Sieben Wegbereiter.Schriftsteller des zwangisten Jahrhunderts.
Aufsätze von Marcel Reich-Ranicki (2002, DVA).
Besprechung von Ina Hartwig in der Frankfurter Rundschau, 19.9.2002:

Parteiausschluss
Marcel Reich-Ranicki macht sich über den Wegbereiter Robert Musil her

Der Zeitpunkt ist gut gewählt, oder schlecht, je nachdem. Ein Sammelband mit Aufsätzen von Marcel Reich-Ranicki über seine Sieben Wegbereiter, den die Deutsche Verlags-Anstalt jetzt vorlegt, soll den Literaturkritiker von gleich zwei Seiten ins rechte Licht rücken. Erstens gegen die groben bis gröbsten Geschmacklosigkeiten, mit denen Martin Walser ihn in diesem Frühjahr zu beschmutzen versuchte; zweitens gegen die Zweifler und Neider unter den Kollegen Kritikern, Stichwort Goethepreis. Möge der geneigte, von den Intrigen des Geschäfts unberührte Bücherkäufer selbst entscheiden, ob er die an anderer Stelle bereits erschienenen Aufsätze über Schnitzler, Thomas Mann, Döblin, Kafka, Tucholsky und Brecht noch einmal durchlesen möchte (Marcel Reich-Ranicki: Sieben Wegbereiter. Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts. Stuttgart und München 2002, 299 Seiten, 19,90 Euro). Wir wollen uns auf den einzigen Aufsatz beschränken, der neu ist. Er gilt Robert Musil - und stellt eine genüsslich in die Länge gezogene, eine bemerkenswerte Beleidigung dar.

Seine sieben Wegbegleiter habe er "auf der Suche nach Unterhaltung und Vergnügen" geradezu benötigt, steht im Vorwort: "Und sie haben mich in der Regel durchaus nicht enttäuscht." Nun, der arme Musil bildet die bedauerliche Ausnahme, er hat MRR durchaus gar schwer enttäuscht. Halten wir uns nicht weiter mit der Frage auf, warum er überhaupt in diese Sammlung der Unterhaltung und des Vergnügens aufgenommen wurde; sehen wir, was Musil falsch gemacht hat.

Die Antwort ist einfach: so ziemlich alles. Musils Frühwerk, besonders die Novelle Die Verwirrungen des Zöglings Törleß wird noch mit ein paar zweifelhaften Komplimenten bedacht, ("oft interessant und bisweilen auch überzeugend"), doch am Hauptwerk, dem Fragment gebliebenen Roman Der Mann ohne Eigenschaften wird kein gutes Haar gelassen: chaotische Prosa, Figuren ohne Fleisch und Blut, keine klar umrissene Hauptperson, zu abstrakt, zu diskursiv, zu essayistisch, zu sentimental, ja sogar: kitschig. Und dass Musil sich für dieses misslungene Werk verzehrt hat, dass er sich Jahrzehntelang damit herumquälte und das sogar zugab, das legt MRR auch noch gegen ihn aus. "Ich weiß zu selten, was ich will", lautet eine von Musils Selbstanklagen, und der Kritiker jubiliert: "So ist es, hier muss man Musil voll und ganz zustimmen."

"Karl Corino hat das erkundet", heißt es in dem Aufsatz einmal schroff. Was er erkundet hat? Musils dürftige Wohnverhältnisse in den dreißiger Jahren in Wien, als der Schriftsteller ausschließlich an seinem Roman arbeitete. Der "Wasserhahn draußen im Treppenhaus" wird MRR (nicht Corino) zum Zeichen einer Armut, die als gerechte Strafe für mangelndes Talent erscheint. Perfidie oder nur Dünkel? Tatsache ist, dass MRR Musils peinigendes Nichtfertigwerden, seine Erfolglosigkeit und seinen Selbstzweifel in Zusammenhang mit einem bisweilen ins Größenwahnsinnige driftenden Selbstbewusstsein nicht erträgt; er bescheinigt dem Schriftsteller eine "pathologische Mentalität".

