch, "Siegfried", präsentiert uns der Bestsellerautor
Harry Mulisch ("Die Entdeckung des Himmels") zunächst seinen Kollegen Rudolf
Herter, den er solcherart mit Attributen ausstattet, dass es einem schwer fällt, in ihm
nicht Mulischs literarischen Platzhalter zu sehen. Das erzeugt Glaubwürdigkeit, der Leser
ist nun für die unglaublichsten Eröffnungen bereit. Harry Mulisch übt sich in der Folge
in der Kunst des literarischen Anagramms, des Spiels mit Versuchsanordnungen. Auf Seite 24
lässt Mulisch sein Alter ego mit dem Namen ADOLF HITLER experimentieren, bis etwas
annähernd sinnvolles (HALL FREITOD) herauskommt - erklärt damit die Poetik seines Romans
und begibt sich aufs Feld der Beliebigkeit.
Die Philosophie
Wenn lange genug im Topf der phantastischen Möglichkeiten umgerührt wird, kommt
irgendwann ein Sohn Hitlers heraus. Der wird dann auf Befehl des Führers umgebracht, das
Unheil nimmt im Kopf Herters seinen Lauf. Nur weil es möglich ist, ist es nicht schon
plausibel. Herter verliert sich nach der Erzählung um den Sohn Hitlers in verwirrende
philosophische Abhandlungen (es wird wieder kräftig umgerührt), mit der Erkenntnis, dass
Nietzsche und Hitler zwei
Seiten derselben Medaille sind, Hitler wird als das alles verschlingende Nichts entlarvt.
Dies wird mit Zahlenakrobatik und Wortanalogien untermauert - allein, das Spiel wurde von
anderen Autoren schon überzeugender gespielt. Zum Schluss entsteht in Herters Kopf noch
ein Auszug aus Eva Brauns Tagebuch, in dem sie von den letzten Tagen im Führerbunker
erzählt und die allerletzten Geheimnisse um Siegfrieds Tod lüftet.
Die Hürde
Mulisch scheitert an der Hürde, den Schrecken um das Wissen von Hitlers Taten um den
Sohnesmord noch zu erweitern - die Person des Siegfried bleibt auch seltsam blass, im
Vordergrund steht Bekanntes um den Obersalzberg und den Führerbunker. Logisch, aber auch
nicht neu, dann die Flucht in die Abstraktion, die Herter auf der Suche nach der
Persönlichkeit Hitlers unternimmt. Mulisch beweist mit "Siegfried" seine
glänzende Routine im Umgang mit dem Baukasten "Literatur" - neues kann er ihm
aber nicht hinzufügen.
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2.)
Siegfried.
Roman von Harry
Mulisch (2001, Hanser)
Besprechung von Beate von Brentano, Focus, 2001:
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.focus.de]
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