Das Lachen bleibt einem im Halse stecken: Sollen wir jetzt wieder Gesundheit und Literatur zusammendenken? Die "Unanschaulichkeit" der Musilschen Sprache wird einfach so dekretiert, während die zitierten Textbeispiele das nicht unbedingt belegen. Dieser von einer befremdlichen Aversion diktierte Essay kulminiert schließlich in dem Vorwurf: "Missbrauch der Romanform". Das folgt, pardon, der Logik von Parteiausschlüssen.

Nun lohnt zweifellos eine kritische Auseinandersetzung mit Musils ausuferndem Mann ohne Eigenschaften, mit der Musil-Forschung und mit der Biographie dieses Schriftstellers (Corino arbeitet an einer), doch sollte ein gewisses Niveau nicht unterschritten werden. Was MRR völlig übersieht, zu übersehen eisern entschlossen ist: dass es sich um einen großen Sehnsuchtsroman handelt. Dessen "Scheitern", das - zugegeben - von der Musil-Gemeinde zeitweise verklärt worden ist, ändert nichts an dem Stellenwert. Ja, der Roman ist nicht fertig geworden, und es ist sehr wohl erlaubt, nach den Gründen zu fragen. Ja, das Verhältnis von "Diskursivem" und "Poetischem" ist in diesem Werk nicht ganz austariert, auch das darf kritisch aus der Nähe betrachtet werden. Aber so einfach, wie MRR die Wiener "Parallelaktion" zum deutschen Kaiserjubiläum als läppisch abkanzelt, so einfach, wie er die inzestuöse Liebesgeschichte zwischen Agathe und Ulrich wegwischen will, geht es nun wirklich nicht. Bzw., es geht nur um den Preis einer erstaunlichen Ignoranz.

Man kann bis zur Heiserkeit wiederholen, ein Buch sei "langweilig", ohne deshalb recht zu bekommen: MRR findet ja auch Claude Simon und den Nouveau Roman langweilig. Musil jedenfalls wollte naturwissenschaftliche Präzision mit mystischer Innerlichkeit, mit einem "anderen Zustand" verbinden. In diesen Binnenraum verlegte er die Liebesgeschichte von Agathe und Ulrich, die nicht deshalb von Bedeutung ist, weil sie ihren Absolutheitsanspruch am Inzestverbot misst, sondern weil sie ein Unbehagen am Ist-Zustand zum Ausdruck bringt; ein Unbehagen, das prophetisch war.

So verwöhnt, pathetisch und letztlich unentschieden die Geschwisterstory sein mag: Musil modellierte sie vor dem Hintergrund einer Belle Epoque, in der Männer sich "anfallweise" über ihre Ehefrauen hermachten - wie Sektionschef Tuzzi über die tapfere Diotima -, die ihrerseits nach Liebhabern lechzten. Diesen "unrechten" Beziehungen wollte Musil die "rechte", die "utopische" Liebesbeziehung entgegensetzen. Das spricht nicht gegen ihn. Übrigens, nicht die Emanzipation der Frau interessierte diesen Schriftsteller - er behandelte sie als erotisches Diminutiv -, sondern die Androgynität, die Natürlichkeit, der Widerstand der Hysterie, die Erotik des Verbrechens, der Prostitution und der Anarchismus der psychiatrischen Klinik. Es ist bezeichnend, dass die nietzscheanisch elektrisierte Clarisse, eine keineswegs konturlose Protagonistin des Romans, und der von ihr angehimmelte Mörder Moosbrugger bei MRR nicht einmal Erwähnung finden: Der Kritiker lässt Musil zur Ader, bevor er sein Urteil spricht.

Wer diese jüngste Musil-Schelte als Bestätigung seiner eigenen Unlust instrumentalisiert, den Mann ohne Eigenschaften zu lesen, der hat schon verloren. Für die anderen heißt es warten: auf Karl Corinos Musil-Biographie, die im nächsten Jahr erscheinen soll.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung 0902 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau